Eine Ausstellung in Hamburg zeigt erstmals die wegweisenden Beiträge jüdischer Sammler in Deutschland seit der Wende zum 20. Jahrhundert.
Präsentiert werden im Rahmen der Ausstellung «Von Monet bis Picasso. Jüdische Kunstsammler:innen in Deutschland» im Bucerius Kunst Forum rund 100 Exponate aus Realismus, Impressionismus, Expressionismus und Neuer Sachlichkeit, darunter Meisterwerke von Künstlern wie Paul Cézanne, Lovis Corinth, Ernst Ludwig Kirchner, Paula Modersohn-Becker, Max Pechstein und Ferdinand Hodler.
Kräftige Farben, ein leuchtendes Blau, rötliches Pink, sattes Dunkelgrün und einen warmen Gelbton wählte der Expressionist Karl Schmitt-Rottluff, als er 1919 seine Freundin, die legendäre Kunsthistorikerin «Dr. Rosa Schapire» porträtierte. Der Maler, Mitglied der von Schapire intensiv geförderten Künstlergruppe «Die Brücke», offenbarte vortrefflich das unkonventionelle Wesen dieser für ihr schillerndes Auftreten berühmten jüdischen Sammlerin und Mäzenin, die 1905 nach Hamburg gezogen war und sich 1907 der «Brücke» als passives Mitglied angeschlossen hatte. Sie war ein Gesamtkunstwerk. 1874 in Galizien in wohlhabende Verhältnisse geboren, promovierte Rosa Schapire in Heidelberg als eine der ersten Frauen überhaupt in Kunstgeschichte und brannte für das Neue, gegen den Strich Gebürstete. Als sie sich für die «Brücke» starkmachte, galt deren Malerei den meisten Zeitgenossen noch als scheussliche Verirrung. Schapire aber setzte die Bewegung unermüdlich durch, schrieb Kritiken, editierte Texte, hielt Vorträge, initiierte Kontakte, vernetzte Sammler und Galeristen, organisierte Ausstellungen. Im Gegenzug erhielt sie Bilder, bisweilen Möbel – und Dutzende von Künstlerhand gemalte Postkarten, die ihr etwa Max Pechstein, Ernst Ludwig Kirchner oder Erich Heckel schickten. Schmidt-Rottluff gestaltete sogar Schapires kunstvoll bunte Hamburger Wohnung. Die Postkarten nahm Rosa Schapire 1939 mit ins Londoner Exil, auch viele Arbeiten von Schmidt-Rottluff konnte sie retten und überliess sie der Tate Gallery. Selbst ihr Tod zeugt, auf tragische Weise, von der engen Verbindung zwischen ihr und der «Brücke»: Einen Tag bevor 1954 in London eine Ausstellung mit Schmitt-Rottluffs Gemälde «Dr. Rosa Schapire» eröffnet werden sollte, starb die Kunstmäzenin – in der Tate.
Verkauft, enteignet, verloren
Nun steht Rosa Schapire im Bucerius Kunst-Forum in Hamburg im Zentrum einer aussergewöhnlichen Ausstellung über jüdische Kunstsammler der Moderne in Deutschland bis 1945. Schapires Geschichte ist in vielerlei Weise exemplarisch für diese Sammler und ihre Geschichten. Denn auch sie hatte die meisten Stücke ihrer Sammlung zurücklassen müssen. Einiges verblieb in ihrer Wohnung, anderes lagerte sie in einem später aufgebrochenen Hafencontainer ein. Ihr Besitz wurde enteignet, ihre Wohnung ausgebombt. Wie Schapire versuchten viele, Kunstwerke ins Ausland zu schaffen oder ins Exil mitzunehmen. Manche gaben ihre Gemälde, Zeichnungen und Skulpturen in treue Hände an Freunde, Verwandte, Bekannte oder Nachbarn, weil sie Hals über Kopf fliehen mussten. Andere Eigentümer verkauften notgedrungen vor der Emigration. Ab Mitte der 1930er Jahre verengte sich der Handlungsspielraum noch mehr. Mit horrenden Abgaben wie der Reichsfluchtsteuer Richtung Zahlungsunfähigkeit getrieben, kamen viele Sammler nicht umhin, ihren Besitz in Auktionen zu veräussern. Die schrittweise Ausplünderung war Programm, das systematische Aufspüren, Beschlagnahmen von unerwünschten Stücken in Museen und die Verwertung jüdischen Kunstbesitzes. Hatten Juden Besitztümer und Habseligkeiten zur Nachsendung in Überseekisten