bern 20. Mär 2026

Neue Strategie, alte Lücken

Die Zusammenarbeit zwischen der Stadt Bern und dem SIG führt laut manchen lokalen Akteuren zu einem lückenhaften Verständnis von Antisemitismus.

Die Stadt Bern will künftig Antisemitismus als «Querschnittsaufgabe» bekämpfen – im lokalen jüdischen Umfeld bleibt der Optimismus verhalten.

Diesen Samstag, am 21. März, wird Berns Stadtpräsidentin Marieke Kruit die Aktionswoche gegen Rassismus eröffnen. Anders als im Vorjahr war Antisemitismus dieses Mal bereits ab der Planungsphase als fester Bestandteil mitgedacht. Aktive Gruppen wie «Never Again is Now», die «Allianz gegen Antisemitismus», «We Will Dance Again Schweiz», «Silent Walk» sowie ein Netzwerk von aktiven jüdischen und nicht jüdischen Einzelpersonen haben in den letzten ein, zwei Jahren dazu beigetragen, dass die spür- und sichtbare Zunahme von Judenhass auch ins politische Bewusstsein von Berns Parlament, Regierung und Verwaltung gerückt ist.

Nicht zuletzt dank der Beharrlichkeit dieser lokalen Gruppen und Personen ist Antisemitismus erstmals explizit in den vierjährigen Schwerpunkteplan zur Rassismusbekämpfung eingeflossen. Sie hatten bereits 2025 Vorstösse zur Bekämpfung des Antisemitismus im Berner Stadtrat bewirkt. Im April wurde eine interfraktionelle Motion im Schulbereich für erheblich erklärt, im Juni folgte die Annahme eines dringlichen Postulats im Kulturbereich. Seit 2024 lässt sich die Stadt Bern in Antisemitismusfragen zudem nach Bedarf vom Schweizerischen Israelitischen Gemeindebund (SIG) in Zürich beraten.

Mittel ohne Migrationskontext
In ihrer Vision «Stadt für alle» will die Berner Stadtregierung wie bisher die gesellschaftliche Teilhabe der Migrationsbevölkerung ermöglichen und die Vielfalt der Stadt sichtbar machen. Neu entkoppelt der Gemeinderat jedoch die Themen Migration und Rassismus schrittweise voneinander. Seit 2025 stehen der städtischen Fachstelle für die Rassismusbekämpfung erstmals auch Mittel für «Rassismusbekämpfung ausserhalb des Migrationskontextes» zur Verfügung. «Das verpflichtet, auch dort hinzuschauen, wo aufgrund des bisherigen Profils der Fachstelle kein Fokus lag, etwa im Bereich des Antisemitismus», schreibt die Stadt einleitend. Dass Antisemitismus weiterhin unter dem Rassismusbegriff subsumiert wird, kommt in diesem neuen Schwerpunkteplan der Stadt jedoch in fast allen Kapiteln explizit vor. Neben der Zugänglichkeit von Dienstleistungen, der Chancengerechtigkeit und einer öffentlichen Kommunikation für alle soll Bern eine diskriminierungsfreie Stadt sein, «damit sich alle Menschen sicher und respektiert fühlen».

Konkret setzt die Stadt Bern im Bildungsbereich an. Schulungsmodule für Lehrpersonen und Schulsozialarbeiter sowie Kampagnen und Projekte an Berner Schulen nehmen neu den Antisemitismus im Kanon der spezifischen Rassismusformen auf. Weiterbildungsangebote für Verwaltung und Institutionen über verschiedene Diskriminierungsformen greifen den Aspekt Antisemitismus ebenso auf wie jene über Diversität im Kulturbereich. Die Stadt zeigt sich auch offen für eine «gegenwartsbezogene Auseinandersetzung mit Antisemitismus in Zusammenarbeit mit lokalen» Akteuren und Akteurinnen. Für diese vage formulierte Massnahme besteht zwar noch keine Finanzierung, doch sie kann als Gesprächsangebot der Stadt auf lokaler Ebene gelesen werden.

Bruchstückhafte Zahlen
Nach der Nationalen Strategie des Bundes gegen Rassismus und Antisemitismus vom letzten Dezember hat also auch die Stadt Bern einen Schwerpunkteplan vorgelegt, der Antisemitismus als eigenständiges Problem erkennt und benennt und klare Bereitschaft zur Bekämpfung signalisiert.

