Zur Lage in Venezuela 09. Jan 2026

Bringt Maduros Sturz mehr Sicherheit?

Für die venezolanischen Juden – innerhalb des Landes und in der Diaspora – markiert die schockierende Absetzung von Präsident Nicolás Maduro durch die Vereinigten Staaten einen Wendepunkt in einem langen und schmerzhaften Kapitel, das von Verletzlichkeit, Angst und Exil geprägt ist.

Venezuela war einst die Heimat einer der lebendigsten jüdischen Gemeinden Lateinamerikas. Ich weiss das, weil ich dort aufgewachsen bin. Eine Generation von Juden, darunter auch meine eigenen Grosseltern, fand in Venezuela Zuflucht vor dem Holocaust, zu einer Zeit, als viele andere Länder ihre Türen verschlossen.

Die Beziehung Venezuelas zum jüdischen Volk bestand nicht nur darin, Juden nach dem Holocaust Zuflucht zu gewähren. Sie war auch diplomatischer Natur. Im November 1947 stimmte Venezuela für die Resolution 181 der Vereinten Nationen, die die Gründung unabhängiger jüdischer und arabischer Staaten in Palästina unterstützte und zur Gründung des Staates Israel führte. Für die venezolanische jüdische Gemeinde war diese Abstimmung lange Zeit ein Grund zum Stolz und eine Bestätigung ihrer Zugehörigkeit. Jahrzehntelang unterhielten Venezuela und Israel natürliche, für beide Seiten vorteilhafte diplomatische Beziehungen. Hochrangige Besuche zwischen Regierungsvertretern beider Länder waren an der Tagesordnung. Ich erinnere mich noch lebhaft daran, wie ich dem damaligen Aussenminister Shimon Peres die Hand schüttelte, als er 1995 im Rahmen eines Staatsbesuchs die jüdische Tagesschule in Caracas besuchte. Rückblickend unterstreicht dieser Besuch, wie normal und sicher sich das jüdische Leben in Venezuela einst anfühlte – im deutlichen Gegensatz zu der Angst und Isolation, die Jahre später folgen sollten.

All dies begann sich zu ändern, nachdem Hugo Chávez 1999 an die Macht gekommen war. Unter Chávez verschlechterten sich die Beziehungen zu Israel stetig, geprägt von seiner ideologischen Verpflichtung gegenüber globalen linken Bewegungen, die sich als Erbe des Kalten Krieges mit den arabischen Staaten verbündeten und die Opposition gegen Israel als zentrale politische Haltung formulierten. Die diplomatischen Beziehungen zwischen den beiden Nationen wurden während der als Operation Gegossenes Blei bekannten Konfrontation zwischen Israel und der Hamas im Jahr 2009 offiziell abgebrochen.

Dies war nicht nur eine bedeutende aussenpolitische Wende, sondern markierte auch den Beginn eines politischen Klimas, in dem sich venezolanische Juden zunehmend gefährdet fühlten. Diese Gefährdung erreichte im selben Jahr einen erschreckenden Höhepunkt, als bewaffnete Angreifer die Synagoge Tiferet Israel in Caracas schändeten, heilige Räume plünderten, religiöse Gegenstände zerstörten und Drohungen und antisemitische Parolen an die Wände schmierten. Es handelte sich nicht um einen isolierten Akt von Vandalismus. Es war eine Botschaft der Feindseligkeit und Einschüchterung, die von einer Gemeinschaft, die sich bereits vom Staat im Stich gelassen fühlte, auch als solche aufgefasst wurde.

Im Jahr 2010 verschärfte Chávez seine antiisraelische Rhetorik als Reaktion auf die Konfrontation zwischen der IDF und der Gaza-Freiheitsflottille, indem er im nationalen Fernsehen «maldito sea el estado de Israel» («verflucht sei der Staat Israel») sagte. Als Maduro 2013 nach dem Tod von Chávez an die Macht kam, kehrte er diesen Kurs nicht um. Er beschleunigte ihn sogar noch. Unter seiner Herrschaft ging der Antizionismus wiederholt in offenen Antisemitismus über – sowohl in der Sprache als auch in der Wirkung. Vor nicht allzu langer Zeit behauptete Maduro in einem Gespräch über Israels Krieg im Gazastreifen, er habe «echtes jüdisches Blut (…) im Gegensatz zu den israelischen Juden», die er als «Ausländer aus Polen» bezeichnete, und belebte damit klassische Tropen über Authentizität, Zugehörigkeit und Verschwörung wieder, die seit langem dazu dienen, Juden und Israel zu delegitimieren.

