bern 12. Jun 2026

Vorstand bestätigt, Probleme vertagt

In der JGB amtiert der Vorstand weiter und setzt sich über Statuten hinweg.

Die Jüdische Gemeinde Bern hält an ihrem unterbesetzten Vorstand fest, obwohl dessen Arbeit für Diskussionen sorgt und die Statuten etwas anderes fordern.

Wer mit Mitgliedern der Jüdischen Gemeinde Bern (JGB) spricht, hört viel Zuspruch. Sie beschreiben eine offene Gemeinschaft, ein lebendiges Gemeindeleben und ein Umfeld, in dem sich Menschen willkommen fühlen. Umso bemerkenswerter ist die Diskussion, welche die diesjährige Generalversammlung prägte: Nicht die Gemeinde selbst steht in der Kritik, sondern die Frage, ob ihre Führung noch zu ihr passt.

Zwischen Kontinuität und Neuanfang
An der schriftlich durchgeführten Generalversammlung Ende Mai mussten die Mitglieder entscheiden, wie es mit dem Vorstand weitergehen soll. Nach mehreren Rücktritten besteht das Gremium derzeit nur noch aus vier Personen. An die Stelle des früheren Co-Präsidiums sind inzwischen Präsidentin Dalia Schipper und Vizepräsident Emanuel Zloczower getreten. Damit unterschreitet der Vorstand die in den Statuten vorgesehene Grösse. Zur Abstimmung standen zwei Varianten: Entweder sollte der Vorstand in seiner aktuellen Zusammensetzung weitermachen, bis Ersatz gefunden wird oder bis Ende August eine ausserordentliche Generalversammlung zur Neuwahl des gesamten Vorstands einberufen werden. Mit 69 zu 45 Stimmen entschied sich die Mehrheit für die erste Variante. Die Mitglieder genehmigten damit eine Übergangslösung bis zur Besetzung der offenen Sitze. Dass es überhaupt zu dieser Abstimmung kam, hängt auch mit dem Rücktritt des 27-jährigen Benjamin von Werdt zusammen. Er hatte sich vor knapp einem Jahr in den Vorstand wählen lassen und zog sich nun nicht nur aus dem Gremium, sondern aus sämtlichen Gemeindeämtern zurück.

«Als ich kandidiert habe, habe ich gehofft, Perspektiven und Energie aus der jüngeren Generation einbringen zu können», sagt von Werdt gegenüber tachles. In seiner Rücktrittserklärung hält er fest, dass ihm dies nicht gelungen sei. Stattdessen habe ihn eine «nicht nachlassende Serie von Krisen» beschäftigt. Die Arbeit habe sich anders entwickelt als erwartet, statt Gestaltungsmöglichkeiten habe er zunehmend Negativität wahrgenommen. Schliesslich zog er die Konsequenzen und trat zurück.

Professionell, aber nicht nahbar
Von Werdts Rücktritt wird von vielen Mitgliedern nicht als Einzelfall betrachtet. In Gesprächen mit tachles fällt immer wieder dieselbe Diagnose: Die Gemeinde funktioniere gut, der Kontakt zwischen Vorstand und Basis hingegen weniger. Mehrere Mitglieder beschreiben den Vorstand als kompetent und professionell, kritisieren jedoch mangelnde Präsenz im Gemeindeleben und eine Kommunikation, die häufig als distanziert wahrgenommen werde. Umso stärker falle auf, dass Teile des Vorstands im Alltag der Gemeinde kaum sichtbar seien.

In den vergangenen Monaten versuchte der Vorstand, auf die Unzufriedenheit zu reagieren. Mehrere moderierte Workshops sollten helfen, Spannungen abzubauen und Erwartungen zu klären. Von den Teilnehmenden werden diese Gespräche grundsätzlich positiv bewertet. Ob daraus auch langfristige Veränderungen entstehen, wird sich allerdings erst zeigen.

Antisemitismus als Streitpunkt
Die Diskussion beschränkt sich allerdings nicht auf Führungsfragen. Damit verbunden ist auch die grundsätzliche Frage, welche Rolle die JGB heute überhaupt einnehmen soll. Für Hannah Einhaus fällt die Antwort klar aus. Mit einem Vorstoss an die Generalversammlung beantragte sie die Schaffung einer Antisemitismuskommission, die die Gemeinde gegenüber Politik, Behörden und Öffentlichkeit stärker vertreten sollte. Aus Sicht von Einhaus hat sich die Situation für Jüdinnen und Juden in Bern seit dem 7. Oktober 2023 deutlich verändert. Als Beispiel nennt Einhaus die mittlerweile rund 30 «Apartheid Free Zones» in Bern, eine Kampagne, die von der BDS-Bewegung unterstützt wird. «Der Antisemitismus funktioniert ohne Juden, das hat man schon lange gemerkt. Aber der Antizionismus funktioniert weitgehend auch ohne Israel», sagt Einhaus. Viele hätten noch nicht verstanden, dass sich antizionistische Narrative längst verselbständigt hätten und weit über konkrete Ereignisse im Nahen Osten hinauswirkten. Die Folgen seien nicht nur in Israel spürbar, sondern ebenso in Bern, Zürich oder Basel. Nach Ansicht von Einhaus reagieren JGB und der Schweizerische Israelitische Gemeindebund zu zurückhaltend auf diese Entwicklungen. «Wenn es die Juden selber nicht machen, dann ist es traurig», sagt sie (vgl. Standpunkt auf Seite 4). Gerade lokale jüdische Gemeinden müssten ihre Stimme stärker einbringen und dürften die Auseinandersetzung mit Antisemitismus nicht allein anderen Akteuren überlassen. Die Mitglieder sahen das anders. Mit 98 zu 26 Stimmen wurde der Antrag deutlich abgelehnt.

Vorstand bleibt, Zweifel auch
Die Frage, die über der gesamten Debatte steht, bleibt jedoch unbeantwortet: Wer soll die Gemeinde künftig führen? Für Benjamin von Werdt liegt darin das eigentliche Dilemma. «Ich bin überzeugt, dass wir in der Gemeinde genügend Leute haben, die die Arbeiten des Vorstands erfüllen könnten», sagt er. Die Abstimmung sei letztlich «ein Pflaster auf einer Wunde» und keine endgültige Lösung. Auch Hannah Einhaus wertet die fehlenden Kandidaturen als Warnsignal. Die Probleme, welche die Debatte ausgelöst hätten, seien damit nicht verschwunden. Von Werdt beschäftigt dabei besonders die mögliche Signalwirkung seines Rücktritts. «Meine grösste Angst ist, dass das eine abschreckende Wirkung hat», sagt er. Seine Hoffnung sei vielmehr, dass sich künftig mehrere Personen gemeinsam engagieren und Verantwortung auf mehrere Schultern verteilt werde. Damit hat die Generalversammlung den Konflikt nicht gelöst. Sie hat ihn lediglich vertagt.

Emily Langloh