Zum gestrigen Tischa Beaw wird die Megilat Echa rezitiert – ein jahrtausendealtes Klagelied, welches symbolisch für das Leid des jüdischen Volkes steht.
Es ist eine weit verbreitete Vorstellung, dass Traurigkeit oder Kummer sich emotional, unreflektiert und unmittelbar ausdrücken. Werden sie jedoch rationalisiert, kalkuliert und aufgeschoben, wirken sie unnatürlich und unecht. Weinen in melodischen Reimen mit poetischen Reflexionen oder Schreien in Versen wäre verpönt. Und doch ist das Rezitieren eine der authentischsten Ausdrucksformen der Trauer in der jüdischen Welt. Die Kinot, die hebräischen Klagelieder oder Elegien, sind fast so alt wie die jüdische Geschichte selbst. Viele von ihnen werden seit Generationen rezitiert, ohne dass sie ihre ursprüngliche Form und Melodie verloren haben.
Das Buch der Klage
Die Kina ist ein sehr persönlicher Ausdruck der Gefühle des Dichters und zugleich zutiefst überpersönlich. Je nach Umgebung erhält jedes Wort eine andere Bedeutung, als ob sich die Worte verändern, wenn sie rezitiert werden. Indem der Rezitator biblische Begriffe aufgreift, identifiziert er sich und sein Schicksal mit dem seiner Vorfahren. Er reiht sich somit in die ununterbrochene Kette der Generationen ein, die alle dasselbe Schicksal teilten. Dadurch werden Väter und Enkel untrennbar miteinander verbunden, und das Schicksal des Einzelnen wird zur Geschichte des Volkes.
Die bekannteste dieser besonderen Kunstformen ist die Megilat Echa (die Klagelieder des Jeremia), die traditionell am Abend von Tischa Beaw vorgelesen wird. «Echa» ist das erste Wort der Megila. Der Name, unter dem sie allgemein bekannt ist, bedeutet «Wie?» oder «Warum?». Der Verfasser dieser Schrift, die traditionell dem Propheten Jeremia zugeschrieben wird, ist unbekannt. Sie gehört zu den fünf Megilot, die im Buch Ktuvim zum biblischen Kanon zählen. Ihr Hauptthema, auch wenn es nicht explizit genannt wird, ist die Zerstörung Jerusalems und des Tempels sowie das Leid der einzelnen Menschen. All dies soll das Leid symbolisieren, das das jüdische Volk erdulden musste und noch immer erduldet.
Geordnete Trauer
Das Besondere an der Megilat Echa ist, dass es sich um eine äusserst hohe Kunstform handelt. Sie ist in einem einzigartigen Rhythmus verfasst, der einer spezifischen poetischen Regel folgt. Zudem folgt sie einem Akrostichon, einer alphabetischen Ordnung, bei der jeder Vers mit dem nächsten Buchstaben des Alphabets beginnt, gefolgt von einem Kapitel, in dem sich das Alphabet dreimal wiederholt. Trotz dieser strengen Ordnung gelingt es der Megilat Echa, eine sehr emotionale Reaktion in uns hervorzurufen und ein tiefes Gefühl der Trauer auszudrücken. Dies beweist, dass Weinen und Stöhnen keine unkontrollierten, spontanen Reaktionen sein müssen, sondern geordnete, wenn auch schmerzhafte, raffinierte Poesie sein können. Diese Poesie braucht eine Melodie, die ihre Kraft nicht mindert, sondern verstärkt. Inhaltlich erzählt die Megilat Echa die Geschichte einer Katastrophe, und zwar sehr anschaulich: «Die Zunge des Säuglings klebte am Gaumen vor Durst, kleine Kinder baten um Brot, allein es war keiner da, der es ihnen reichte.» Oder: «Die Hände weichherziger Frauen kochten ihre Kinder: Sie waren ihnen zur Nahrung bei dem Bruch der Tochter meines Volkes.» Doch sie beschränkt sich nicht auf Details und bildhafte Beschreibungen, sondern vermittelt auch einen moralischen Gehalt. Diese Katastrophe besteht nicht nur aus Zerstörung, Hunger und Armut, sondern auch aus menschlichen Grunderfahrungen. Angst, Reue, Depression und vor allem Scham durchziehen die Megila – die Schande einer untergegangenen Grösse. «Die Herrin über die Völker, die Fürstin über die Provinzen, ist tributpflichtig geworden.» Ironie und Kritik an den Führern des Volkes sind ebenfalls reichlich vorhanden. In der Megila sind es nämlich sie, die für die Katastrophe verantwortlich sind. «Ihre Führer waren wie Rehe, die keine Nahrung fanden, und da gingen sie denn kraftlos dahin vor dem Verfolger.»
Ein universelles Meisterwerk
Wie ihre vier biblischen Schwestern basiert Megilat Echa auf einem historischen und nationalen Ereignis. Doch sie spiegelt nicht nur dieses spezifische Ereignis in Raum und Zeit wider, sondern geht darüber hinaus und wird zu einer universellen, visionären, beinahe abstrakten Schöpfung, die die gesamte Menschheit und den einzelnen Menschen betrifft. So wie die Psalmen eine Hymne an die Liebe und Kohelet eine Hymne an die Philosophie sein sollen, so soll Megilat Echa eine Hymne der Trauer über das Leid des Einen und der vielen sein – ein ewiges Meisterwerk der Poesie.