Am Sonntag war Rabbiner Meir Soloveichik der einzige jüdische Geistliche auf einer neunstündigen Veranstaltung zur «Erneuten Widmung Amerikas» an Religion.
Die Konstruktion wirkte kompliziert. Zum 15.-16. Mai hatte das Weisse Haus zu einem «National Shabbat» aufgerufen. Anlass war der Mai als offizieller Monat zur Ehrung der jüdischen Tradition. Zudem aber rief der Präsident jüdische Amerikaner zum Begehen des Schabbat auf, um damit auch dem Thema «Rededicate 250» gerecht zu werden. Unter dem Motto einer «erneuten Zueignung Amerikas an die Religion» richtete die Regierung am Sonntag auf der National Mall in Washington eine neunstündige Veranstaltung mit Geistlichen aus. Darunter war jedoch nur eine jüdische Persönlichkeit vertreten, der aus der prominenten Rabbiner-Dynastie stammende Meir Soloveichik.
Ansonsten dominierten Evangelikale, die Amerikas biblische Bestimmung priesen. Darunter waren Online-Stars wie Sadie Robertson, die Enkelin des «Duck Dynasty»-Patriarchen Phil Robertson predigte aus dem Alten wie aus dem Neuen Testament. Im Vorfeld hatte Paula White-Cain als persönliche Pastorin Trumps erklärt, die Versammlung werde zum 250. Jahrestag der Staatsgründung am 4. Juli 1776 die christliche Grundlagen Amerikas feiern – und zwar ohne «zu all diesen verschiedenen Göttern zu beten». So waren Vertreter des Islam oder Hinduismus nicht vertreten, die inzwischen Millionen Anhänger im Lande haben.
Rabbiner Soloveichik sprach über den grossen Komponisten Irving Berlin und schlug davon ausgehend einen Bogen zum Holocaust und Antisemitismus. Berlin habe «God Bless America» geschrieben, während sich der Faschismus in Europa ausbreitete. Soloveichiks leitet die Gemeinde Shearith Israel in Manhattan – die älteste Synagoge der USA. «God Bless America» sei erstmals am 9. November 1938 im amerikanischen Radio gesendet worden, als die Nazis in der «Reichspogromnacht» in ganz Deutschland jüdische Wohnhäuser und Synagogen zerstörten und Juden misshandelten und in KZs deportierten: «In den Jahren nach 1938 wurde das Gebet `God Bless America´ von amerikanischen Soldaten getragen, die das Böse besiegten und Europa sowie die Welt befreiten.» Dann rief Soloveichik aus: «Es ist eine Mahnung – gerade jetzt, da sich der Judenhass erneut manifestiert –, dass Antisemitismus zutiefst unamerikanisch ist.»
Er erntete dafür den stärksten Applaus seiner vierminütigen Rede.
Die Veranstaltung war vorab von Organisationen wie den «Americans United for the Separation of Church and State» verurteilt worden: Wollten Trump und seine Verbündeten das amerikanische Erbe der Religionsfreiheit wirklich ernst nehmen, «würden sie die Trennung von Kirche und Staat als jene einzigartige amerikanische Errungenschaft feiern, die es der religiösen Vielfalt in unserem Land erst ermöglicht hat, aufzublühen». Stattdessen bedrohe Trump dieses Grundprinzip, indem er «einen christlich-nationalistischen Kreuzzug vorantreibt, um allen Amerikanern eine einzige, engstirnige Auslegung des Christentums aufzuzwingen.»
Trump wollte ursprünglich an dem Event auftreten, schaltete sich aber nur Online zu, da er den Sonntag beim Golfen verbrachte. Mitglieder seines Kabinetts wie Marco Rubio und Pete Hegseth waren ebenfalls nur per Video dabei (Link).
Laut Medienberichten hielt sich die Menge in Grenzen und angesichts hoher Temperaturen verliessen zahlreiche Menschen die Feier nach wenigen Stunden wieder (Link).