Paris 31. Mai 2026

Debatte um Pariser Strasse für «Shoah»-Regisseur

Claude Lanzmann in Südfrankreich, Mai 2013.

Die Witwe des französischen Filmemachers Claude Lanzmann hat die Stadt Paris aufgefordert, ihrem 2018 verstorbenen Mann eine Strasse oder einen Platz zu widmen. 

Dominique Lanzmann kritisiert, dass ein entsprechendes Vorhaben nach politischen Kontroversen gestoppt worden sei. Zugleich setzt sie sich für die Bewahrung seines geistigen Erbes ein.

Die Witwe des Regisseurs Claude Lanzmann, Dominique Lanzmann, hat in einem Interview mit der französischen Tageszeitung Le Figaro die Stadt Paris aufgefordert, ihrem Mann einen öffentlichen Ort zu widmen. Eine Strasse oder ein Platz im 15. Arrondissement würde nach ihren Worten «vollkommen Sinn ergeben», sagte sie.

Claude Lanzmann gilt als einer der bedeutendsten Dokumentarfilmer des 20. Jahrhunderts. Mit seinem monumentalen neunstündigen Film «Shoah» (1985) prägte er weltweit die filmische Auseinandersetzung mit dem Holocaust. Nach Angaben seiner Witwe war bereits geplant gewesen, eine Allee nach ihm zu benennen. Das Projekt wurde jedoch von der damaligen Stadtregierung nicht weiterverfolgt. Hintergrund waren Vorwürfe sexueller Übergriffe, die gegen Lanzmann in seinen letzten Lebensjahren erhoben worden waren.

Dominique Lanzmann weist die Anschuldigungen zurück beziehungsweise relativiert deren Bedeutung für die Würdigung seines Gesamtwerks. Ihr Mann habe nie wegen solcher Vorwürfe vor Gericht gestanden. Die Debatte dürfe nicht dazu führen, sein historisches und kulturelles Vermächtnis auszulöschen.

Besonders wichtig sei ihr die langfristige Sicherung seines Nachlasses. Neben einem bereits bestehenden Fonds in der Bibliothèque nationale de France schlägt sie die Einrichtung eines umfassenden Claude-Lanzmann-Zentrums vor. Dieses solle nicht nur die Unterlagen zu «Shoah», sondern auch Manuskripte, Korrespondenzen, Fotografien und die Archive der von Lanzmann jahrzehntelang herausgegebenen Zeitschrift Les Temps Modernes umfassen.

Im Gespräch erinnert Dominique Lanzmann zudem an die internationale Bedeutung von «Shoah». Der Film habe die Erinnerungskultur weltweit geprägt und sei heute Teil wichtiger Bildungs- und Dokumentationsprogramme. Besonders bewegt zeigt sie sich darüber, dass die Dokumente des Films inzwischen in internationale Erinnerungsregister aufgenommen wurden und das Werk weiterhin neue Generationen erreiche.

Claude Lanzmann starb im Juli 2018 im Alter von 92 Jahren. Für seine Witwe bleibt die öffentliche Ehrung des Regisseurs und Intellektuellen ein unerfülltes Anliegen. Seine letzte öffentliche Erscheinung hatte er wenige Wochen vor seinem Tod beim Filmfestival von Cannes. Dort, so sagt sie, hätte er sich wohl am meisten über eine Auszeichnung gefreut: die Ernennung zum Festivalpräsidenten.

Redaktion