Nach jahrelangen Bemühungen wird in der Stadt Zürich ein Eruv installiert – ein wichtiger Schritt fürs religiöse Alltagsleben der orthodoxen jüdischen Gemeinde.
Kürzlich verspürten observante Juden und Jüdinnen in Zürich eine erhebliche Verbesserung ihrer Lebensqualität. Zum ersten Mal konnten sie Aktivitäten und Handlungen im öffentlichen Raum am Schabbat vornehmen, die früher nur im eigenen Haus denkbar waren. Dies dank des neu installierten Eruv-Systems.
Halacha im öffentlichen Raum
Das biblische Recht sieht 39 Tätigkeitsbereiche («melachot») vor, die am Schabbat verboten sind. Zu diesen gehört das Tragen eines Gegenstandes vom privaten in den öffentlichen Bereich. Mit einem Eruv wird ein Bereich im öffentlichen Raum gekennzeichnet, der nach jüdischem Recht nun als privater Raum gesehen werden kann. Damit sind viele alltägliche Aktivitäten im öffentlichen Raum zulässig, wie beispielsweise das Schieben eines Kinderwagens oder die Beförderung einer älteren Person mittels Rollstuhls. Das durch den Eruv umfasste Gebiet wird, so weit möglich, durch bestehende Bauten und Infrastruktur markiert. Gelingt das nicht, so dürfen Pfosten und Seile zur Markierung des Eruvs errichtet werden.
In den allermeisten israelischen Städten und Orten steht ein umfassender Eruv zur Verfügung. Zudem gibt es auch in der Diaspora in einigen Städten mit grossen jüdischen Gemeinschaften einen Eruv. Nach einer Medienmitteilung des Projekts Eruv Zürich reiht sich Zürich nun «in die Reihe vieler internationaler Städte ein – darunter London, Amsterdam, Wien und Antwerpen –, in denen jüdisches Leben selbstverständlich Teil des Alltags ist. Die Stadt Zürich bekräftigt damit ihren Grundsatz, religiöse Vielfalt sichtbar zu machen und allen Bevölkerungsgruppen die freie Ausübung ihrer Religion zu ermöglichen.»
«Ein Eruv erleichtert das Leben für observante Juden. Zum Beispiel: Eltern können jetzt mit Kinderwagen spazieren gehen und ältere Personen können mit einem Rollstuhl befördert werden», erklärt Cédric Bollag, der Initiator des Projekts in Zürich. Nach Bollag ist der Eruv besonders für kinderreiche Familien von Vorteil. Zuvor musste immer ein Elternteil zuhause bleiben, falls es Kinder gab, die noch nicht selbst laufen konnten. Jetzt können Familien auch am Schabbat gemeinsame Zeit verbringen.
Eruv als Start-up
Bollag ist Unternehmer und Investor im Finanzbereich und finanziert Start-ups und kleine und mittlere Unternehmen als Kapitalgeber. Bei diesem Projekt konnte er seine bisher gesammelten Erfahrungen und Kenntnisse einsetzen. «Wir haben eine ganze Organisation und über die Jahre hatten wir weit über 100 Personen, die am Eruv gearbeitet haben. Das visionäre und positive Denken hat sicherlich geholfen. Wir haben ein hervorragendes Team und Unterstützung von allen Seiten.»
Laut Bollag bestand die Idee eines Zürcher Eruvs bereits seit 2017, wobei die Bauarbeiten erst vor zwei Jahren begannen. Sein Eindruck von der Stadt und den Behörden, die am Projekt mitgewirkt haben, sei gut. «Es war ein grosser Vorteil, dass der Prozess reibungslos ging (…). Wir sind dankbar für die Unterstützung der Stadt Zürich und stolz, dass dieses Projekt in so guter Partnerschaft umgesetzt werden konnte. Wir freuen uns auch über die geschlossene Unterstützung der jüdischen Gemeinden in Zürich. Der Eruv verbindet – Menschen, Quartiere und Gemeinschaften.» Das Projekt wurde laut Bollag mit einem Budget von gut 1,5 Millionen Franken finanziert. An den Kosten haben sich die Zürcher jüdischen Gemeinden sowie private Spender beteiligt.
Viele Herausforderungen
Der Bau des Eruv brachte jedoch auch zahlreiche Herausforderungen. Dies sei laut Bollag nicht überraschend, da es in Zürich bisher keinen standardisierten Prozess für ein solches Projekt gegeben habe. Daher bedurfte es einer konstruktiven Zusammenarbeit zwischen vielen Behörden und Organen in der Stadt Zürich und in den jüdischen Gemeinden. Es erfolgte auch eine enge Abstimmung mit Grundstückseigentümern, auf deren Eigentum Bauarbeiten für die Errichtung der Eruv-Infrastruktur vorgenommen werden mussten. Der Aufwand scheint sich jedoch gelohnt zu haben, denn bereits jetzt wird von einem Erfolgsprojekt gesprochen. Bollag erhält wöchentlich über 1500 Anfragen per E-Mail, SMS und Whatsapp von Personen, die sich über den Eruv informieren wollen.
