Kanada 23. Jun 2026

Drei Todesopfer bei Schusswechsel in Montreal

Polizeichef Fady Dagher spricht am 22. Juni in Montreal, Kanada, während einer Pressekonferenz in der Nähe des Tatorts des Amoklaufs mit den Medien.   

Neue Hintergründe der Bluttat in Côte-des-Neiges, ein Viertel mit grosser, jüdischer Gemeinde.  

Am Tag nach der Schiesserei im Montrealer Stadtviertel Côte-des-Neiges werden Details zu dem Zwischenfall bekannt, der drei Menschenleben forderte: ein Polizist, ein Rabbiner namens Michael Mizrahi und der Täter. Dieser wurde als der 25-jährigen Seth Scott Hatfield aus Lethbridge, Alberta identifiziert. Die Nachbarschaft ist Heimat einer grossen, jüdischen Gemeinde, die vorwiegend der Chabad-Bewegung angehört, aber auch von Immigranten aus den Philippinen. Die Schiesserei fand indes in einer Geschäftsstrass vor dem Hauptsitz von Aylo statt, einem multinationalen Konzern im Bereich der Internet-Pornografie (zu dem unter anderem die Video-Plattform Pornhub gehört; Eigner ist die Private Equity Firma «Ethical Capital Partners»).

Hatfield hatte sich anscheinend in einem Hotelzimmer verbarrikadiert, schob ein Gewehr aus einem Fenster, was Anwohner zur Alarmierung der Polizei bewegte. Hatfield eröffnete dann das Feuer auf die Beamten. Im Kreuzfeuer fiel Mizrahi angeblich den Schüssen einer Polizistin zum Opfer. Hatfield wird mit der Incel-Subkultur in Verbindung gebracht – jungen, im Zölibat lebenden Männern, die zu Frauenhass neigen. Er hatte im Hotel ein 104-seitiges, von Hassbotschaften gegen Frauen und andere Gruppen triefendes Manifest hinterlassen. Darin schrieb er, dass Online-Pornografie – einschließlich Pornhub – für einen Grossteil des Leids von Männern verantwortlich sei. Veranstaltungen der Porno-Branche, die Zentralen globaler Porno-Firmen sowie Porno-Stars müssten ebenso angegriffen werden, wie serielle Verführer von Frauen und plastische Chirurgen.

Zudem fordert das Manifest die Zerstörung des Liberalismus und des Kapitalismus durch eine bewaffnete Revolution. Der moderne Kapitalismus sei für die «Hypergamie» von Frauen (die Bevorzugung sozial höher stehender Männer) verantwortlich. Hatfield stufte zudem internationale Immobilienmakler, Private-Equity-Firmen, Spitzenbanker und Politiker, einflussreiche Zionisten, CEOs privater Gesundheits- und Ölunternehmen, sowie Exponenten der Krypto-Branche als «Ziele der Klasse A» ein.

Es war zunächst unklar, ob der Schütze Juden töten wollte. Rabbiner Motti Seligson, ein Sprecher von Chabad in New York, erklärte jedoch der Jewish Telegraphic Agency (JTA), nach den ihm vorliegenden Informationen habe die Schiesserei anscheinend keinen direkten Bezug zur jüdischen Gemeinschaft gehabt. Laut der Presseagentur lösten die Schüsse Panik in der Nachbarschaft aus. Viele Mitglieder der jüdischen Gemeinde suchten in Geschäften oder ihren Wohnungen Schutz. 

Côte-des-Neiges war nach dem Zweiten Weltkrieg ein Zielgebiet für jüdische Zuwanderer rund um die ehrwürdige «Spanish and Portuguese Synagogue» – die älteste Gemeinde des Landes, die 1768 gegründet wurde und 1947 in dieses Viertel umzog. Das Viertel war zuletzt mehrfach Schauplatz von Waffengewalt. 2023 und 2024 schossen Täter auf orthodoxe Schulen (Link).
 

Andreas Mink