Deutschland – Geschichte 29. Sep 2026

Daten-Sammler mit Geschichte

Die Schufa hat die Entwicklung des 1927 von jüdischen Juristen gegründeten Unternehmens recherchieren lassen.  

Der «Schufa-Bonitätscheck» macht Deutsche auf der Suche nach einer Mietwohnung oder einem Kredit nicht selten nervös. Denn die Firma verfügt über einen immensen Datenbestand und wird mitunter als undurchsichtige Macht über wichtige Entscheidungen wahrgenommen. Berichte etwa von «Spiegelonline» legen daher nahe, dass eine grossangelegte Studie der Schufa zu ihrer Firmengeschichte, die nun veröffentlicht wurde, eine Art «Transparenzoffensive» darstellt.

Das von der Gruppe «Firmenhistoriker» (Link) erstellt Werk stellt dennoch einen bedeutsamen Beitrag zur deutschen Wirtschaftsgeschichte dar und bringt neue Aspekte zu den jüdischen Gründern ans Licht. Der Jurist Walter Gerhard Meyer war in der Weimarer Republik als Jurist bei dem Berliner Elektrizitätsunternehmen Bewag tätig. Diese handelt auch mit Elektrogeräten und dabei meist auf der Basis von Ratenzahlungen. Zur Prüfung der Bonität von Kunden sammelte die Bewag Unterlagen über deren Bezahlung von Stromrechnungen.

Da Ratenzahlungen auch in anderen Branchen üblich wurden, vermutete Meyer ein Interesse bei anderen Firmen für derartige Daten. Sein ebenfalls als Jurist tätiger Bruder Kurt Meyer regte daher die Gründung einer eigenen Firma für das Daten-Sammeln an. Die Idee fand Interesse bei dem Bewag-Vorstandsmitglied Robert Kauffmann und 1927 gründete das Trio die «Schutzgemeinschaft für Absatzfinanzierung». Fündig wurden die Datensammler fortan in Schuldnerregistern, Gerichtsunterlagen oder Konkurs-Meldungen. Bis 1931 erteilte die Schufa jährlich fast eine halbe Million Auskünfte pro Jahr auf Grundlage von Informationen über 2,75 Millionen Menschen. Attraktiv für Kunden war zudem, dass die Schufa nicht auf Gewinne angelegt war, sondern sich als Dienstleister für eine moderne Wirtschaft verstand. 

Das NS-Regime liess die Firma agieren, ging aber rasch gegen die jüdischen Gründer vor. In der liberalen DDP aktiv, wurde Robert Kauffmann bereits im März 1933 verhaftet und floh von einer KZ-Haft bedroht in die Schweiz und später nach England. Walter Gerhard Meyer floh mit seiner Familie nach Argentinien.

Geschäftsführer Kurt Meyer hielt auf seinem Posten fest, was die Studie als «durchaus ungewöhnlich» bezeichnet. Allerdings dürfte sich Meyer als Weltkriegsveteran mit einem Eisernen Kreuz erster Klasse zunächst als relativ sicher gefühlt haben. Er war als Datenexperte zudem kaum ersetzbar. Obendrein war bei der Schufa für «Arisierer» kaum etwas zu holen. Meyer wurde daher erst 1937 abtreten und konnte einen vom Verwaltungsausschuss bewilligte Abfindung von 12.000 Reichsmark zur Flucht nach London nutzen, ehe er in Buenos Aires wieder mit seinem Bruder zusammenkam.

Die Schufa hatte angesichts der Umstellung der deutschen Wirtschaft auf Kriegsproduktion bereits stark an Bedeutung eingebüsst. Bemerkenswert für di Historiker bleibt vor allem, dass NS-Behörden kein Interesse an Schufa-Daten hatten. Immerhin setzte das Regime «Datenverarbeitung» in Form von Hollerith-Maschinen mit Lochkarten auch in Konzentrationslagern ein (Link).

Andreas Mink