Nach dem Angriff der Hamas am 7. Oktober 2023 schloss sich Maduros Regime offen den Genozid-Beschuldigungen gegen Israel an. Seine Regierung verglich Israel sogar mit Nazi-Deutschland. Die Folgen dieser Äusserungen trafen Juden in ganz Venezuela. Synagogen und jüdische Einrichtungen wurden oft vandalisiert und mit hasserfüllten Parolen beschmiert. Die Ziele waren nicht israelische Diplomaten – es gab keine –, sondern venezolanische Juden. Stellen Sie sich also vor, wie es sich in einem Land anfühlt, das von einem autoritären Regime regiert wird, das offen antizionistisch ist und regelmässig nicht zwischen Juden und Israelis unterscheidet. Meine Familie und Freunde, die ich noch in Venezuela habe, gehen mit stiller Vorsicht durch den Alltag. Die meisten Mitglieder der jüdischen Gemeinde entschieden sich dafür, Teil einer Welle von mehr als 8 Millionen venezolanischen Migranten zu werden – etwa 20 Prozent der Bevölkerung des Landes –, die beschlossen, in anderen Ländern ein neues Leben zu beginnen. Wird diese Auswanderungswelle nun abebben, nachdem Maduro von den USA gewaltsam aus dem Amt entfernt wurde? Die ehrliche Antwort lautet: Wir wissen es nicht. Zwei Jahrzehnte institutionalisierter Feindseligkeit haben tiefe Narben hinterlassen. Und die ersten Anzeichen für die nächste Ära sind entmutigend. In ihrer ersten Fernsehansprache machte die neue Interimspräsidentin Delcy Rodriguez – Maduros ehemalige Stellvertreterin – «zionistische» Einflüsse für die Militäroperation der USA verantwortlich. Alte Reflexe lassen sich nur schwer ablegen.

Und doch sind die Venezolaner, einschliesslich der venezolanischen Juden, vorsichtig optimistisch. Nicht feierlich. Nicht naiv. Aber hoffnungsvoll, dass dies endlich der Anfang vom Ende einer grausamen Diktatur sein könnte, die eine ganze Nation wirtschaftlich, sozial und moralisch zerstört hat. Wenn freie und faire Wahlen folgen – immer noch ein grosses «Wenn» –, hat Venezuela vielleicht eine Chance, zur Demokratie zurückzukehren und damit zu seinem historischen Bekenntnis zu Pluralismus und Koexistenz.

Das könnte auch eine Gelegenheit bieten, die Beziehungen Venezuelas zu Israel zu überdenken – nicht nur moralisch, sondern auch strategisch. Israel könnte ein natürlicher Verbündeter beim Wiederaufbau Venezuelas sein. Es ist weltweit führend in den Bereichen Wassermanagement, Landwirtschaft, Gesundheitstechnologie, Cybersicherheit und Energieinnovation – genau den Bereichen, in denen Venezuela nach Jahren des Zusammenbruchs mit akuten Engpässen zu kämpfen hat. Die Bausteine dafür sind bereits vorhanden: Selbst inmitten der heutigen diplomatischen Trümmer gibt es noch immer Handel in kleinem Umfang – ein Beweis dafür, dass die Brücke wieder aufgebaut werden kann, wenn die Politik es zulässt.

Tatsächlich hat die Oppositionsführerin und Friedensnobelpreisträgerin María Corina Machado bereits erklärt, dass ein demokratisches Venezuela seine Botschaft in Israel wieder eröffnen würde – und zwar in Jerusalem. Das ist ein klares Signal dafür, dass zumindest in den Augen einiger einflussreicher Politiker Antisemitismus in der Zukunft des Landes keinen Platz hat.

Für die venezolanischen Juden geht es in diesem Moment nicht um Geopolitik. Es geht darum, ob das Land, das sie einst ihre Heimat nannten, wieder ein Ort sein kann, an dem es kein Nachteil ist, Jude zu sein. Die Hoffnung ist vorerst noch verhalten. Aber nach so vielen Jahren der Angst ist selbst verhaltene Hoffnung etwas Neues.

Dany Bahar ist Kolumnist für die Zeitung «Forward» und ausserordentlicher Professor für internationale und öffentliche Angelegenheiten am Watson Institute der Brown University. Der israelisch-venezolanische Ökonom ist Mitglied des Growth Lab am Harvard Center for International Development, der Brookings Institution und des Center for Global Development.

Dany Bahar