Nachruf auf Silvain Wyler 09. Jan 2026

Grosse Heimat Kleingemeinde

Silvain Wyler ist am 27. Dezember 2025 verstorben. 42 Jahre lang hat er die Israelische Cultusgemeinde Winterthur erfolgreich geleitet.

Zum Tod von Silvain Wyler, einem der letzten Schweizer Landjuden, der als Präsident der Israelitischen Cultusgemeinde Winterthur diese wiederbelebte.

Rekordverdächtige 42 Jahre amtete der am letzten Schabbat des Jahres 2025, am 27. Dezember, im 100. Lebensjahr in der Zürcher Sikna verstorbene Silvain Wyler als Präsident der Israelitischen Gemeinde Winterthur (IGW). «Ein Mensch, ein Jude, ein Schweizer, der die Bedürfnisse seiner Mitmenschen höher als die seinen stellte», heisst es treffend in der IGW-Würdigung dieser ausserordentlichen Persönlichkeit.

Winterthur, die sechstgrösste Schweizer Stadt, steht im Schatten Zürichs. Nicht so die von Silvain Wyler geprägte IGW: Er hatte nach seiner Wahl zu deren Präsidenten 1969 dafür gesorgt, die Kleingemeinde eigenständig am Leben zu erhalten, sie eigenständig zu neuer Blüte zu führen und eigenständig ein eigenes Terrain für einen jüdischen Friedhof zu erwerben. Letzteres, nachdem die grosse Israelitische Cultusgemeinde Zürich (ICZ) um die Jahrtausendwende einen Vertrag mit der IGW nicht mehr verlängert hatte. Als Liquidator einer Gemeinde mit weniger als 20 Mitgliedern sei er gewählt worden, sagte Wyler gegenüber tachles anlässlich seines Rücktritts als «Parnes», als Gemeindepräsident, vor gut 14 Jahren. Doch Silvain Wyler schaffte die Wendung. Die IGW zählt heute über 100 Mitglieder.

Für die Liebe in die Schweiz
Am 13. Mai 1926 in Endingen geboren, wählten Silvain Wylers Eltern Albert und Paula Wyler-Bloch Winterthur als Wohnort. Dort gründeten sie mit anderen Familienmitgliedern die Viehhandlung Gebrüder Wyler AG. Obwohl bestens in der Schule integriert, erlebten Silvain Wyler und seine Schwester Suzanne in den 1930er Jahren den Antisemitismus hautnah. Das sollte seine starke jüdische Identität zeitlebens prägen. Seinen Abschluss erlangte Silvain Wyler in der kantonalen Landwirtschaftsschule Marcelin in Morges. Notabene dieselbe Ausbildungsstätte, die auch den aktuellen Bundespräsidenten Guy Parmelin erfolgreich zum diplomierten Bauern geformt hat. Gerne hätte der Verstorbene seine Ausbildung mit einem Studium gekrönt, was die damaligen wirtschaftlichen Verhältnisse genauso wenig zuliessen wie eine Karriere als Milizoffizier. Die Zeit des Zweiten Weltkrieges erlebte der Verstorbene noch im Aktivdienst, wo er als Trainsoldat die Arbeit mit den Pferden schätzte. Später wurde er noch zum höheren Unteroffizier befördert. Silvain Wylers grosse Tierliebe und der Sinn für den Handel halfen ihm stets in seinem Berufsleben. Oftmals zögerte er den Verkauf eines ihm liebgewonnenen Tieres hinaus, um dieses länger bei sich behalten zu können.

Nachdem er seine Schwester Suzanne Stein und ihre Familie erstmals in Südafrika besucht hatte, wollte er sich dort ebenfalls niederlassen, um als Juniorpartner eines Farmers hoch zu Ross über grosse Rinderherden zu gebieten. Doch es kam anders: Nach einem intensiven Briefwechsel mit Marion Neuburger, Schoah-Überlebende und Waise, kehrte Silvain Wyler in die Schweiz zurück und heiratete Marion am 3. März 1957 in der Synagoge Löwenstrasse in Zürich.

Ein echter «Mensch»
Das junge Paar liess sich zunächst im Winterthurer Deutweg-Quartier nieder. Später wohnte die junge Familie mit Irene, geboren 1958, und Thomas, geboren 1962, im Eigenheim an der Möttelistrasse im Breite-Quartier. Die Möttelistrasse 37 hatte es in sich: Sie war bei Familie und Freunden im In- und Ausland bekannt für die Gastfreundschaft von Silvain Wyler und seiner Frau Marion, die unerwartet 2002 verstorben ist. Die sommerlichen Gartenpartys gehörten zum Wylerschen Jahreszyklus wie das Albanifest zu Winterthur oder Pessach zum jüdischen Kalender.

Silvain Wyler war einer der letzten Schweizer Landjuden. Er vereinte aufgrund von Menschenliebe, Menschenkenntnis, Charisma, Geschäftstüchtigkeit, gesellschaftlichem Engagement und jüdischem Traditionsbewusstsein alle Qualitäten, von denen Gemeinde und Familie bis heute zehren.

Ihn selbst dürfte der Blick auf letztere – trotz seines langen Witwerdaseins – mit besonderer Genugtuung und Freude erfüllt haben. Kinder und Enkel führen das jüdische Erbe in seinem Sinn weiter.

Roger D. Weill