basel 30. Jan 2026

Basler Synagoge von 1850 wiederentdeckt

Frank Löbbecke, Leiter der Basler Bauforschung, vor einem zugemauertem Fensterbogen der ehemaligen Synagoge.

Unter dem jahrhundertealten Putz am Heuberg kommen Spuren jüdischer Geschichte zum Vorschein.

Das Haus am Heuberg ist eine Baustelle. Es wird gegenwärtig totalsaniert. Schicht für Schicht wird der Putz von Jahrhunderten abgetragen. Darunter entdeckte die Abteilung Bauforschung der Basler Denkmalpflege die Reste einer ehemaligen Synagoge. Es sind vor allem Bögen von drei zum Teil zugemauerten Fenstern, die zum Vorschein kamen und die Forscher begeistern.

Der Auslöser für die Untersuchung sei der Wunsch der Bauherrschaft, im Obergeschoss ein neues Fenster einzubauen, so Frank Löbbecke, Leiter der Basler Bauforschung. «Da das Haus in der Schutzzone steht, sind seine Aussenmauern denkmalgeschützt. Daher wurde vor dem Ausbruch des Fensters eine Sondage im Putz gemacht, um das Mauerwerk zu analysieren und allenfalls eine ehemals vorhandene Öffnung zu finden, die man als Fenster nutzen könnte. Tatsächlich hat die Bauforschung der Denkmalpflege eine rundbogige Öffnung mit feinem Putz auf der Laibung gefunden», so Löbbecke. «Daraufhin haben wir auch die anderen Wände genauer angeschaut und noch zwei weitere Fenster gefunden, die eindeutig zum Synagogenbau gehören.» Es sei zwar bekannt gewesen, dass die 1850 entstandene sogenannte «Alte Synagoge» auf dem Grundstück stand, «aber ob und wie viel von der Bausubstanz im heutigen Haus vorhanden war, war völlig unbekannt», so Löbbecke. Von der Synagoge gebe es nur eine einzige Zeichnung. «Sie sieht mit nur einem Geschoss und halbrundem Fenster im Spitzgiebel völlig anders aus als das heutige Haus. Daher war es eine grosse Überraschung, als wir im ersten Obergeschoss des Gebäudes dieses halbrunde Fenster nachweisen konnten!»

Basels erste jüdische Gemeinden
Obwohl einer der ältesten archäologischen jüdischen Funde Europas aus Augusta Raurica kommt und ein Grabsteinfragment möglicherweise das Datum 1104 trägt, sind Jüdinnen und Juden in Basel erst seit etwa 1200 sicher nachgewiesen. Um 1223 war diese erste jüdische Gemeinde am Bau der mittleren Brücke beteiligt. Sie hatte ihre Synagoge am Ort des heutigen Geschäfts Ochsner Shoes an der Gerbergasse. Die Gemeinde wurde 1349 bei den Pestpogromen zerstört. Um 1360 bildete sich eine zweite jüdische Gemeinde. Sie half beim Wiederaufbau der Stadt nach dem Erdbeben von 1356 und der Errichtung der dritten Stadtmauer. Ihre Synagoge stand am Ort des heutigen Unternehmens Mitte. Aus Angst vor Verfolgung floh die Gemeinde 1397 aus der Stadt.

Eine neue jüdische Gemeinde, die dritte in Basels Geschichte, bildete sich erst wieder nach 1798. Damals wurde Basel vom revolutionären Frankreich besetzt, das seinen Juden die Emanzipation, die volle rechtliche Gleichberechtigung, versprach. Mit den französischen Truppen kamen denn auch vor allem Jüdinnen und Juden aus dem benachbarten Elsass nach Basel, vorwiegend aus Hegenheim, Hagenthal und Dürmenach.

