BASEL 08. Nov 2019

Premiere in der Synagoge

Seit 1995 finden jeden Herbst in Basel die Martinů Festtage statt, mit der Idee, das Werk des Komponisten und Wahlbaslers Bohuslav Martinů zu verbreiten und international angesehene Künstler zu…

Anlässlich der diesjährigen Martinů Festtage öffnet sich die grosse Synagoge Basel erstmals für die Darbietung eines nicht liturgischen Chorwerks.

Was 1995 im Festsaal des Hotels «Zum wilden Mann» in Frenkendorf (BL) seinen Anfang nahm, hat sich in den Jahren seither als feste Grösse im reichen Basler Musikherbst etabliert. Gab es in den Gründungsjahren zum sonntäglichen Mittagskonzert noch böhmische Knödel und Schweinsbraten, so hat sich im Lauf der Zeit die Kulinarik des Veranstalters mehr und mehr der Komposition eines exquisiten Ohrenschmauses verschrieben: nachhaltig und erfolgreich.

Mit Basel und seiner Region war der 1890 in Ostböhmen geborene Bohuslav Martinů durch seinen Mäzen Paul Sacher eng verbunden. Nach musikalisch ertragreichen Jahren in Paris beschloss Martinů dem drohenden Einmarsch der Deutschen zu entfliehen. Er fühlte sich bedroht, denn etliche seiner Kompositionen standen auf den Schwarzen Listen der Nazis. 1940 gelang ihm die Emigration in die Vereinigten Staaten, wo er in der Folge an mehreren renommierten Musikschulen lehrte. 1953 kehrte Martinů nach Europa zurück, zunächst nach Nizza und kurz darauf nach Pratteln, wo er seine letzten Lebensjahre auf dem Familiensitz von Paul und Maja Sacher-Stehlin verbrachte. Dort wurde er auch 1959 beerdigt. Erst später verfügte die Witwe, dass die sterblichen Überreste des bedeutenden tschechischen Komponisten nach dessen Geburtsort Polička zu überführen seien.

Festtage mit Jubiläum
Dass die Erinnerung an Bohuslav Martinů am Ort seiner letzten Schaffensperiode so lebhaft gepflegt wird, ist dem Konzertpianisten und «Martinů-Enthusiasten» Robert Kolinsky zuzuschreiben. Kolinsky, dessen Musikerleben schon früh durch Martinůs Klavier- und Kammermusik und auch durch dessen Orchesterwerke geprägt worden ist, gestaltet nun schon seit fünfundzwanzig Jahren die Festtage.

Produktive Komponisten
Dabei kann er aus der Schaffenskraft eines überaus produktiven Komponisten schöpfen, was ihm erlaubt, ein jeweils attraktives Festival zu gestalten, ohne je ein Werk wiederholt in das Programm nehmen zu müssen.

Dass diese Vielfalt den Veranstalter immer wieder aufs Neue herausfordert, ist in diesem Jahr besonders deutlich zu sehen – und wohl auch zu hören. Für Robert Kolinsky geht 2019 ein lang gehegter Wunsch in Erfüllung: Die Aufführung von Martinůs unvollendetem Werk «Die Weissagung des Jesaja» in der
Grossen Synagoge Basel. In seinen letzten Jahren hat sich Martinů mit den fundamentalen Fragen der menschlichen Existenz befasst. «Jesaja» ist seine Auseinandersetzung mit der Thematik des Untergangs der Welt. Entstanden ist die Komposition auf Anregung des israelischen Musikwissenschaftlers Peter
Gardenwitz, der Martinů 1955 um ein Werk bat, das auf einem Psalmentext aufgebaut ist, der auf Hebräisch aufgeführt werden kann. Die Uraufführung in Israel konnte der Komponist nicht mehr erleben.

Dass sich die Synagoge nun erstmals für die Darbietung einer im Ursprung nicht liturgischen Komposition und Interpretation öffnet, bedurfte einer längeren und umfassenden Vorbereitungszeit, denn dem Veranstalter wurde auferlegt, dass die weiblichen Stimmen durch männliche Interpreten darzubieten sind. Dazu der Gemeinderabbiner Mosche Baumel: «In den orthodoxen Gemeinden in Europa ist es so, dass Frauen nicht in der Syna-
goge vorsingen. Diese Differenzierung hat halachische Gründe. Die Öffnung der Synagoge für das Martinů-Festival ist nur möglich, weil es sich bei dem Werk um einen biblischen Text handelt. Das Konzert hat also einen religiösen Aspekt.» Diese Aufführung stellt eine Premiere in der 150-jährigen Geschichte der Basler Gemeinde dar – wohl auch deshalb, weil es kaum «weltliche» Musikliteratur gibt, die den strengen Anforderungen einer orthodoxen Gemeinde genügen kann.

Auch wenn dieser Anlass am 24. November – laut Robert Kolinsky – die Martinů Festtage «krönt», so wird darüber hinaus ein durchwegs attraktives Programm geboten. Da ist das Eröffnungskonzert mit dem Weltklasse-Violinisten Gidon Kremer (10. November), der Kinoabend «Goethe und Ghetto» in Kooperation mit dem Jüdischen Museum (12. November), das Familienkonzert mit Martinůs Komposition «Wunderbarer Fernflug» (20. November) im Museum Tinguely oder der Martinů-Jazz-Abend mit dem Trio à la Kodály (17. November) im Birds Eye Jazz Club.

Für Robert Kolinsky ist das Werk von
Bohuslav Martinů auch weiterhin längst nicht ausgeschöpft. So schliesst er denn seine
Begrüssung im Konzertführer voller Tatendrang mit der Aufforderung: «Bei diesem Programm wird die Frage nach dem Jubiläum nebensächlich. Freuen Sie sich mit uns auf 2019 und seien Sie gespannt auf 2020!»

Gabriel Heim