Trotz Drohungen gegen jüdische Teilnehmende in den Vorjahren sind Anpassungen im Awareness-Konzept ausgeblieben.
Wenn am Samstag die Altstadt Berns wieder mit Regenbogenfahnen beflaggt ist und zur Kulisse der dritten Bern Pride seit dem 7. Oktober 2023 wird, ist zum dritten Mal Ärger vorprogrammiert. Queers for Palestine (QfP) hat sich angemeldet, eine Gruppierung, die 2025 gemäss eigenem Instagram-Post «nicht aus Identifikation mit der Pride» dabei war, «sondern um queeren, dekolonialen Widerstand sichtbar zu machen». Keine Identifikation also mit der Pride, die 2025 rund 12 000 Personen angelockt hatte.
Beide Male verstiess QfP mit Palästina-Flaggen als einzige Gruppe gegen die Regel, nur queer-bezogene Fahnen mitzutragen. Dazu kamen Kufijas, Aufkleber und T-Shirts mit Vernichtungsparolen wie «Abolish Zionism». QfP nannte 2025 auf Instagram das Bollwerk 39/41 als Treffpunkt – ein Berner Hotspot, der Boykott, Divestment, Sanctions (BDS) nahesteht und den Boykott gegen Israel und «Zionisten» bis heute aktiv fördert und 2024 den Samidoun-Chef Europas nach Bern eingeladen hatte.
Drohungen durch Vernichtungsparolen
Die Vernichtungsparolen der QfP trafen beide Male die jüdische Formation von Keschet und Queers against Antisemitism, die auch für Samstag wieder angemeldet ist. Keschet dokumentierte beide Male jenes «Unwohlsein», das gemäss Awareness-Konzept hätte vermieden werden sollen.
In der Dokumentation von 2025, die tachles vorliegt, wird eine Teilnehmerin zitiert: «Queers for Palestine hielten sich nicht an die Regeln. Keine Flaggen, keine politischen Statements – das war die Vereinbarung. Aber sie brachten ihre Plakate. Ihre Parolen. Laut. Unbeirrt. Einige von uns fühlten sich bedroht. Einige gingen. Wir meldeten es der Security. Es passierte: nichts.»
Die Sicherheits- und Awareness-Teams der Organisation Taktvoll waren gemäss Keschet-Koordinator Rolf Stürm ausschliesslich per Mail erreichbar – und reagierten gar nicht. Ein Bild der Dokumentation zeigt hingegen, wie eine Sicherheitsperson von Taktvoll eine Person von QfP kollegial begrüsst und umarmt. Diese Nähe dürfte kein Zufall sein: Die Firma Taktvoll hat ihre Adresse wie QfP am Bollwerk 39. Enge personelle Verflechtungen zwischen Taktvoll und wichtigen Akteuren der BDS-nahen Gruppe Apartheid Free Zones an der gleichen Adresse hat tachles kürzlich offengelegt.
Ungenügende Auseinandersetzung
Nach diesen Erfahrungen legt Rolf Stürm als Koordinator der Keschet-Formation 2026 Wert auf gute Erreichbarkeit des Awarenessteams via Handy. Dies war bis Redaktionsschluss erfolglos. Bern Pride argumentiert auf Anfrage mit dem ehrenamtlichen Engagement der Mitglieder des Organisationskomitees. «Die Mobilnummer ist aufgrund beschränkter Ressourcen nicht verfügbar», erklärt Tim Binda, Kommunikationsverantwortlicher bei Bern Pride. «Vor Ort haben wir jedoch Volunteers, Awareness-Personen und Sicherheitsleute, bei denen man sich melden kann.» Diese unveränderte Kommunikation wirft Fragen auf: Wurden die Erfahrungen und Berichte von Keschet nicht evaluiert? Laut Binda wird «Awareness gegenüber jüdischen Menschen im Rahmen unseres Awareness-Konzepts und unserer Awareness-Charta thematisiert». Das heisst: sehr theoretisch. Eine direkte Konsultation bei Keschet beziehungsweise Queers against Antisemitism hat laut Stürm nie stattgefunden.
«QfP im Einklang mit unserer Charta»
Eine Rückweisung der Teilnahme von Queers for Palestine war laut Binda kein Thema: «Sie möchten queeren Widerstand sichtbar machen.» Dies stehe «im Einklang mit unserer Charta für eine gleichberechtigte Welt». Rolf Stürm sieht darin eine «bedingungslose intersektionale Solidarität mit romantisch verklärten Terroristen – auch mit Schwulenmördern». Am kommenden Samstag wird sich zeigen, ob unter diesen Vorzeichen eine ungestörte Teilnahme von Keschet an der Bern Pride möglich ist.