Kommentar zum israelisch-amerikanischen Krieg gegen Iran und dem Fall des Religionsführers
Analogien sind oft wohlklingend und irreführend, Mythologien verführerisch, und die Spiegelung der Gegenwart im Vergangenen gleicht einer fehlbaren Lotterie. Der israelisch-amerikanische Schlag gegen Iran am Vorabend des Purimfestes verändert den Nahen Osten und fügt ein neues Kapitel in der langen persisch-jüdischen Geschichte sowie in der vergleichsweise kurzen amerikanisch-iranischen hinzu – mit offenem Ausgang, aber veränderten Kräfteverhältnissen. Zwischen möglicher Befriedung, weiterer Eskalation und Kaskaden des Unerwarteten werden sich die einzelnen Staaten neu justieren und positionieren. Noch ist unklar, wie die arabische Welt in diese neue Ära eintreten wird – ob Gewalt weitere Gewalt gebiert oder ob Vernunft und ein langer Prozess politischer und ökonomischer Transformation einsetzen.
Das Mullah-Regime ist nicht besiegt; Despotismus, Tyrannei und diktatorische Strukturen bestehen fort. Ein gesellschaftlicher Wandel erscheint greifbarer als in früheren Jahrzehnten, bleibt jedoch in Teilen utopisch, wenn man auf die letzten Jahrzehnte zurückblickt. Der Schlag erfolgte am Schabbat Sachor, dem Schabbat vor Purim, an dem der Tora-Abschnitt «Erinnere dich, was Amalek dir angetan hat» (Dtn 25,17–19) gelesen wird. Er stellt die Verbindung zwischen dem biblischen Erzfeind Amalek und Haman in der Esther-Erzählung her und betont die Pflicht zur Erinnerung als religiöses Gebot.
Es kann sinnvoll sein, diese Texte säkularisiert zu lesen – entlang der Geschichte von Judenhass und Antisemitismus –, wenn gegenwärtige Entwicklungen eingeordnet werden sollen, jenseits des Kaffeesatzlesens auf internationalen Kanälen. Die Idee existenzieller Bedrohung als Teil jüdischer Identität und die im Kontext des Zionismus sowie im Nachgang zur Schoa formulierte Idee jüdischer Wehrhaftigkeit haben das jüdische Selbstverständnis der letzten zweihundert Jahre grundlegend neu geprägt – und mitunter auch gespalten. Emanzipation, Säkularisation und neue Exegese stehen neben einem modernen Judentum, das in der Existenz der israelischen Armee für manche Ausdruck staatlicher Normalität ist, für andere jedoch weitergehend als «jüdische Armee» verstanden wird – ein Begriff, über den Hannah Arendt 1947 in der Zeitschrift Aufbau reflektierte, indem sie vor einer ethnisch aufgeladenen Nationalisierung des Judentums warnte und die Gefahr einer Vermischung von politischer Macht und kollektiver Identität betonte.
In der Megillat Esther endete Persiens Haman am Galgen, in der Realität Irans oberster Religionsführer Ali Chamenei in der Gruft. Beide rissen – historisch wie mythisch – ihren jeweiligen Stab mit in den Untergang. Die Megillat Esther erzählt vom Plan Hamans, die Juden im Perserreich zu vernichten. Nachdem dieser scheitert und Haman am Galgen endet (Est 7,10), erhalten die Juden durch königliches Edikt das Recht, sich zu verteidigen (Est 8). In Kapitel 9 wird berichtet, dass sie sich gegen ihre Feinde zur Wehr setzen. In der Festung von Schuschan (Susa) töten sie 500 Männer – darunter die zehn Söhne Hamans. Deren Namen werden einzeln aufgeführt: Parschandata, Dalfon, Aspata, Porata, Adalja, Aridata, Parmaschta, Arisai, Aridai und Wajesata. Es heisst: «Diese zehn Söhne Hamans, des Sohnes Hamedatas, des Judenfeindes, töteten sie; aber an die Beute legten sie ihre Hand nicht.»
