Zu der Frage, wie viel ein Menschenleben wert ist, haben wir ein sehr kompliziertes Verhältnis. Es gehört zu dem unabdingbaren Wertekanon moderner demokratischer Gesellschaften, dass ein Menschenleben einen absoluten Wert besitzt, welcher das höchste Gut überhaupt ist, das eine Gesellschaft zu verteidigen hat, und dass es auch im Relativen, also dem Wert verschiedener Menschenleben, grundsätzlich keine Differenz gibt.
In der Praxis wird dieser Grundsatz immer wieder infrage gestellt. Betrachten wir etwa die zuerst in den Niederlanden, aber inzwischen auch in etlichen anderen europäischen Staaten eingeführte «aktive Sterbehilfe», welche in Fällen grossen Leidens erlaubt ist. Hier wird nicht die blosse Existenz menschlichen Lebens als wertvoll an sich empfunden, sondern dessen Qualität wird zum entscheidenden Massstab. Was uns an dieser Stelle jedoch mehr interessiert, ist, ob es in der Praxis auch eine faktische Unterscheidung zwischen dem Wert des Lebens unterschiedlicher Menschen gibt.
In dieser Frage haben unter anderem historische Ereignisse wie die Abschaffung der Sklaverei, zumindest in der westlichen Welt, aber auch Negativbeispiele wie die Verbrechen der Nationalsozialisten ein hohes Bewusstsein für die grundsätzliche Gleichheit unter Menschen geschaffen. Dieses Bewusstsein ist aber nicht so sehr in Stein gemeisselt, wie man meinen könnte. Es gibt bekanntlich Exponenten in der heutigen Tech-Elite, die durchaus mit Ideen wie einem intellektuell-technologischen Übermenschentum spielen, indem sie für sich definieren, wer im Falle einer apokalyptischen Katastrophe, die zum Überleben Auserwählten sein sollten (sie selbst), und welchen Teil der Menschheit (die überwältigende Mehrheit) man dem Untergang preisgeben würde. Man könnte diese erschreckende Folgeerscheinung der Technologisierung der Welt als Fortschreibung dessen beschreiben, was Max Horkheimer und Theodor Adorno schon vor fast 80 Jahren mit der «Dialektik der Aufklärung» umschrieben.
Die Sidra Wajikra gibt uns einen radikal anderen Weg und ein ganz anderes Bezugssystem, um zu beschreiben, was der Wert eines Menschen ist: Es beruht nämlich auf seiner moralischen, gottbezogenen Lebensweise. Der Umfang von «chatat» («Schuldopfer») wird an dem Vermögen der Person ermessen, die es nach erfolgtem Sündenbekenntnis darzubringen hat. Es besteht aus einem weiblichen Schaf, zwei Turteltauben oder einem Mass feinen Mehls (was je nach Umrechnungsformel des biblischen Masses 1,7 bis 2,2 Liter umfasst) (vgl. 3. B. M.5,6–13). Hierdurch schafft die Thora nicht etwa einen Statusunterschied, sondern zeigt im Gegenteil, dass sie Schuld beziehungsweise die Sühneleistung als das absolute und einzige Mass des Menschen nimmt. Ein Sühneopfer bringen zu können, ist kein Privileg der Reichen, das sich die Armen nicht leisten könnten. Entsühnt zu werden ist für die Reichen aber auch kein Discount-Geschäft, dessen sie sich mit einer für sie vernachlässigbaren Summe entledigen können, während es für die Ärmeren immer noch einen beträchtlichen Aufwand bedeutet.
Zugleich ist dieses Opfer auch kein Statussymbol. Es ist eine eher unangenehme Angelegenheit, und der Umstand, dass (wie Raschi zu Vers 13 zeigt) sich die Bemessung des Opfers nicht nach dem Vermögen des Menschen zum Zeitpunkt des Vergehens richtet, sondern zum Zeitpunkt des Opferns, zeigt zusätzlich, dass es einzig um die adäquate Sühne geht. Für den Reichen wie für den weniger Bemittelten hat das folglich eine Bedeutung: sich vor Gott zu reinigen – und allein daran wird gemessen, ob der Mensch auf der Erde seinem Lebenssinn gerecht geworden ist oder nicht.
Moralische Qualität und Gottesnähe sind nicht durch Stand, Talent, Reichtum oder andere Werte zu kaufen. Das Mass ist immer der Mensch selbst, kraft seiner Möglichkeiten. Dies ist eine der (zahlreichen) Lehren, die uns der heute oft so fremd erscheinende Opferdienst für das allgemeine Menschenbild und für die Beziehungsgeschichte zwischen Gott und Mensch bietet.
Sidra Wajikra
20. Mär 2026
Der Wert des Menschen
Alfred Bodenheimer