debatte 08. Nov 2019

Hat das jüdische Milizsystem ausgedient?

Ehrenamtliche Arbeit ist das Rückgrat der jüdischen Gemeindearbeit und muss neu formuliert werden. 

Der abrupte Rücktritt von Manuel Battegay, Präsident der Israelitischen Gemeinde Basel (IGB), hat in den anderen jüdischen Gemeinden höchstens deshalb Überraschung ausgelöst, weil er nach nur einem Jahr erfolgte. Aber vorher überraschte eher, dass sich ein Chefarzt, Dozent und Forscher für das IGB-Präsidium zur Verfügung stellte, noch dazu bei einer Gemeinde in finanziellen Schwierigkeiten, die bisher ohne professionelle operative Strukturen auskommt, möglicherweise weil sie es sich finanziell nicht leisten kann. Noch an der Delegiertenversammlung des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebundes (SIG) präsentierte Battegay Pläne und Projekte. Sein Rücktritt hat diese Woche die Debatte darüber erneut angeheizt, ob das Milizsystem für die Präsidien jüdischer Gemeinden ausgedient habe. Der allgemeine Tenor: Es hat nicht ausgedient, aber ohne professionelle operative Struktur ist es nicht mehr machbar. Eine ähnlich grosse Gemeinde wie Basel, die Jüdische Liberale Gemeinde JLG in Zürich, verfügt über eine effiziente Generalsekretärin; sie führt die Geschäfte der Gemeinde. Präsidium, Vorstand und Kommissionen erhalten eine Entschädigung (tachles berichtete). Auch die grossen Romandie-Gemeinden Lausanne und Genf haben Generalsekretariate zur Unterstützung der ehrenamtlichen Gemeindeführung angestellt.

Ähnliche Probleme bei Organisationen
In den vielleicht nur mehr oder weniger guten alten Zeiten erhielt ein verdientes und keineswegs armes Mitglied der Gemeinde die Ehre, Präsident oder Mitglied des Vorstands sein zu dürfen, natürlich ohne Entschädigung. Aber die Aufgaben waren nicht so vielfältig. Es gab kaum eine Repräsentation nach aussen, und die Ansprüche der Mitglieder hielten sich in engen Grenzen. Anlässe wurden nicht von der Gemeinde, sondern vom Frauenverein, der Wizo oder einem Sportclub organisiert. Präsident und Vorstände diktierten Briefe und Protokolle ihren beruflichen Sekretariaten. Diese Zeiten sind endgültig vorbei, aber das Milizsystem ist geblieben.

Die grösste jüdische Gemeinde, die Israelitische Cultusgemeinde Zürich (ICZ), schuf vor bald 20 Jahren die absolute Professionalisierung des Gemeindepräsidiums. Die Gemeindeversammlung stimmte zu, dass Präsidenten jährlich 50 000 Franken Honorar erhalten sollen, damit sich auch jüngere Leute für dieses Amt melden, die damit ihre berufliche Tätigkeit reduzieren könnten. Der Betrag wurde einmal ausgezahlt; danach verzichteten alle Präsidien darauf und wählten das Ehrenamt. Die ICZ wird am 4. Dezember das Präsidium und den Vorstand auswechseln. Sie sieht sich vor der Notwendigkeit neuer Strukturen, mit denen die ehrenamtliche Gemeindeleitung professionell entlastet werden muss, um zeitgemäss funktionieren zu können. ICZ-Präsidentin Shella Kertész und eine Strukturkommission, die erst wieder mit dem neuen ehrenamtlichen Vorstand ihre Arbeit aufnehmen wird, sehen es ganz klar. Kertész weiss jedoch aus eigener Erfahrung, dass am Präsidium sehr viel Strategie nach innen und sehr viel Repräsentation nach aussen hängen bleibt: «Wer das Präsidium einer jüdischen Gemeinde übernimmt, muss von vornherein wissen, dass nicht nur viel Arbeit und Zeitaufwand, sondern auch viel Verantwortung wartet. Als ich seinerzeit für das Präsidium angefragt wurde, war ich noch stark im Berufsleben engagiert und stellte mich nur für ein Co-Präsidium der ICZ zur Verfügung. Das Alleinpräsidium wurde möglich, weil ich mich weitgehend aus dem Berufsleben zurückgezogen hatte.»

