Sidra Beschallach 30. Jan 2026

Die fünfte Dimension

Kurz vor der wundersamen Spaltung des Schilfmeeres, die den Auszug aus Ägypten vervollständigte, hatten die Israeliten bange Momente zu überstehen: «Also jagten ihnen die Ägypter nach mit allen Rossen, Wagen und Reitern des Pharao und mit seiner Macht und erreichten sie, als sie am Meere (...) gelagert hatten. Und als Pharao nahe zu ihnen kam, erhoben die Kinder Israel ihre Augen und siehe, die Ägypter zogen hinter ihnen her; und sie fürchteten sich sehr. Da schrieen die Kinder Israel zu Gott und sprachen zu Mosche: ‹Sind etwa keine Gräber in Ägypten, dass du uns genommen hast, damit wir in der Wüste sterben? Warum hast du uns das angetan, dass du uns aus Ägypten geführt hast? Haben wir dir nicht in Ägypten schon gesagt: Lass ab von uns, dass wir den Ägyptern dienen? Denn es wäre uns ja besser, den Ägyptern zu dienen, als in der Wüste zu sterben!›» (2. B. M. 14:9–12). Mosches Antwort auf diesen verständlichen Panikausbruch seines Volkes liess nicht lange auf sich warten: «Fürchtet euch nicht, steht aufrecht und sehet die Rettung Gottes, die er euch heute erteilen wird; denn diese Ägypter, die ihr heute sehet, sollt ihr nie mehr sehen für immer! Gott wird für euch streiten, und ihr sollt schweigen!» (14:13–14). Der Midrasch Mechilta erkennt in diesen Versen vier Gruppierungen, die sich in Reaktion auf die nahenden ägyptischen Krieger innerhalb des jüdischen Volkes geformt hatten: Eine Gruppe wollte sich in die Fluten stürzen und sich das Leben nehmen. «Lieber in Freiheit sterben als in Knechtschaft leben», müssen sie sich wohl gesagt haben. Die zweite Gruppe wollte sich den Ägyptern ergeben und diesen wieder als Sklaven dienen. «Lieber als Sklaven leben als gar nicht», muss wohl ihr Slogan gewesen sein. Die dritte Gruppe wollte sich gegen die nahenden Feinde im Kampfe wehren. «Lieber im Kampfe den Heldentod sterben als zurück in die Sklaverei!» Die vierte Gruppe sah den einzigen Ausweg im Beten. Schliesslich heisst es ja im oben zitierten Bibelvers, dass die Israeliten zu Gott schrieen. Welche Gruppe sollte recht behalten? Was ist wohl der richtige Weg, für welchen sich Gott entscheidet? «Gott sprach zu Mosche: Was schreist du zu mir? Sage den Kindern Israels, dass sie losziehen sollen!» (12:15). Gott ist also mit keinem der vier Möglichkeiten einverstanden! Vielmehr offenbart er den Israeliten eine fünfte Möglichkeit – oder treffender: Unmöglichkeit – in Form des Weitermarschierens ins Meer. Und dies nicht, um sich das Leben zu nehmen.

Einer der originellsten rabbinischen Denker unserer Zeit, Michel Birnbaum-Monheit, hat sich in einer Abhandlung eingehend mit diesem Midrasch auseinandergesetzt: «Es versteht sich, dass die vier Positionen des Volkes rein menschlich sind. Vielleicht erscheinen einige sympathischer als die anderen – es ist ohne Zweifel besser, zu beten, als sich umzubringen, auch scheint es weiser zu sein, sich zu wehren, als aufzugeben –, trotzdem aber spielen sich all diese Möglichkeiten in der humanen Dimension ab. Analysiert man verschiedene Herausforderungen im Leben der Menschen, so werden sich deren Entscheidungen mit Bestimmtheit im menschlichen Rahmen befinden. Was in unserem Fall nun zum Ausdruck kommt, ist die Existenz einer fünften, der göttlichen Dimension, einer unmöglichen Dimension (...). Nicht einmal das Gebet fand Gunst in den Augen Gottes! Die Dimension Gottes könnte man als ‹komplett anders› bezeichnen, eine Dimension, die sich von der menschlichen wesentlich unterscheidet.»

Es scheint besonders passend, diesen Midrasch im Zusammenhang mit den in diesem Jahr anstehenden Wahlen in Israel zu studieren. Ironischerweise lassen sich sogar einige Parallelen der vier Volksgruppen am Schilfmeer mit israelischen Parteien herstellen. So gibt es im heutigen Israel Stimmen, die im Gebet und im Thora- und Talmudstudium die Hauptgarantie für die Existenz Israels sehen. Andere wiederum konzentrieren sich auf die militärische Kraft des jungen jüdischen Staates und sehen in ihr den Hauptgaranten für dessen Überleben und Gedeihen. Dann gibt es Stimmen, die dem jüdischen Staat dessen jüdischen Charakter komplett absprechen wollen und einen Vielvölkerstaat ohne jeglichen jüdischen Inhalt vorsehen. Es steht dem Leser frei, diese Meinung mit der metaphorischen Rückkehr in die ägyptische Sklavenschaft oder mit den «Selbstmordgedanken» der vierten Gruppe am Schilfmeer in Verbindung zu setzen. Eine weitere Parallele zwischen dem Midrasch und dem heutigen Israel darf man jedoch nicht vergessen: Wie damals so ist auch heute jede Partei von ihrer eigenen Richtigkeit überzeugt. Jede Partei ist sich sicher, den göttlichen Willen beziehungsweise die Wahrheit auf ihrer Seite zu wissen. Aber niemand hat das Recht dazu. Gottes Wege sind unergründlich. Die göttliche Dimension lässt sich nicht in den engen menschlichen Rahmen pressen. Und die Wahrheit ist in niemands Tasche. Somit lehrt uns der Midrasch eine Tugend, welche so manchem Menschen und insbesondere Politiker nicht schaden dürfte: Demut.

Emanuel Cohn