«Und ich brauche doch so schrecklich Freude.»
Anna Segehrs
Gerade stottern sich im deutschen Fernsehen Moderatorinnen durch die Meldung der Morde in Australien. Von Chanukka bis zu den unbestimmten jüdischen Feiertagen. Es ist die Rede vom Entsetzen, der Bestürzung bei Juden weltweit, auch in der Schweiz. Keine Rede ist vom «Warum». Warum sind nur Juden entsetzt? Warum könnte es sein, dass der Slogan «Globalize the Intifada» Wirkung zeigt? Der mangelnde Widerspruch, wenn es heisst: «Wir sind nicht gegen Juden, sondern gegen Zionismus». Oberflächlich wird wieder ein Massenmord abgehandelt, morgen wird wieder eine Ungeheuerlichkeit Bildschirme und Zeitungen beherrschen, die Menschen werden es müde zur Kenntnis nehmen.
Und nichts scheint zu helfen gegen die alten Lügen und Märchen, die in so vielen Millionen eine «Havsaka» («Pause») gehalten haben. Endlich darf man alles wieder sagen, es dient ja dem Kampf der Unterdrückten. Der Schweizer Nemo gibt seine alte Eurovision-Song-Contest-Trophäe zurück, vermutlich in Styropor gewickelt, erreicht das Päckchen des jungen Menschen, der sich für die Gleichheit aller, ausser Israelis – die arabischen vermutlich aus Unkenntnis mitgemeint – einsetzt, irgendjemanden. Nicht erreicht hat die Menschen in Israel ein Mitgefühl für den Verlust, die Ermordung so vieler junger Menschen, die Nemo doch glichen, in ihrem Queersein, dem Anderssein, dem alles Umarmenden.
Die Zeit der Barbaren ist zurück. Und je härter die Lebensbewältigung für so viele wird, die Bildungsausgaben gekürzt werden und der Wettbewerb auf dem Endlevel der neuen Kriegslust tobt, umso mehr werden wieder Schuldige gebraucht, denn wer mag sich schon mit Finanzimperien, globalen Immobilienanlegern oder aufpeitschenden schlichten Führern anlegen? Nichts Neues auf der Welt. Vermutlich hätte unsere Spezies sich anders entwickeln können - mitfühlend, freundlich, entspannt – wenn uns nicht der Wettbewerb dazwischengekommen wäre und die Belohnung von Brutalität und Rücksichtslosigkeit. Schade. Bösartig werden die wenigsten geboren, zu Hassenden werden sie gemacht.
Und tun kann man als vom Hass Betroffener wenig. Zurückzuhassen macht das Leben noch unangenehmer.
Man kann glauben, dass alles zu retten ist. In Schulen gehen, aufklären. Ja, warum nicht? Man kann schreiben, Filme machen, Reden halten, sichtbar werden und sich damit trösten, dass dieses Leben zu kaum einem freundlich ist. Man kann durchatmend erkennen: Keiner da draussen liebt einen, der nicht zu seinem engsten Kreis gehört. Man kann der Welt mit Mut begegnen, wenn man die Kraft dafür hat. Die Macht des Einzelnen ist es, der Welt mit Freundlichkeit zu begegnen. Etwas Licht in die Welt zu bringen. «Chag sameach!»
Sibylle Berg ist deutsch-schweizerische Schriftstellerin und Dramatikerin. Sie lebt in Zürich.
die literarische Kolumne
16. Jan 2026
Der Welt mit Freundlichkeit begegnen
Sibylle Berg