standpunkt 12. Jul 2019

Die Rechnung ohne Kunden gemacht

Essen ist in den letzten Jahren zu einer Art Kultur geworden. Dies lässt sich an den vielen Kochsendungen, Wettbewerben und nicht zuletzt an den Köchen, die zu Berühmtheiten hochstilisiert werden, festmachen. Was sich aber an der Gemeindeversammlung (GV) der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich (ICZ) von letztem Montag abgespielt hat (vgl. S. 12), lässt sich nicht mit diesem Trend erklären, es hat auch nicht den geringsten Anschein eines kulturellen Events, auch wenn ein mit Insider- und historischem Wissen vertrauter Betrachter durchaus eine Inszenierung im Ablauf der Ereignisse sehen kann.

Wie ist es sonst zu interpretieren, dass die Gemeinde der Arbeitsgruppe von Jonathan Bollag in der letzten Generalversammlung den Auftrag gab, das Restaurant in eine neue Ära zu führen, nicht aber bereit war, dieses Thema als eines von auch anderen vorgesehenen Themen in die Traktandenliste der Sommer GV aufzunehmen, sodass die Behandlung dieses Punktes durch eine Motion «erzwungen» werden musste? Wie ist es sonst zu erklären, dass die Klimaanlage, deren Wichtigkeit und grosses Bedürfnis allgemein bekannt war und aufgrund dieses Wissens beim Umbau grosser Wert auf deren Qualität gelegt wurde, zwar scheinbar schon einige Tage defekt war, nicht aber im Hinblick auf die GV repariert wurde? Was hat es für eine Bedeutung, dass vom Vorstand bemängelt wurde, dass der mit der Arbeitsgruppe verhandelnde Pächter Ariel Porath kein bis ins Detail gehendes Konzept vorgelegt habe, wenn andererseits gerade dem Vorstand bekannt sein sollte, dass es nicht das beste schriftliche Konzept ist, das ein gutes Restaurant ausmacht, wie es die Erfahrung beim Restaurant 8.25 gezeigt hat?

Dass das Restaurant Olive Garden wegen Krankheit geschlossen blieb, genau an dem Abend, an dem die Generalversammlung nicht wie üblich um 19.30 sondern bereits um 19 Uhr begann, und sich verschiedene Anwesende deshalb auch lautstark darüber äusserten, dass sie sich gerne ein Sandwich gekauft hätten, kann, muss aber nicht als Inszenierung betrachtet werden. Ins Drehbuch passt es aber allemal. Obwohl die Anträge sowohl der Arbeitsgruppe, die übrigens eine hervorragende Arbeit geleistet hat, als auch des Vorstandes beziehungsweise der GRPK bekannt waren, wurden alle Anträge erst am Abend selber eingebracht. Dies sorgte sowohl bei den Gemeindemitgliedern als auch beim Vorstand, ja wahrscheinlich sogar bei der GPRK gründlich für Verunsicherung: So war es nicht immer klar, wo es sich um neue Anträge und wo es sich um Abänderungsanträge handelte; wann man ausschliesslich für einen Antrag wann für mehrere abstimmen durfte; ob es sich nun um das Coup System oder um die Anpassung von Anträgen handelte. Die Verwirrung ging sogar soweit, dass bei dafür- und dagegen Stimmen mehr Stimmen ausgezählt wurden, als Leute im Saal anwesend waren, also klarerweise das Gefühl bestand, zweimal abstimmen zu können.

Wenn auch keine Klarheit, aber der klägliche Versuch einer kleinen Parodieeinlage schaffte der an «Deutschland sucht den Superstar» angelehnte Spruch «Jonathan, du bist weiter …». Man kann sich des Gefühls nicht erwehren, dass im Saal trotz der vielen Anträge eine weniger kopflastige und vielmehr eine emotionale Atmosphäre herrschte: Die Lautstärke des Applauses sowie der Ausgang der Abstimmungen zeigen den Wunsch für ein neues Restaurant und ganz klar auch Wohlwollen und Sympathie für Jonathan Bollag und seine Arbeitsgruppe. Die Gemeinde macht den Eindruck, nach vorne schauen zu wollen. Es war im Jahr 2011 richtig und wichtig in die Bresche zu springen und Zürich mit einem koscheren Restaurant zu versorgen. Davon profitierten nicht nur die ICZ, sondern auch die anderen Zürcher Gemeinden sowie Touristen, denen koscheres Essen wichtig ist. Als grösste jüdische Gemeinde in Zürich waren wir für die Bereitstellung dieser Möglichkeit verantwortlich und waren auch bereit, ein gewisses finanzielles Risiko zu tragen. Es ging darum, dieses Projekt aufzugleisen, nicht aber darum, es ohne Zeitlimit zu begleiten.

Wie andere Gemeinden steht auch die ICZ unter immer grösser werdendem finanziellem Druck. Will man beim hohen Standard der Kernleistungen der Gemeinde keine Kompromisse eingehen, besteht wenig Einsparpotenzial. In ihre Kernleistungen wird die Gemeinde eher weiter investieren müssen: seien es soziale Fälle, seelsorgerische Begleitungen und, last but not least, Kindergarten und Schule. Gerade in Zeiten von unendlich vielen Konsummöglichkeiten kulinarischer und nicht kulinarischer Art, wirft es auf die ICZ ein positives Bild, wenn sie sich auf ihre eigenen wichtigen Werte besinnt. In Zukunft kann das Geld, das in die Führung des Restaurants gesteckt wurde, für die Erziehung und die Jugend eingesetzt werden, denn die Jugend von heute sind die Protagonisten von morgen.

André Bollag war von 2008 bis Ende 2015 zusammen mit Shella Kertész Co-Präsident der Israelitischen 
Cultusgemeinde Zürich und damit mitverantwortlich für die Gründung des Restaurants Olive Garden als Gemeinderestaurant.

André Bollag