Im Konzerthaus am Gendarmenmarkt wurden acht neue Mitglieder in den Orden Pour le Mérite aufgenommen und ebenso an den Schweizer Charles Weissmann erinnert.
Es ist der Ort, wo sich grosse Geister und hohe Kunst begegnen und immer schon jüdische Persönlichkeiten eine Heimat hatten. Am gestrigen Sonntagnachmittag hielten die Anwesenden den Atem an, als Wolf Biermann auf der Bühne des Konzerthauses Berlin zur Gitarre griff und die «Ermutigung» spielte. Er war einer von acht neuen Mitgliedern des Ordens Pour le Mérite für Wissenschaften und Künste. In diesem Jahr wurden mit Biermann und der israelischen Wissenschaftlerin Sarah Stroumsa zwei jüdische Persönlichkeiten geehrt. Unter dem Protektorat von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier wurden im Konzerthaus am Gendarmenmarkt die neuen Mitglieder feierlich begrüsst. Im Mittelpunkt neben Biermann: die israelische Arabistin Sarah Stroumsa und der ungarische Schriftsteller Péter Nádas.
Lange hatte man Berlin nicht mehr so entspannt erlebt im Kontext von jüdischen und israelischen Künstlern. Keine Zwischen- oder Buhrufe, keine Proteste oder Boykotte, sondern ein Ort, an dem Dialog, Austausch und die Begegnung zwischen den Kulturen unaufgeregt auch in diesem Jahr praktiziert wurden.
Der Unbeugsame
Wolf Biermanns Vater, Arbeiter, Kommunist und Jude, wurde 1943 aus dem Gefängnis nach Auschwitz entlassen und dort ermordet. Als überzeugter Kommunist übersiedelte der Sohn in die DDR, studierte an der Humboldt-Universität, gründete ein Hinterhoftheater in Prenzlauer Berg, das 1963 verboten wurde. Ab 1965 wurde ihm jeder Auftritt untersagt; seine Lieder verbreiteten sich fortan im Samsdatstil durch Handabschriften und Tonbandkopien. Im November 1976 bürgerte die DDR Biermann nach einem Konzert für die IG Metall in Köln aus — ein Willkürakt, der international und in der DDR selbst Proteste auslöste und den Historiker heute als einen Anfang vom Ende der DDR werten.
Die Laudatio hielt der Historiker Karl Schlögel. «In seinen Liedern fand sich eine ganze Generation wieder», sagte er. Im Herbst wird Biermann neunzig. Ein Dokumentarfilm, ein neues Album, Festkonzerte in Köln, Hamburg und Leipzig sind angekündigt. Der Orden kommt zur rechten Zeit.
Brücke zwischen den Welten
Von 2008 bis 2012 amtierte Sarah Stroumsa als Rektorin der Hebräischen Universität Jerusalem — als erste Frau in dieser Funktion. Das allein wäre Stoff genug für eine Laudatio. Doch Stroumsa ist vor allem Arabistin: Ihr akademischer Schwerpunkt ist die Geschichte des philosophischen und theologischen Denkens im islamischen Mittelalter und der mittelalterlichen jüdisch-arabischen Kultur. Eine Jüdin, die das arabische Denken des Mittelalters erforscht, die Grenzen zwischen den Kulturen nicht als Hindernisse, sondern als Gegenstand begreift — das hat in diesem Jahr eine Resonanz, die weit über den akademischen Betrieb hinausreicht.
Die Aufnahme Stroumsas setzt eine Tradition fort, die in der Geschichte des Ordens tief verwurzelt ist. Albert Einstein war der erste Jude, der in den Kreis aufgenommen wurde. In der Nachkriegszeit folgten Gershom Scholem, der weltweit unwidersprochen beste Kenner der Kabbala und Begründer der modernen Wissenschaft von der jüdischen Mystik; dann der Nobelpreisträger Elias Canetti, dann der Historiker Fritz Stern. Mit der heutigen Aufnahme Stroumsas — und mit Blick auf Biermanns Lebensgeschichte — hat das Programm dieses Jahres eine besondere biographische Dichte.
Der grosse Einzelgänger
Péter Nádas lebt zurückgezogen auf dem Land in Ungarn, gibt selten Interviews, hat sich dem Literaturbetrieb zeitlebens verweigert. Umso bedeutsamer ist seine Aufnahme in den Orden, dessen Mitglieder sich gegenseitig wählen. Der Orden kommt zu Nádas — nicht umgekehrt.
Sein «Buch der Erinnerung», das in der deutschen Übersetzung 1991 erschien, machte ihn im deutschsprachigen Raum bekannt; die «Parallelgeschichten», an denen er siebzehn Jahre arbeitete und die 2012 auf Deutsch erschienen, gelten als eines der radikalsten Prosawerke des 20. Jahrhunderts — über 1700 Seiten Erkundung von Körper, Geschichte und Gedächtnis, die von Budapest bis Berlin reicht. Herta Müller, die 2009 den Nobelpreis für Literatur erhielt und mit Nádas freundschaftlich verbunden ist, las gemeinsam mit ihm aus seinen Werken. Zwei osteuropäische Zeugen des 20. Jahrhunderts, die in der deutschen Literaturwelt Heimat gefunden haben. Müller ist seit Jahren Mitglied des Ordens; dass nun auch Nádas aufgenommen wird, vervollständigt ein Bild.
Neben den drei Genannten wurden feierlich aufgenommen: die Polar- und Tiefseeforscherin Antje Boetius, der französische Kunsthistoriker und Philosoph Georges Didi-Huberman, der Schweizer Chemiker Michael Grätzel, der Theologe Christoph Markschies sowie der Mediziner Ugur Sahin — der mit der Entwicklung des mRNA-Impfstoffs gegen Covid-19 in die Wissenschaftsgeschichte einging.
Die Ordensmitglieder gedachten ihrer verstorbenen Mitglieder: der Komponistin Sofia Gubaidulina, der Germanisten Peter von Matt und Albrecht Schöne, des Malers Günther Uecker, des Pianisten Alfred Brendel, des Bildhauers Hubertus von Pilgrim und des Philosophen Jürgen Habermas.
Gedacht wurde auch Charles Weissmann, dessen Frau Juliette mit den anwesenden Töchtern den Orden sichtlich gerührt zurückbrachte. Der Molekularbiologe, der im Dezember 2025 in Zürich gestorben ist, hatte als Erster das Gen für das Therapeutikum Interferon kloniert und herausragende Erkenntnisse in der Erforschung der Prionen erzielt. In Budapest geboren, hatte er sein wissenschaftliches Leben hauptsächlich an der Universität Zürich verbracht — eine Biographie, die für das steht, was der Orden in seiner Geschichte zu bündeln vermochte: Wissenschaft als Lebensform, über alle Grenzen hinweg. Die Laudatio auf ihn hatte seinerzeit der Physikochemiker und Nobelpreisträger Manfred Eigen gehalten.
Das Gedenken an Sofia Gubaidulina rahmte die Eröffnung musikalisch: Christina Meissner (Cello) und Martin Sturm (Orgel) spielten Gubaidulinas Komposition «In croce» von 1979.