Die Arbeit endet allerdings nicht mit dem Aufbau des Eruv. Damit dieser wirksam bleibt, muss die Unversehrtheit, laufend geprüft werden. «Die Vollständigkeit des Eruvs hat natürlich höchste Priorität», betont Bollag. «Sie wird von Rabbinern und Fachpersonen begleitet und wöchentlich überprüft. Es gibt klare Abläufe für Kontrolle, Unterhalt und, falls nötig, rasche Instandsetzung. Wichtig ist: Der Eruv wird laufend gepflegt und die Verantwortung ist klar geregelt.» Im Vorfeld bestanden zudem die Bedenken zu Vandalismus der Eruv-Infrastruktur. Bollag lässt sich allerdings nicht davon abschrecken. «Der Eruv ist bewusst sehr zurückhaltend und kaum sichtbar umgesetzt. Er fügt sich in bestehende Infrastrukturen ein und ist für die meisten Menschen im Alltag nicht erkennbar. Entscheidend war aber auch das Vertrauen: in die Stadt, in die Quartiere und in das gesellschaftliche Klima in Zürich. Dieses Vertrauen wurde durch den offenen Dialog mit den zuständigen Stellen und die partnerschaftliche Umsetzung bestärkt.»
Auch die Bestimmung für den Verlauf des Eruv war nicht ganz einfach. «Die Routenführung ergibt sich aus mehreren Faktoren. Einerseits aus den religiösen Anforderungen, den bestehenden städtischen Strukturen und dem städtischen Lebensraum. Ziel war es, möglichst viele Menschen jüdischen Glaubens einzuschliessen, ohne neue oder auffällige bauliche Eingriffe vorzunehmen. Deshalb verläuft der Eruv grösstenteils entlang bestehender Elemente wie Lampenleitungen, Mauern oder Zäunen. Die Planung ist das Resultat sorgfältiger Abwägungen – religiös und technisch.»
Störung im Stadtbild?
Der Zürcher Eruv wurde in einer Zeit errichtet, in der das Thema «Stadtbild» immer mehr im europäischen politischen Diskurs auftaucht. Inwiefern soll Religion im öffentlichen Raum Platz bekommen? Wo liegen die Grenzen der Toleranz und des Multikulturalismus? Diese zum Teil höchst umstrittenen Fragen stehen im Vordergrund dieses Projekts.
Das Projekt betont, dass der Eruv keine Eingriffe in das Stadtbild Zürichs vornimmt: «Der rund 18 Kilometer lange Verlauf des Zürcher Eruv umfasst mehr als 100 Einzelpunkte, die mit Genehmigung der Stadt umgesetzt wurden. Für die meisten Installationen wurden bestehende Strukturen genutzt; ergänzende Elemente wie dünne Nylonfäden oder Pfosten wurden so integriert, dass sie das Stadtbild nicht verändern.» Das Projekt zeige vielmehr, wie Zürich Offenheit, Zusammenarbeit und Vertrauen lebt. Der Eruv sei kein Bauwerk, das man sieht, sondern ein Symbol, das verbindet. Seine Fertigstellung markiere den Abschluss einer erfolgreichen Zusammenarbeit zwischen Zivilgesellschaft, Verwaltung und Gemeinschaften – und zugleich den Beginn eines neuen Kapitels jüdischen Lebens in Zürich. Ähnlich sieht es SP-Stadträtin Simone Brander: «Das Projekt ‹Eruv› zeigt beispielhaft, wie in Zürich unterschiedliche Gemeinschaften im Dialog zusammenarbeiten können. Das unterstreicht unseren Anspruch, eine Stadt zu sein, in der religiöse Vielfalt selbstverständlich und friedliches Zusammenleben gelebte Realität ist.»
Die Stadtpolitik scheint das Projekt zunächst willkommen zu heissen. Nach SP-Stadträtin Simone Brander zeigt das Projekt Eruv beispielhaft, «wie in Zürich unterschiedliche Gemeinschaften im Dialog zusammenarbeiten können. Das unterstreicht unseren Anspruch, eine Stadt zu sein, in der religiöse Vielfalt selbstverständlich und friedliches Zusammenleben gelebte Realität ist.» Auch Gemeinderätin und Co-Präsidentin der Grünen Stadt Zürich Anne-Beatrice Schmalz ist ähnlicher Überzeugung: «Für die Grünen ist klar, dass der öffentliche Raum vielfältigen Bedürfnissen gerecht werden muss. Ein respektvolles und gewaltfreies Miteinander ist dabei elementar. Auch Religion hat Platz im öffentlichen Raum. Das Projekt gehört selbstverständlich zu Zürich, weil es wichtig für einen Teil der Bevölkerung ist.»
ICZ-Präsidentin Noëmi van Gelder zeigt sich vom Projekt begeistert, ist sich aber gleichzeitig der Risiken bewusst. «Der Eruv bringt für die Allgemeinheit keine Einschränkungen mit sich, stellt jedoch für die darauf angewiesene jüdische Bevölkerung eine grosse Erleichterung dar. Langfristig ist nicht auszuschliessen, dass Fragen zur Rolle von Religionen im öffentlichen Raum und zur Gleichbehandlung verstärkt thematisiert werden; daraus können Chancen für interreligiösen Dialog ebenso wie unterschiedliche Interpretationen entstehen.»
Der neue Zürcher Eruv wird für die meisten säkularen Juden kaum von Bedeutung sein. Für observante Juden und Jüdinnen führt er zu einer spürbaren Verbesserung ihrer Lebensqualität am Schabbat. Gleichzeitig tangiert das Projekt Themen, die im heutigen politischen Diskurs immer empfindlicher werden, und ob dessen Durchführung langfristige Folgen für die jüdische Gemeinde haben wird, bleibt noch offen. Was aber sicher ist: Mit dem Eruv beginnt ein neues Kapitel jüdischen Lebens in Zürich.