die literarische Kolumne 27. Mär 2026

Die Geschichte des Volkes

«Niemand kann aus der Geschichte seines Volkes austreten. Man soll und darf die Vergangenheit nicht auf sich beruhen lassen, weil sie sonst auferstehen, und zu neuer Gegenwärtigkeit werden könnte.»
Jean Amery


Was kommt da wieder aus den Menschen gekrochen, mit Begeisterung und wie über Nacht, kann man es wieder laut sagen, was man von Juden hält. Man kann sie endlich, endlich wieder hassen, das Bild in sich tragen vom reichen Banker, dem weissen Kolonialisten, und nichts als Müll in den Köpfen, was ist das nur. Als hätte es das Lernen nie gegeben, als wäre die kurze Pause in der Geschichte nur geträumt, in der begeisterte Menschen schunkelnd in Klezmer Konzerte trabten, die jüdischen Restaurants hip waren, als jeder, der etwas auf sich hielt, einen jüdischen Bro hatte, oder mal nach Tel Aviv reiste. Vorbei.

Vergessen. Wie die Jugendlichen des Nova-Festivals, die Entführten, ja es waren Deutsche unter den Opfern, das ist den Menschen doch immer wichtig, als wenn es eine Rolle spielen würde. Vergessen Opfer der Morde am 7. Oktober. Uff, jetzt aber, jetzt werden Synagogen gestürmt, Schulen mit Molotovs beworfen, Juden attackiert, gehasst im Netz und dem, was wir reales Leben nennen. Was für ein Leben, in dem Menschen sich keinen Schritt weiterentwickeln.

Als hätten die Massen nur darauf gewartet, einen Grund zu finden, um ihrem Elend wieder einen Namen zu geben. Und was will man sagen, wie Israel verteidigen mit dieser Regierung, die so unfähig ist wie Regierungen so vieler Länder im Moment, menschenverachtend, planlos, nur am eigenen Erhalt interessiert. Wie viele. Aber es geht um Juden, also, das muss man doch sagen dürfen, auf den Demonstrationen gehüllt in sichere Anteilnahme, auf der sicheren Seite der Unterdrückten, gegen die Banker, gegen das Volk der Rothschilds.

Nicht wissend, was der Begriff Zionismus einst bedeute, nichts wissend, ausser: da sind so Gefühle – mit den Unterdrückten zu sein, zum Beispiel. Nicht im eigenen Land, ausgelagert. Und die Sucht, etwas zu hassen, was einem so ähnlich ist, dieselbe Sprache spricht, jemanden zu hassen, dessen Geschichte man teilt, aber eben nicht ganz.

Die Dummheit der Menschheit ist immer wieder erstaunlich, die Reflexe, die fast genetisch verankert scheinen, so unbegreiflich, dass viele nur noch mit Menschen in Beziehungen treten, mit denen sie die gleiche historische Seite teilen. Wie schade für uns alle. Wie traurig das Gegeneinander. Und vielleicht wird diese neue Woge des Ewiggleichen verebben. Zeit wird über den Hass wachsen, ihn verdecken, dort unten irgendwo wird er schlafen. Oder vielleicht irgendwann verschwunden sein, wenn die Menschen gelernt haben, dass wir doch alle so gleich sind in unseren Hoffnungen und Träumen. Bis es so weit ist, darf man sie nicht vergessen, die Geschichte des Volkes.

Sibylle Berg ist deutsch-schweizerische Schriftstellerin und Dramatikerin. Sie lebt in Zürich.

Sibylle Berg