Der lange Weg zur eigenen Synagoge
Ab 1805 ist die Existenz einer organisierten jüdischen Gemeinde belegt, der heute noch existierenden Israelitischen Gemeinde Basel (IGB). Als Gebetslokal diente das Haus «Zum Venedig» am Schlüsselberg 3. In der Folge gab es auch am Leonhardsgraben 43 und am Unteren Heuberg 7 Gebetsstätten. Nichts war permanent, bemühten sich doch nach 1815 mitunter die Basler Behörden im Gefolge der Niederlage Napoleons darum, die Juden aus der Stadt zu vertreiben. Erst nach der Kantonstrennung von 1833 wurde im zunehmend liberaleren Klima der Stadt jüdische Präsenz verstetigt. 1850 wurde schliesslich am heutigen Heuberg 21 die erste permanente Basler Synagoge seit dem Mittelalter eröffnet. «Im Namen des Herren wurde dieses fromme Werk unternommen, durch die helfende Hand Gottes ist es zustande gekommen» sagte Rabbiner Moïse Nordmann (1809–1884) aus Hegenheim bei der Einweihung des Gotteshauses am 4. September 1850. Nordmann war nicht nur Rabbiner im Elsass, sondern betreute im Alleingang auch die Gemeinden Basel, Biel, La Chaux-de-Fonds, Lausanne und Bern und gilt als Pionier des wieder errichteten jüdischen Lebens in der Schweiz im 19. Jahrhundert. Er gilt als Erbauer der Basler Synagoge: «So schwierig das Unternehmen schien für eine so kleine Gemeinde – zehn bis zwölf Familienoberhäupter zählt ihr kaum in Eurer Mitte – so schnell und leicht war die Ausführung», so Moïse Nordmann in seiner in der Universitätsbibliothek aufbewahrten Rede. «Zwar kein grossartiger Tempel ist es, nur ein bescheidener, anspruchsloser Bau.» Die Synagoge am Heuberg war mit insgesamt 70 Plätzen tatsächlich klein. Der bis jetzt nicht aufgefundene Thoraschrein war aber reich geschmückt, die Fenster waren bunt verglast, das Rundfenster über dem Schrein zeigte den Propheten Moses als eine figürliche Darstellung. Um dieses Fenster habe es in der jüdischen Gemeinde eine heftige Auseinandersetzung gegeben, berichtet Löbbecke. «Es war damals stark umstritten, ob man Darstellungen von Menschen in einer Synagoge anbringen durfte. Leider wissen wir nicht, ob das Fenster noch existiert, sein Verbleib ist unbekannt.» Beim Bau der neuen Synagoge an der Leimenstrasse 1866–1868 hat man es nicht wiederverwendet.

Vom Gebetshaus zur Bäckerei
Die Strassenfassade war 1850 eingeschossig und wies seitliche Türen sowie ein mit Holzläden verschliessbares Mittelfenster auf und darüber ein Halbrundfenster und einen Spitzgiebel. Der Bau wurde sehr schnell für die rasant wachsende Gemeinde zu klein. 1866, im Jahr, als die Schweizer Juden nach diplomatischem Druck der USA und Frankreichs die Gleichberechtigung erhielten, wurde noch unter Rabbiner Nordmann der Bau einer zunächst einkuppeligen neuen Synagoge an der Leimenstrasse beschlossen. Dort ist die Synagoge der Israelitischen Gemeinde Basel noch immer, mittlerweile mit zwei Kuppeln. Die Synagoge am Heuberg wurde 1877 verkauft und zu einer Bäckerei umgebaut. Im grossen Gebetsraum wurden Böden eingezogen, die Fenster wurden verändert und das Haus aufgestockt. Ein erneuter Umbau verlieh der ehemaligen Synagoge das heutige Aussehen. Die Funktion als Gebetshaus ging bis zur aktuellen Wiederentdeckung fast völlig vergessen.

Das Haus wird nun saniert, um es wieder als Einfamilienhaus zu nutzen. Die Baubefunde werden im Wandputz angedeutet, sodass die ehemalige Nutzung als Synagoge nachvollziehbar bleibt, so Löbbecke. Während des Umbaus wird die Bauforschung in Absprache mit der Bauherrschaft ein Informationsplakat in das Schaufenster hängen. Was darüber hinaus geschieht, ist noch nicht entschieden.

Simon Erlanger