beispielsweise im Hamburger Hafen eingelagert, kamen solche Objekte nun oft im Zug einer Zwangsversteigerung unter den Hammer. Eine Zäsur war der «Anschluss» Österreichs im März 1938. Nun gerieten weitere Sammlungen, ab 1940 auch die in den besetzten Gebieten, in Reichweite. Waggons wurden gefüllt, die Funde in Museen verbracht oder sie kamen anderweitig in neue Hände, meist unter Wert. Museumsdirektoren konnten zu guten Neuzugängen zu gutem Preis kaum nein sagen. Der private Kunsthandel erlebte ebenfalls einen kleinen Boom, viele Händler nutzten, freiwillig oder infolge Drucks von oben, auch ihre internationalen Kontakte und damit die Gelegenheit für Auslandsverkäufe gegen begehrte Devisen. Und waren Kunstwerke erst einmal auf dem Markt, wurden sie über die folgenden Jahrzehnte rund um den Globus verkauft, gestiftet, getauscht oder haben auf andere Weise den Besitzer gewechselt. Viele verschwanden auf Nimmerwiedersehen.
Gespür für das Neue
All diese Vorgänge spiegeln sich in den Lebensläufen der jüdischen Sammler und Sammlerinnen, deren Geschichten die Ausstellung in Hamburg nachgeht. Die Schau ist eine der aufwendigsten Präsentationen, die das 2002 gegründete und für sein Programm hochgelobte Bucerius Kunst Forum bisher realisiert hat. Zu sehen sind rund 100 ikonische Kunstwerke aus Impressionismus, Expressionismus und Neuer Sachlichkeit, darunter Werke von Künstlern wie Paul Cézanne, Claude Monet, Lovis Corinth, Ernst Ludwig Kirchner, Paula Modersohn-Becker, Max Pechstein, Pablo Picasso und Ferdinand Hodler. Die Kuratoren um die Direktorin Kathrin Baumstark zeigen, welch wegweisende und stilprägende Rolle jüdische Sammler in Deutschland seit der Wende zum 20. Jahrhundert dabei spielten, die damals als progressiv und revolutionär empfundene Moderne der Avantgarde zu etablieren, sie zu fördern, zu verteidigen und zu bewahren – weit über den späteren «Bildersturm» gegen die «Entartete Kunst» hinaus.
Ein vergessenes Kapitel
Die unter anderem von der Hamburger Warburg-Bank geförderte Schau stellt exemplarisch 15 Sammler – Familien, Paare und Einzelpersonen – in den Mittelpunkt. Anhand von Zeitdokumenten und Fotografien zeichnen die Macher deren Wege und Schaffen nach. Sie zeigen Werke aus Sammlungen von Hugo und Martha Nathan, der Familie Hirschland, Max Meirowsky, dem Sammlerpaar Julie und Wilhelm Landmann aus München sowie von Margarete Mauthner und anderen. Claude Monets «Leuchtturm von Honfleur», Kunsthaus Zürich, stammt aus der Kollektion Nathan. Das von Wladimir von Zabotin gemalte Bild, das den Ausstellungs-Flyer ziert, war einst Teil der Landmann-Sammlung. Heute gehört es der Kunsthalle Mannheim, eine Schenkung von William Landmann. Clothilde und Paul Schüler aus Bochum besassen einst Max Pechsteins «Zwiegespräch» von 1921. Auch Max Liebermann ist in der Hamburger Schau präsent, er war in Berlin ein Nachbar von Margarete Mauthner, die sich als erste Sammlerin in Deutschland in grossem Stil auf van Gogh verlegt hatte. Auch sie musste etliche ihrer Werke verkaufen, sonst wäre manchem Familienmitglied die Flucht nicht möglich gewesen. Margarete Oppenheim war auch eine frühe Sammlerin des niederländischen Malers, mehr noch aber galt ihr Augenmerk Paul Cézanne. Auch Kunst aus ihrem Besitz ist zu sehen. Oppenheim hatte testamentarisch verfügt, dass ihre Sammlung nach ihrem Tode versteigert werden solle, ihre Erbinnen waren in die Schweiz emigriert. All diese Sammler, nun virtuell versammelt an einem Ort, erzählen zusammen eines der wichtigsten Kapitel der jüngeren Kunstgeschichte. Und machen die Leerstellen spürbar, nicht nur die der verlorenen Bilder.