Der aktuelle Krieg findet in einem völlig anderen historischen, politischen und völkerrechtlichen Kontext statt. Israels Premier Binyamin Netanyahu begründet den Präventivschlag mit dem Recht auf Selbstverteidigung angesichts einer existenziellen Bedrohung; Donald Trump verweist auf den Schutz der amerikanischen Bevölkerung. Die Debatte über die völkerrechtliche Legitimität des Vorgehens wird weitergeführt werden, während Israel militärische Fakten geschaffen hat, die diese Diskussion zumindest kurzfristig überlagern. So sehr Falken, rechtspolitische Parteien und andere die UN in Frage stellen, bleibt die regelbasierte Weltordnung sakrosankt. Artikel 51 der Charta der Vereinten Nationen garantiert Staaten das «naturgegebene Recht zur individuellen oder kollektiven Selbstverteidigung», sofern ein bewaffneter Angriff erfolgt, bis der Sicherheitsrat die zur Wahrung des Weltfriedens erforderlichen Massnahmen ergriffen hat. Ob ein Präventivschlag unter diese Bestimmung fällt, ist völkerrechtlich umstritten und hängt insbesondere von der Frage der Unmittelbarkeit und der konkreten Bedrohungslage ab. Die Antwort darauf ist an dieser Stelle weniger wichtig als die Erinnerung an deren Existenz und Anwendung im Sinne einer zivilisatorischen Errungenschaft.
Doch was bedeutet all dies, während in Israel und im gesamten Nahen Osten Abermillionen in Schutzräumen sitzen und zwischen Angst und Hoffnung auf Wandel bange Tage durchstehen? Für eine politische Debatte der Gegenwart in einer Region, die allzu oft auf biblische Texte, religiöse Mythen oder renationalisierte, ethnisch aufgeladene Prämissen zurückgreift, bleibt entscheidend, ob sich ein anderes Modell durchsetzt.
Das oft totgesagte europäische Friedensmodell – Versöhnung ehemals verfeindeter Staaten durch wirtschaftliche Verflechtung und institutionelle Bindung – ist bislang das weltweit einzige erfolgreiche Modell zwischen historischen Todfeinden. Es darf kein koloniales Projekt werden, sondern muss aus dem inneren Verständnis der Region selbst wachsen. Weder Proxys noch hegemoniale Interessen dürfen diesen Prozess unterwandern – auch nicht seitens der USA oder partikularer israelischer Interessen. Die Abraham-Abkommen markieren hier einen möglichen Ansatz: wirtschaftliche Kooperation statt weiterer Abgrenzung. Voraussetzung wären jedoch klare Prämissen: Trennung von Staat und Religion, demokratische Strukturen und die verbindliche Implementierung der Menschenrechte.
Der Irakkrieg unter George W. Bush hat schmerzhaft gezeigt, dass militärische Übergriffe, die als Befreiung deklariert werden, häufig im Desaster enden. Platons Bild von der Befreiung aus der Höhle lässt sich nicht ohne Kants Primat der Vernunft denken – erst recht nicht dort, wo Menschen sich nicht aus selbstverschuldeter Unmündigkeit, sondern aus der Gewalt von Despoten befreien müssen, die allzu lange von Demokratien toleriert oder gar gestützt wurden.
Das Purim-Märchen wirkt stärker als die historische Purim-Erzählung. Vielleicht liegt darin seine politische Gefahr – und zugleich seine emotionale Kraft im Widerstand gegen reale und herangezogene Feinde. Für die jüdischen Gemeinschaften weltweit wird die Diskussion darüber wichtig sein, wie sie sich entlang dieser Entwicklungen politisch und vis-à-vis eines Israel einbringen wollen, das sich in der letzten Dekade zunehmend verändert hat.
In der Purimgeschichte plädiert Mordechai für verantwortliches Handeln im entscheidenden Augenblick, wenn er Esther mahnt: «Denn wenn du jetzt schweigst, wird Hilfe und Rettung den Juden von einem anderen Ort herkommen“ (Est 4,14) . Israels Premier Binyamin Netanyahu ist kein Mordechai. Er begründet politisches Handeln mit dem Primat der militärischen Macht und verlagert die Rettung aus der Sphäre moralischer Verantwortung in die Logik sicherheitspolitischer Durchsetzung. Was kurzfristig im Angesicht aktueller Bedrohungen Sinn machen kann, muss nun übergehen auf eine nächste höhere Stufe. Denn auf die Dauer wird Israel nicht in Frieden leben können, wenn alleine militärische Stärke und eine aktuelle amerikanische Administration es schützt.