Bern 29. Jan 2026

Expertenkommission nun auch in der Schweiz

Alt-Bundesrätin Simonetta Sommaruga.

Alt-Bundesrätin Simonetta Sommaruga wird Präsidentin der nationalen Expertenkommission für historisch belastetes Kulturerbe.   

Der Bundesrat hat Sommaruga am Mittwoch in dieses Amt berufen; die Kommission nimmt ihre Arbeit offiziell am 1. März 2026 auf und soll zu einem späteren Zeitpunkt kommunizieren, ab wann Anrufe möglich sind. Das Gremium soll in schwierigen Fällen zu Kunstwerken aus der Zeit des Nationalsozialismus und zu Kulturgütern aus kolonialen Kontexten unverbindliche Empfehlungen abgeben, um historisch, rechtlich, ethisch und moralisch verantwortete Lösungen zu fördern. 
Sommaruga bringt für ihre neue Aufgabe eine reiche politische Erfahrung mit und ist sowohl in der Schweiz als auch international gut vernetzt, heisst es in der Medienmitteilung des Bundesrates.  Die Kommission setzt sich aus ausgewiesenen Fachpersonen unterschiedlicher Disziplinen zusammen: Neben Präsidentin Sommaruga gehören dem Gremium an Felix Uhlmann (Vizepräsident), Professor für Staats- und Verwaltungsrecht an der Universität Zürich, Marc-André Renold, Anwalt und Experte für Kunst- und Kulturgüterrecht, Regula Ludi, Professorin für Geschichte an der Universität Freiburg, Noémie Etienne, Professorin für Kunstgeschichte an der Universität Wien, Nikola Doll, Fachbereichsleiterin am Deutschen Zentrum Kulturgutverluste, Esther Tisa, Spezialistin für Provenienzforschung am Museum Rietberg, Hanno Loewy, der abtretende Direktor des Jüdischen Museums Hohenems, Henri-Michel Yéré, Historiker an der Universität Basel, sowie Fabio Rossinelli, Historiker und Forscher an den Universitäten Lausanne und Genf. 
Die Einrichtung der Kommission steht in einem breiteren gesellschaftlichen und kulturpolitischen Kontext, der auch durch Debatten um den Umgang mit historisch belastetem Kulturerbe in der Schweiz geprägt ist. Im Zentrum dieser Auseinandersetzungen stand zuletzt die Sammlung Emil G. Bührle, die als Dauerleihgabe der Stiftung Sammlung E. G. Bührle im Kunsthaus Zürich gezeigt wurde und bei der Fragen zur Herkunft einzelner Werke aus jüdischem Vorbesitz und zur Provenienzforschung heftig diskutiert wurden (tachles berichtet regelmässig?
Um die wissenschaftliche Qualität der bisherigen Provenienzforschung der Bührle-Sammlung unabhängig zu prüfen, hatten Stadt und Kanton Zürich sowie die Zürcher Kunstgesellschaft 2022 einen Runden Tisch eingesetzt, der unter der Leitung von Felix Uhlmann erarbeitete Empfehlungen formulierte. Dieser Runde Tisch — besetzt mit Vertreterinnen und Vertretern aus Kulturinstitutionen, Provenienzforschung, jüdischen Organisationen, Transparenz- und Fachverbänden — empfahl, den Schweizer Historiker Prof. Raphael Gross mit einer unabhängigen Evaluation der bisherigen Forschung zu beauftragen. 
Der daraus hervorgegangene Expertenbericht von Raphael Gross, publiziert im Juni 2024, zeigte, dass die damalige Provenienzforschung nicht den internationalen Standards entsprach und forderte weitere vertiefte Untersuchungen der Sammlung. Dieser Befund löste eine breite Debatte über den Umgang mit Werken aus, deren Herkunft im Zeitraum der NS-Verfolgung unklar ist. Dass ausgerechnet der international angesehene Schweizer Historiker und Präsident des Deutschen Historischen Musseums Gross in der Kommission nicht vertreten ist, erstaunt. Über Jahre hat er unter anderem in der Deutschen Limbach Kommission Deutschlands Provenienzforschung wesentlich mitgeprägt. 
Der Kontext dieser Diskussionen — um die kritische historische Einordnung und transparente Aufarbeitung belasteter Sammlungen — bildet einen wichtigen Hintergrund für die Arbeit der neuen nationalen Expertenkommission für historisch belastetes Kulturerbe, die künftig über Fragen des Umgangs mit solchen Kulturgütern beraten soll.

Redaktion