Die literarische Kolumne von Sibylle Berg
«Jeder Mensch muss den Widerspruch ertragen, sich als Mittelpunkt der Welt zu erleben, aber genau zu wissen, dass er völlig überflüssig ist.»
Max Horxheimer
Prost Max. So viele Machthaber (verrücktes Wort für Politiker in einer Demokratie) sind es, die unsere Welt gerade voller Allmachts- und Unsterblichkeitsfantasien ins Elend stürzen.
Auch die weniger Mächtigen liefern sich einen Wettkampf im lauten, rechthaberischen Herumschreien, auf der Seite der Richtigen, Guten, Wahren, um auf ihre Einmaligkeit hinzuweisen. Als ob das irgendjemanden, geschweige den Weltlauf, interessieren würde.
Als ob die tragischen Geschichten des Einzelnen jemand anderen rühren würden.
Jene, die verstehen, dass sie ein flüchtiger Teil von vielen sind, betrachten die Explosion des Individualismus (der Begriff, der im Kapitalismus als Verkaufsargument benutzt wird) verstört, wissen aber, dass auch das nicht einmalig ist. Jede Zeit erschien jenen, die sich in ihr aufhielten, als die schrecklichste, denn sie war voller Kriege, Despoten, Ausbeuter, und Menschen, die sich überschätzten. Nichts Neues auf Erden. Es gab alle Gedanken bereits, alle Gefühle, jede Form zu leben, lieben, alles ist schon millionenfach gelebt, ertastet, berührt, begriffen.
Apropos: Wenn einer begreift, dass er die Welt durch sich erschafft, und er dieses Vergnügen leider mit acht Milliarden anderen teilt, kann man schon einmal anerkennend nicken.
Und nun? Was machen wir in unserem Leben, in dem der Schmerz der Sterblichkeit doch real ist, es nicht hilft, dass mit uns gerade Millionen Angst haben, sich sorgen, in Not sind, eine Krankheit haben? Hilft es da zu wissen, dass wir nur flüchtige Bewohner der Erde sind, das Leben kurz, das Hirn überschaubar?
Wenn man begreift, dass man der Welt egal ist, egal, wie man sie sich formt, mit all den Abkürzungen im Hirn mit dem, was wir scheinbar wollen, brauchen, haben müssen, denken müssen, dass der Kern unseres Daseins nur das pure Leben ist, und alles, auf das wir so stolz sind, die Gedanken, Pläne, Fremdsprachen, Genialität, mit uns verschwinden wird. Wenn man das weiss, dann könnte es doch unglaublich erleichternd sein, uns die eingebildete Wichtigkeit nehmen, den Stolz, die Kränkung. Dann könnte man einfach sein, solange es gut geht.
Und wenn schon alles egal ist, dann wünsche ich Ihnen allen eine sehr gute Zeit und liebe Menschen in Ihrer Nähe.
Sibylle Berg ist deutsch-schweizerische Schriftstellerin und Dramatikerin. Sie lebt in Zürich.