Ehrenamt und Management
«Ich leistete und leiste bis Ende Jahr ein volles Pensum, und meine Vorstandsmitglieder ein Pensum von mindestens 60 Prozent. Mir ist klar, dass eine grosse Gemeinde wie die ICZ mit ihren zahlreichen Aufgaben und Dienstleistungen nicht mehr nur mit einem ehrenamtlichen Vorstand und Präsidium auskommen kann. Die ICZ braucht für die Zukunft einen fest angestellten General Manager oder CEO und zudem einen Personalchef, weil wir eine grosse Zahl von Mitarbeitenden beschäftigen. Angesichts der operativ wirkenden Kommissionen und dieser leitenden Angestellten kann der Vorstand künftig vorwiegend strategisch arbeiten.» Aber sie ist überzeugt, dass das Milizsystem in Präsidium und Vorstand wichtig ist, damit die Gemeindeleitung den Kontakt mit den Mitgliedern und der Realität nicht verliere.

Auch der Schweizerische Israelitische Gemeindebund (SIG) als Dachverband der Gemeinden setzt auf die Dualität zwischen Professionalisierung und Ehrenämtern. Der SIG verfügt auch über eine professionelle Geschäftsstelle. «Das wird sich für die Zukunft des SIG sicher positiv auswirken und ihn hoffentlich überlebensfähig halten», sagte Generalsekretär Jonathan Kreutner, Leiter dieser Geschäftsstelle, kürzlich in einem Interview gegenüber tachles. «Persönlich finde ich», sagte er, «dass die durch einen basisdemokratischen Entscheid legitimierte Dualität von Miliz und Profi-Apparat gut funktioniert und dass es sie auch braucht.» Dazu beigetragen hätten aber auch die hervorragende Führung des SIG durch seinen Präsidenten und die enge, vertrauensvolle Zusammenarbeit zwischen ihm und der Geschäftsstelle.

Kultur der jüdischen Gemeinschaft
Die Frage, ob das Milizsystem in der Führung jüdischer Gemeinden oder auch anderer Organisationen ausgedient habe, lässt sich nicht pauschal beantworten, sagt die Juristin Gabriela Riemer-Kafka. Sie und ihr Mann Hans Michael Riemer, der emeritierte Professor für Privatrecht und Koryphäe des Vereinsrechts, standen und stehen der ICZ immer wieder beratend zur Verfügung. Hans Michael
Riemers letzte, von der Gemeindeversammlung angenommene Statutenrevision führt die ICZ in die Zukunft. Und Gabriela Riemer-Kafka diente zuletzt als Präsidentin der Kommission, welche die Dienstleistungen der ICZ durchleuchtete. Ihre Schlussfolgerungen wird wohl erst der künftige Vorstand entgegennehmen. «Es wird immer auf die Person ankommen, welche das Präsidium übernehmen will», sagt Riemer-Kafka, «und auch auf die Art der Gemeinde.» Sie weist darauf hin, dass sich die Aufgaben einer jüdischen Gemeinde weit über das Kerngeschäft – Kultus, Bildung, Friedhof, Unzgi – hinaus entwickelt hat. Die Frage sei nur, ob das Angebot gebührend genutzt werde. Es gibt Dinge, die nicht von der Gemeinde organisiert werden sollten, aber leider gebe es weder jüdische Bälle noch andere Vergnügungen, weil das Angebot ausserhalb so stark und vielfältig gewachsen sei. Ihr Fazit: «Die Gemeinden müssen auf den Zeitgeist achten, gewisse Sachen professionalisieren, und Kandidierende für ein Präsidium müssen überlegen, ob sie es bewältigen können, dieses Amt im Nebenamt zu führen.».

Gisela Blau