Wie ein Genfer Parlamentarier die Tragödie von Crans-Montana für Israel-Kritik missbraucht und die jüdische Gemeinde um eine Reaktion ringt
Er hatte bereits zuvor die «Coordination Intercommunautaire contre l’Antisemitisme et la Diffamation» (CIAD) und deren Generalsekretärin Johanne Gurfinkiel aggressiv angegriffen. Am vergangenen Samstag, drei Tage nach der Tragödie von Crans-Montana, ging Mauro Poggia, der Ständerat von Mouvement Citoyen Genevois (MCG), noch einen Schritt weiter.
In einem Beitrag auf seinem Facebook-Account schreibt der Genfer, der obendrein Verwaltungsrat des Walliser Spitals ist, welches an vorderster Front für die Versorgung der Opfer des Brandes in der Bar Le Constellation zuständig ist: «Die Tragödie von Crans-Montana, die uns alle am 1. Januar beim Aufwachen erschüttert hat und die uns jeden Augenblick beschäftigt, steht zu Recht im Fokus aller internationalen Medien.» Und er präzisiert seinen Gedanken: «Ein unerwartetes Drama für die derzeitige kriminelle Regierung an der Spitze des Staates Israel. Dieser Staat kann wie eine tödliche Krankheit seine ethnische Säuberung in Gaza und seine Übergriffe im Westjordanland still und leise fortsetzen, nachdem er uns mit einem trügerischen Waffenstillstand in Sicherheit gewiegt hat.»
Eiskalter Zynismus
Auf diese Aussagen folgten zahlreiche zornige Reaktionen: «Es bedarf einer Form von eiskaltem Zynismus, um eine Tragödie wie die von Crans-Montana, die die ganze Schweiz in Trauer versetzt hat, für einen neuen Angriff auf Israel zu instrumentalisieren», entgegnet ihm Lionel Halperin, Anwalt und ehemaliger FDP-Abgeordneter im Genfer Grossen Rat, wie mehrere Medien berichten. Er fügte hinzu: «Was Sie einmal mehr zum Ausdruck bringen, Mauro Poggia, ist keine Meinung zu einem Konflikt: Es ist eine antiisraelische und antizionistische Obsession, die Sie bei jeder Gelegenheit, auch bei der unpassendsten, neu formulieren.» Gegenüber «Watson» präzisierte Lionel Halperin Anfang der Woche: «Ich war am Abend des Dramas im Skigebiet. Ich habe eine Tochter im Alter der Opfer dieser Tragödie. Sie selbst hat die betreffende Bar schon besucht. Wir hatten grosses Glück, dass sie an diesem Silvesterabend nicht dort war. Jede politische Instrumentalisierung dessen, was an diesem Abend passiert ist, ist zutiefst unangebracht.»
Erstaunlich und schockierend
Der ehemalige Genfer Nationalrat der FDP Jacques-Simon Eggly spricht von einem «Ausrutscher» und äussert seine Empörung im selben sozialen Netzwerk: «Wie konnte Mauro Poggia einen solchen Ausrutscher begehen? Das ist ebenso erstaunlich wie schockierend.» Er fügt hinzu: «Da vergleicht er die Emotionen, die er angesichts der Opfer von Crans empfindet, mit denen, die er empfindet, wenn er an die Opfer in Gaza denkt, die von den israelischen Vergeltungsmassnahmen betroffen sind – Massnahmen, die eine Reaktion auf das abscheuliche Verbrechen der Hamas am 7. Oktober sind. Er glaubt, dass sich die israelischen Behörden über das ‹unerwartete› Drama in Crans freuen, das die Aufmerksamkeit der Medien auf sich zieht und damit für eine Weile von den Ereignissen in Gaza ablenkt. Diese politische Instrumentalisierung ist nicht nur schockierend, sondern auch unangemessen und dumm.»
Die ehemalige Abgeordnete der Grünen und Präsidentin des Rechnungshofs des Kantons Waadt Anne Weill-Lévy gibt sich «bestürzt» über diese Äusserung. «Zunächst einmal instrumentalisieren Sie die Opfer des schrecklichen Dramas in Crans-Montana, um es für die von Ihnen bevorzugte Sache einzuspannen, für die Sie sich obsessiv aller möglichen Themen bedienen. Diese armen Opfer und ihre Familien verdienen es nicht, für irgendeine Sache instrumentalisiert zu werden. Sie brauchen einfach nur menschliche Wärme, die Ihnen offenbar endemisch fehlt. Sie spielen mit ihrer Verzweiflung, während die ganze Schweiz alles tut, um ihnen Mitgefühl und Solidarität entgegenzubringen. Unser Land ist auf Crans fokussiert und erlebt eine Situation, die es sich selbst in seinen schlimmsten Albträumen nicht hätte vorstellen können. Wem und was nützt es also, dies als Vorwand zu nehmen, um die Glut eines Krieges anzufachen, von dem wir hoffen, dass er vorbei ist?»
Weiter sagte sie: «Ich ziehe es vor, diese Frage nicht zu beantworten. Zu schreiben, dass das Drama von Crans eine unerwartete Gelegenheit für die kriminelle Regierung an der Spitze des Staates Israel ist, still und leise eine ‹tödliche Krankheit› weiterzuverfolgen, offenbart eines: Ihren Willen, Hass anzustacheln. Da Sie bekanntlich vom Staat Israel besessen sind, schüren Sie diesen Hass, indem Sie Israel dazu benutzen, die Juden zu kriminalisieren. Damit fördern Sie die Absichten, die die Hamas in ihrer Charta und durch den unvollendeten Völkermord, den sie am 7. Oktober 2023 begonnen hat, zum Ausdruck gebracht und in die Tat umgesetzt hat. Denn wenn es um tödliche Krankheiten geht, um Ihre Worte zu verwenden, kennt sich die Hamas bestens aus (...). Darüber hinaus beschuldigt sie den jüdischen Staat, eine tödliche Krankheit zu verbreiten. Damit befinden wir uns wieder im Mittelalter, einer Zeit, in der Juden genau dafür beschuldigt wurden, tödliche Krankheiten zu verbreiten.»
Unklare Intervention
Auf Nachfrage sagte Ralph Friedländer, Präsident des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebundes: «Es ist sehr geschmacklos, dass der Ständerat der MCG die Tragödie von Crans-Montana instrumentalisiert, um zum Hass gegen Israel aufzurufen.» Auf die Frage, ob der Dachverband der jüdischen Gemeinden in der Schweiz bei der parlamentarischen Gruppe der SVP intervenieren wird, da Poggia dieser angehört, antwortet er, dass «die Frage zweifellos bei einem nächsten Treffen im Rahmen der allgemeineren Beziehungen, die der SIG zu den parlamentarischen Gruppen unterhält, angesprochen werden wird».
Auf «Watson» steht Mauro Poggia zu seiner Veröffentlichung: «Am 1. Januar hat die israelische Regierung das Einreiseverbot für 37 wichtige NGOs nach Gaza bestätigt. Eine solche Entscheidung hätte die Missbilligung der internationalen Gemeinschaft hervorrufen müssen. Wir sind natürlich erschüttert über das Drama von Crans-Montana, und zu Recht richtet sich die internationale Aufmerksamkeit auf die Schweiz, aber damit lässt man eine Ausrottung weitergehen.»