USA 23. Jun 2026

Abneigung gegen «Blut und Boden»-Nationalismus

US-Präsident Donald Trump.

Im Vorfeld des 250. Jahrestags der USA predigt der amtierende Präsident etwa beim Staatsbesuch des britischen Monarchen Charles II eine historisch unhaltbare «Blut und Boden»-Interpretation der amerikanischen Geschichte.

Damit setzt sich der Historiker und Publizist Colin Woodard in einer aktuellen Studie seines «Nationhood Lab» auseinander. Woodard wurde nach 2010 durch seinen Bestseller «American Nations» bekannt, der politische und kulturelle Eigenheiten diverser Regionen wie Neuengland auf deren jeweiligen Gründer-Gemeinschaften zurückführt.

Trump hatte im Mai von «Männern und Frauen» fabuliert, welche die britischen Kolonien einst «besiedelt und geformt» hätten und «das Blut und den edlen Geist der Briten in ihren Seelen trugen. Hier, auf einem wilden und ungezähmten Kontinent, entfalteten sie die uralte englische Freiheitsliebe sowie Grossbritanniens ausgeprägten Sinn für Ruhm, Bestimmung und Stolz.»

Die Revolutionäre von 1776 seien «Erben dieses grossartigen Vermächtnisses. … In ihren Adern floss angelsächsischer Mut.» Woodard erkennt in diesem «auf `Blut und Boden´ basierenden Ethno-Nationalismus den Kern des Trumpismus» und führt dessen Wurzeln auf die Tradition der Sklavenhalter aus den Südstaaten zurück, wonach die USA eine Union angelsächsischer Ethno-Staaten seien.

Diese Version der Geschichte sei jedoch weder haltbar – noch wirklich populär. Woodards am Pell Center der Salve Regina University in Rhode Island angesiedeltes Institut hat dazu eine Befragung unternommen und wollte von Stimmbürgern wissen, welcher Aussage über den nationalen Ursprung sie eher zustimmten: dass wir «auf der Idee gegründet sind, dass jeder Mensch mit dem Recht auf Leben, Freiheit und das Streben nach Glück geboren wird», oder «auf dem Charakter des angelsächsischen Volkes, seiner ausgeprägten Liebe zur Freiheit sowie seinem Sinn für Ruhm, Bestimmung und Stolz.» 

Die Befragten lehnten Trumps Formulierung mit 85 zu 15 Stimmen ab – ein gewaltiger Vorsprung von 70 Prozentpunkten. Republikaner und Wähler, die Trump 2024 unterstützen wollten, zeigten sich noch weniger begeistert; beide Gruppen bevorzugten mit 88 zu 15 Stimmen die auf Idealen basierende Definition der Nation in der Unabhängigkeitserklärung vom 4. Juli 1776. Tatsächlich erreichte die These vom angelsächsischen Ursprung in keiner Bevölkerungsgruppe – sei es nach Geschlecht, ethnischer Zugehörigkeit, Bildung, Parteizugehörigkeit, Ideologie oder regionaler Kultur – auch nur 25 Prozent Zustimmung. Eine Ausnahme bildeten Schwarze: 30 Prozent von ihnen vertraten die Ansicht, diese These spiegele die Ursprünge der Nation besser wider als die Unabhängigkeitserklärung.

Laut Woodard stimmen also gerade jene Gruppen Trump zu, die den Status quo in den USA kritisch und das Land als von weissem Rassismus dominiert sehen: Progressive, Demokraten, «People of Color» und jüngere Wähler entschieden sich häufiger für dieses Narrativ als für das der Unabhängigkeitserklärung – und zwar in höherem Masse als bekennende MAGA-Anhänger, Republikaner, Weisse und ältere Menschen. Die stärkste Gruppe innerhalb dieses Lagers waren «People of Color» aus den ehemaligen Sklavenstaaten im Süden (Link).
 

Andreas Mink