Im Umfeld der erwähnten lokalen Aktivistengruppen sind die Reaktionen auf den städtischen punkteplan vorsichtig positiv. Positiv, weil die Stadt Bern ihre Bereitschaft signalisiert, das Problem Antisemitismus aktiver anzugehen. Vorsichtig, weil die Stadt Bern bisher gerade bei den markantesten und augenfälligsten Formen von Hass- und Gewaltaufrufen auffallend still geblieben ist. Doch dies könnte auch daran liegen, dass ihr Berater in Antisemitismusfragen, der SIG mit Sitz in Zürich, nur sehr bruchstückhaft informiert.

Schaut man in den neuesten Antisemitismusbericht, den der SIG und die Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus (GRA) Anfang März publiziert haben, sind 2025 im Kanton Bern 13 Vorfälle registriert, etwa die Hälfte davon ereignete sich in der Stadt Bern. Der Bericht verweist nirgends auf eine Dunkelziffer. Diese tiefe Zahl ist bereits der gemeinsamen Redaktion von «Der Bund» und der «Berner Zeitung» aufgefallen. Tatsächlich kommen zahlreiche Vorfälle, Drohungen und Gewaltaufrufe, die den lokalen Netzwerken bekannt sind, nicht vor. Dazu gehören auch die Vorfälle rund um die unbewilligte Demo vom 11. Oktober. Sogar die Schmiererei «Kill your local Zionist», die als antisemitisch verstanden werden kann, fehlt im Bericht – aus «definitorischen Gründen», so SIG-Generalsekretär Jonathan Kreutner in «Der Bund».

SIG blendet Antizionismus aus
Das «definitorische Problem» hat der SIG mit dem Wort «Zionist». Im Bericht hält der SIG fest, dass es gemäss der Definition der International Holocaust Remembrance Alliance auch antisemitisch ist, den Zionismus mit Rassismus gleichzusetzen oder diesem gar ein genozidales Ansinnen zu unterstellen. Doch bei der beabsichtigten «360-Grad-Sicht des Themas Antisemitismus in der Schweiz» schiebt der SIG gerade diese aktuell virulenteste Form von Judenhass in Schweizer Städten beiseite. Wer davon ausgeht, dass am ersten Zionistenkongress in Basel nicht die nationale Selbstbestimmung der Juden, sondern die Unterdrückung von Völkern unter anderem in Palästina propagiert wurde, glaubt dem russischen Pamphlet «Die Protokolle der Weisen von Zion» oder den «Zionistischen Protokollen» von 1903. Diese dienten damals Adolf Hitler und Grossmufti Mohammad Amin al-Husseini, und heute dienen sie den Ayatollahs in Iran oder der Hamas. «Wenn der SIG hier relativiert und wegschaut,» so eine Berner Aktivistin, «erweist er der jüdischen Gemeinschaft einen Bärendienst».

13 Vorfälle hat der SIG also im Kanton Bern 2025 gezählt. Dazu kommen die unzähligen roten Hamas-Dreiecke und Vernichtungsparolen in der Monbijoustrasse, die den Weg in Bern vom Bahnhof zur Synagoge begleiten. Der Marsch des Schwarzen Blocks auf die Berner Synagoge zu, an Jom Kippur, etwa zur gleichen Stunde, wie sich der zweifache Mord in Manchester ereignete, findet keine Erwähnung. Eine jüdische Künstlerin wurde über ein Jahr mit Parolen und roten Dreiecken rund um ihr Atelier systematisch belästigt und schliesslich physisch attackiert. Nach Untätigkeit der Behörden hat sie die Stadt Bern nun verlassen. Seit Dezember bezeichnen sich 29 Lokale in Bern als «Apartheid Free Zones», eine von BDS lancierte Kampagne, die massgeblich dazu beiträgt, dass jüdische Menschen in Bern sich nicht mehr sicher fühlen und diese Orte meiden. Auch jüdisches Kulturleben verliert an Halt und (städtischer) Unterstützung.

All dies findet keine Erwähnung im Bericht von SIG und GRA. Zumindest die Erwähnung einer Dunkelziffer wäre angemessen gewesen. Wenn sich Stadt und Kanton Bern vom SIG beraten lassen, der nur einen Bruchteil der realen Fälle in Bern kennt und einen weiteren Teil «aus definitorischen Gründen» nicht benennt, kann von einer «360-Grad-Sicht» des Themas Antisemitismus keine Rede sein. Dass die Stadt Bern ihre Offenheit für lokale Akteure signalisiert hat, sehen diese als Hoffnungsschimmer.

Link zum Programm der Aktionswoche der Stadt Bern gegen Rassismus, 21.–28. März: www.bern.ch/themen/auslanderinnen-und-auslander/integration-und-migrati…

Hannah Einhaus