Los Angeles 02. Aug 2026

Schlüsselfigur der Postmoderne

Simonetta Forti im Jahr 2015.

Die italienisch-amerikanische Künstlerin, expressionistische Malerin und Choreografin Simone Forti ist im Alter von 91 Jahren gestorben  

Die vielseitige Künstlerin wurde 1935 in Florenz als Simonetta Forti geboren. Ihr Vater war jüdischer Herkunft, 1938 brachte er sich und die Familie vor dem italienischen Antisemitismus und Faschismus in Sicherheit. Die Familie emigrierte in die Schweiz, von dort in die USA. Simone Forti wuchs in Los Angeles auf, heiratete den Künstler Robert Morris, einen der wichtigsten Vertreter des Minimalismus. Morris arbeitete am Reed College, wo Forti eine Ausbildung in der bildenden Kunst begann. 
1956 zog das Ehepaar nach San Francisco und begann in Anna Halprins «Dancer’s Workshop» mit dem Tanz. Nach dem Umzug 1959 an die US-Ostküste setzte Simone Forti ihre Tanzausbildung unter anderem bei Martha Graham und Merce Cunningham fort. In New York entwickelte sie eine eigenständige künstlerische Praxis an der Schnittstelle von Tanz, Skulptur und Performance und arbeitete mit Yvonne Rainer, Steve Paxton, Robert Whitman sowie dem Fluxus-Umfeld zusammen. Letzteres bezeichnet eine lose, internationale und interdisziplinäre Gemeinschaft von Künstlern, Musikern und Dichtern ab den 1960er-Jahren, zu deren wichtigsten Vertretern George Maciunas, Wolf Vostell und Yoko Ono zählten. Die Bewegung verband Bildende Kunst, Musik und Alltagshandlungen zu einer neuen Form der Aktionskunst. Zwischen 1962 und 1966 war Forti mit dem Performance und Multimedia-Künstler Robert Whitman verheiratet. Gemeinsam erarbeiteten sie «happenings», eine Form der Aktionskunst bei der Künstler eine Aktion vorbereiten, aber der genaue Ablauf offen bleibt und das Publikum aktiv mitwirkt.
Simone Forti begründete den Minimalismus im Tanz und entwickelte ein neues Körperbewusstsein. Anfang der 1960er Jahre prägte sie mit ihrem entwickelten «Dance Constructions» die Entwicklung von Performance-und Tanzkunst nachhaltig. Statt festgelegter Choreografien setzte Forti als Choreografin auf minimale Anweisungen sowie auf Alltagsmaterialien wie Seile, Holzbretter oder Kisten sowie auf Improvisation und Zufall.Fortis Arbeiten erweiterten das Verständnis von Tanz als alltäglicher Bewegung. Später bezog sie auch Tierbeobachtungen, Sprache, Zeitungslektüre und Improvisation in ihre Performances ein und unterrichtete über Jahrzehnte, unter anderem an der UCLA.
Im April 1961 präsentierte Forti ihr bahnbrechendes Programm An Evening of Dance Constructions in Yoko Onos riesigem Loft in Manhattan. Ihre Choreografie Huddle gilt als das bahnbrechende Stück für die Entwicklung der Performance. Die Akteure klettern unaufhörlich auf einer Struktur, gebildet aus ihren eigenen Körpern. In konstanter, aber nicht eilender Bewegung lösen sich aus einer eng beieinanderstehenden Gruppe von sieben bis acht Akteuren jeweils eine oder zufällig auch zwei Personen heraus, klettern an den Körpern der anderen empor und wieder zurück in die Menge, von wo sofort anschließend eine weitere Gestalt sich löst und nach oben klettert. „Man assoziiert das Nach-oben-Drängen von Führungsnaturen, oder denkt an die Erstickenden in den Gaskammern der Todeslager, die – nach Atem ringend – versuchten, an Luft zu gelangen“, schrieb Eva-Elisabeth Fischer im August 2014 in ihrer Besprechung der Werkschau im Salzburger Museum der Moderne.
Huddle entziehe sich noch immer einer vorschnellen Interpretation, betonte Fortis Tanzkollege Steve Paxton aus der gemeinsamen Gruppe des Judson Dance Theater, zu der auch Yvonne Rainer und Trisha Brown gehörten. Sie seien in einer metaphernfreien Zone aufgetreten, weil Forti keine Bilder vorgegeben habe. Simone Forti habe damit eine völlig neue Haltung in die Welt des Tanzes gebracht, erinnerte sich Steve Paxton 2014: „Es war für Betrachter ein Schock, eine Bedeutung vorenthalten zu bekommen, mit der sie die Erfahrung eines solchen künstlerischen Projekts hätten einordnen können.“ 
Außerhalb der USA arbeitete Forti neben Venezuela, Kanada, Japan, Australien auch in Europa. Unter ihren Auszeichnungen sind der Bessie Award (1995) und eine Guggenheim Fellowship (2006) hervorzuheben.
2015 nahm das Museum of Modern Art (MoMA) in New York ihre «Dance Constructions» in seine Sammlung auf. 2023 wurde Forti bei der Tanzbiennale in Venedig mit dem Goldenen Löwen für ihr Lebenswerk ausgezeichnet. Im selben Jahr widmete ihr das Museum of Contemporary Art in Los Angeles eine große Retrospektive.
Simone Forti lebte zuletzt in Kalifornien und litt seit mehreren Jahren an Parkinson. Die Pionierin des Minimalismus und Postmoderne starb am 29. Juli 2026 in Los Angeles.

Redaktion