Mainz 23. Jan 2026

Zeitreise in die Vergangenheit

Julia Kerr hatte «Der Chronoplan» bereits in den Dreissigerjahren komponiert, jedoch konnte das Stück nie in seiner Gänze aufgeführt werden. Mithilfe aufwendiger Rekonstruktionsarbeiten durch Norbert…

Albert Einstein lädt Gäste aus Kunst und Wissenschaft in sein Sommerhaus ein, um seine Erfindung zu präsentieren – das Stück «Der Chronoplan» ist eine Zeitreise in die Vergangenheit und wird am Staatstheater in Mainz uraufgeführt.

Was haben Albert Einstein, Max Liebermann, Richard Strauss, Gerhart Hauptmann, George Bernard Shaw, Lord Byron, ein Reitknecht und ein Stubenmädchen gemeinsam? Sie sind Figuren in «Der Chronoplan», einer aussergewöhnlichen Oper nach einem Libretto aus der Feder von Alfred Kerr. Der rasante Plot schickt die Granden der Weimarer Republik auf eine fiktive Zeitreise in eine Ära, die nicht mehr ist. Komponiert hat das Schlüsselstück Julia Kerr (1898–1965) in den Jahren 1930 bis 1932. Die für 1933 geplante Uraufführung konnte nicht mehr stattfinden, ihre Partitur nahm die Künstlerin mit ins Exil. Julia Kerr gehörte zu einer der einflussreichsten Familien der Berliner Kulturszene. Geboren als Tochter des preussischen Staatssekretärs Robert Weismann, studierte sie in Berlin Musik und war seit 1920 die zweite Frau des Grossintellektuellen Alfred Kerr (1967–1948), mit dem sie zwei Kinder hatte. Ihre Tochter Judith Kerr schrieb später über die Emigration der Familie, die sich nach Aufenthalten in der Schweiz und Paris in England niedergelassen hatte, autobiografische Romane aus Kindersicht. In «Als Hitler das rosa Kaninchen stahl» (1971) stört sich die kleine Judith daran, dass ihre klavierspielende Mutter stapelweise Papier im Gepäck verstaut, während sie, Judith, ihre Spielsachen zurücklassen muss und einzig ihr rosa Kaninchen mitnehmen kann. Bei den Papieren handelte es sich um das «Chronoplan»-Notenmanuskript. Obwohl die Komponistin die Blätter stets bei sich trug, gingen Teile davon in den Wirren der Zeit verloren.

Flucht aus der Gegenwart
Julia Kerr liess die Handlung ihrer Oper im damaligen Hier und Jetzt anheben: Einstein lädt illustre Gäste aus Kunst und Wissenschaft in sein Sommerhaus ein, um seine Erfindung zu präsentieren: eine Zeitreisemaschine. Wie wäre es mit einem Ausflug in die Vergangenheit? Liebermann, Hauptmann und Strauss lehnen das Ansinnen ab. Shaw geht beherzt und begeistert an Bord, desgleichen entern Einstein, ein Kritiker und eine Journalistin den Flug-Apparat. Das Abenteuer beginnt. Unterwegs geht etwas schief, der Trip zurück in die Zeit endet schon 1801, in der englischen Romantik. Die Ausgebremsten begegnen einem Dandy, der als der Dichter Lord Byron in die Geschichte eingehen wird. Mit Byron geht es zurück in die Zukunft anno 1929. Doch im mondän-modernen Berlin fühlt sich der Brite nicht wohl.

Auch Alfred Kerr war der Bildungswelt des 19. Jahrhunderts zutiefst verhaftet. In seinen Feuilletons zeichnete er das Bild der wilhelminischen Metropole und der Ära bis 1933. Fortschritt gegenüber gleichwohl aufgeschlossen, begegnete er dem Zeitgeist lieber mit Ironie, als sich ihm auszuliefern. Insbesondere interessierte er sich für kulturelle Innovationen, den Boom des Kinos und der Amüsierbetriebe, wobei das Groteske und Politische in seinen Betrachtungen immer mehr Raum griff. All das spiegelt sich in seinem Libretto und dem Kompositionswerk seiner Frau.

Uraufführung in Mainz
Julia Kerr, im Exil als Sekretärin tätig, arbeitete nach Kriegsende als Übersetzerin bei den Nürnberger Kriegsprozessen und lebte später wieder in Berlin, wo sie 1965 starb. Ihre unvollendete Oper wurde nach dem Krieg erstaufgeführt und bestach durch stilistische Bandbreite der Musik, instrumentale und dramaturgische Effekte. Die Zeitung «Die Welt» hob im November 1956 Kerrs melodische Einfälle und ihre Gustav-Mahler-Referenz hervor. Aber die Aufführung blieb damals fragmentarisch. Nun hat Norbert Biermann die Komposition vervollständigt, rekonstruiert und gemäss den Absichten von Julia Kerr orchestriert. Kerrs Musik versetzt einen in die Zwanziger, die Glitter-Ära von Kabarett und Revue, Strauss klingt an, Wagner grüsst aus dem 19. Jahrhundert. Erst jetzt kommt «Der Chronoplan» in Gänze als szenische Uraufführung auf die Bühne, über 60 Jahre nach dem Tod der Komponistin.

Julia Kerr: «Der Chronoplan». 24. Januar bis 4. April, Staatstheater, Mainz.

Katja Behling