Caracas 05. Jan 2026

Venezuelas Juden nach dem US-Angriff

Ein Mann mit Kippa und venezolanischer Flagge während Protesten gegen Antisemitismus in Caracas, 2009.  

Die Juden Venezuelas zwischen Exodus, politischer Instrumentalisierung – und der angespannten Ruhe nach dem Angriff.

Als am vergangenen Wochenende Explosionen in und um Caracas zu hören waren und sich die Nachrichten über einen militärischen Angriff überschlagen haben, reagierte die jüdische Gemeinschaft Venezuelas mit einer Mischung aus Angst, Vorsicht – und leiser Hoffnung. Für eine Minderheit, die seit Jahren zwischen Anpassung und Abwanderung lebt, war es ein weiterer Einschnitt in einer langen Kette von Erschütterungen.

Noch in den 1970er- und 1980er-Jahren galt Venezuela als eines der stabilsten Länder Lateinamerikas – politisch, wirtschaftlich und gesellschaftlich. Die jüdische Gemeinschaft, vor allem sephardisch und aschkenasisch geprägt, war gut integriert, wirtschaftlich präsent und kulturell sichtbar. Synagogen, jüdische Schulen, Sport- und Kulturvereine gehörten in Caracas ebenso zum Stadtbild wie jüdische Unternehmer, Ärzte, Juristen und Intellektuelle.

Mit dem politischen Umbruch unter Hugo Chávez und der zunehmenden Polarisierung des Landes begann jedoch ein schleichender Exodus. Spätestens unter der Präsidentschaft von Nicolás Maduro verschärften sich die Bedingungen dramatisch: Wirtschaftskollaps, Inflation, Versorgungsengpässe, internationale Isolation. Für die jüdische Gemeinschaft kam ein zusätzlicher Faktor hinzu: eine politische Rhetorik, die wiederholt antiisraelische und teils antisemitisch codierte Narrative bediente.

Heute leben nur noch schätzungsweise 4’000 bis 7’000 Juden im Land – ein Bruchteil der früheren Gemeinde. Die Mehrheit ist nach Israel, in die USA oder nach Lateinamerika ausgewandert. Zurück geblieben ist eine kleine, überalternde, aber weiterhin organisierte Gemeinschaft.

Leben in der Defensive
Die verbliebenen jüdischen Institutionen – Synagogen, Schulen, Gemeindezentren – existieren weiter, doch meist unter erhöhten Sicherheitsvorkehrungen und mit reduziertem Betrieb. Öffentliche Sichtbarkeit wurde in den letzten Jahren zunehmend vermieden. Viele Gemeindemitglieder berichten von einem Alltag, der geprägt ist von Vorsicht, politischer Zurückhaltung und dem ständigen Abwägen, ob ein weiteres Bleiben sinnvoll ist.

Gewaltsame antisemitische Übergriffe waren zuletzt selten, doch das Gefühl der Unsicherheit blieb. Die Erinnerung an frühere Vorfälle – etwa Angriffe auf jüdische Einrichtungen in den 2000er-Jahren – wirkt nach. Hinzu kommt eine politische Sprache, in der Begriffe wie «Zionismus» regelmässig als Feindbild instrumentalisiert werden, besonders in Krisenzeiten.

Der Angriff – und die Reaktionen
Der militärische Angriff am vergangenen Wochenende traf das Land in einer ohnehin fragilen Phase. In jüdischen Vierteln von Caracas waren Explosionen zu hören, Gerüchte machten schnell die Runde, soziale Netzwerke überschlugen sich. Viele Familien blieben in ihren Häusern, religiöse Aktivitäten wurden vorübergehend ausgesetzt.

Gleichzeitig war in Gesprächen – meist hinter verschlossenen Türen – auch Erleichterung zu spüren. Für nicht wenige Juden steht das Ende des Maduro-Regimes für die Hoffnung auf einen politischen Neuanfang. «Wir haben gelernt, nicht laut zu jubeln», sagt ein Gemeindemitglied, «aber viele empfinden diesen Moment als Zäsur.»

Offiziell hielten sich jüdische Organisationen im Land mit Stellungnahmen zurück. Die Devise lautet seit Jahren: keine öffentliche Positionierung, kein Risiko. Diese Zurückhaltung ist Teil einer Überlebensstrategie in einem Land, in dem politische Zuschreibungen schnell gefährlich werden können.

Gefährliche Rhetorik
Besorgnis lösten am Wochenende Äusserungen aus dem Umfeld der bisherigen Regierung aus. Die venezolanische Vizepräsidentin Delcy Rodríguez sprach von einer angeblich «zionistischen Färbung» des Angriffs – eine Formulierung, die international scharf kritisiert wurde. Für jüdische Beobachter ist dies ein bekanntes Muster: In Momenten politischer Bedrohung wird ein äusserer, oft jüdisch konnotierter Gegner konstruiert.

Solche Aussagen treffen eine ohnehin verunsicherte Gemeinschaft. Auch wenn sie nicht unmittelbar zu Gewalt führen, verstärken sie das Gefühl, jederzeit zur Projektionsfläche politischer Narrative werden zu können.

Israel, Distanz und begrenzte Hilfe
Seit dem Abbruch der diplomatischen Beziehungen zwischen Venezuela und Israel im Jahr 2009 ist die jüdische Gemeinschaft weitgehend auf sich allein gestellt. Israelische Stellen haben nach dem Angriff ihre Reisewarnungen verschärft und raten dringend von Aufenthalten im Land ab. Direkte konsularische Unterstützung ist nur eingeschränkt möglich.

Gleichzeitig beobachten jüdische Organisationen in der Diaspora die Lage aufmerksam. Diskret werden Evakuierungs- und Unterstützungsoptionen geprüft – ein stilles Netzwerk, das in Krisenmomenten aktiviert werden kann.

Zwischen Bleiben und Gehen
Die zentrale Frage für viele jüdische Familien in Venezuela lautet seit Jahren: Wie lange noch? Der Angriff vom Wochenende hat diese Frage neu zugespitzt. Während einige auf eine politische Öffnung und wirtschaftliche Stabilisierung hoffen, sehen andere darin den letzten Beweis, dass das Land keine Zukunft mehr bietet.

Was bleibt, ist eine Gemeinschaft, die gelernt hat, sich anzupassen: leise, vorsichtig, resilient. Die Juden Venezuelas sind nicht Opfer im klassischen Sinn, aber sie leben seit Jahren in einer Grauzone aus Unsicherheit, Loyalitätskonflikten und dem Wissen, dass Geschichte sich auch in Lateinamerika schneller wenden kann, als man glaubt.

Ob der jüngste Umbruch den Anfang einer neuen Phase markiert – oder lediglich ein weiteres Kapitel im langsamen Verschwinden einer einst starken Gemeinschaft –, ist offen. Sicher ist nur: Die jüdische Präsenz in Venezuela ist heute fragiler denn je.
 

Redaktion