Plünderung jüdischen Eigentums
NS-Verfolgungsbedingter Entzug von Kulturgut und der Stand der Provenienzforschung sind das Thema der an Exponaten reichen Ausstellung. Geschätzt rund 600 000 Kunstwerke aus jüdischem Besitz gelten als Beute des nationalsozialistischen Regimes, wurden seinerzeit beschlagnahmt, eingezogen, geraubt, zwangsverkauft oder versteigert. Seit 1945, verstärkt seit 1998, bemühen sich Geschädigte und Erben um Rückgabe ihrer einstigen Bilder. Erst ein halbes Jahrhundert nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs geriet die Plünderung jüdischen Eigentums mit Wucht ins Licht der Öffentlichkeit. Nach 1995 wurden Schweizer Banken vor amerikanischen Gerichten wegen ihres Umgangs mit Konten von Holocaust-Opfern verklagt.
Washingtoner Abkommen
Bei Kunstwerken gestalteten sich die Dinge komplizierter, nicht nur mit Blick auf die Lokalisierung und juristische Hürden. Kunstwerke waren ein zentrales Thema bei der Washingtoner Konferenz im Dezember 1998, die die Grundsätze zur Identifikation und Restitution von «Nazi Looted Art» in öffentlichen Sammlungen festlegte. Zur Wegmarke in der Debatte geriet der Fall Schiele, der im Januar 1998 begann. Ein Beben ging durch die Kunstwelt, als damals der New Yorker Staatsanwalt Robert Morgenthau ein Gemälde von Egon Schiele beschlagnahmte, eine Leihgabe des Leopold Museums an das Museum of Modern Art in Manhattan. Jahre nach dem Streit um Schiele wurde Rückerstattung trotz spektakulärer Erfolge (wie Klimts goldenes «Bildnis Adele Bloch-Bauer», heute Herzstück in der «Neuen Galerie» in New York) wieder schwieriger. Öffentliche Schelte der Opfer trug dazu bei: Mancher Kunstkritiker, etwa von der «New York Times», warf Erben vor, es sei «traurig, aber keineswegs überraschend», dass sie wiedererlangte Werke «tatsächlich zu Geld machen» und Millionen einnehmen wollten. Kaum Chancen auf einen Restitutionsprozess bestehen, wenn nicht zweifelsfrei geklärt werden kann, ob ein Bild 1933 noch in Familienbesitz war, wie etwa Nachfahren der Berliner Sammlerin Margarete Mauthner zu spüren bekamen. Ihre Klage wurde abgeschmettert, das Vincent van Gogh-Gemälde «Blick auf das Hospiz und die Kapelle von Saint-Remy» erhielten sie nicht zurück. Dieses Meisterwerk hatte der Vater von Filmstar Liz Taylor 1963 für seine Tochter erworben. Die Schauspielerin lehnte später ab, das Bild zurückzugeben, und bekam recht. Nach Taylors Tod 2011 wurde es versteigert und soll rund zwölf Millionen Euro erzielt haben.
Brisanter Fall
Gleichwohl gelangen und gelingen immer wieder aufsehenerregende Rückgaben. Erst kürzlich, berichtete etwa die «Süddeutsche Zeitung» (8. Mai 2026), restituierte eine Schweizer Stiftung das Gemälde «Thunersee mit Blüemlisalp und Niesen» von Ferdinand Hodler an die Erben von Martha Nathan. Nathan war 1937 vor dem NS-Regime aus Frankfurt geflohen, erst nach Frankreich, dann weiter nach Genf. Von ihrem Mann hatte sie eine umfangreiche Kunstsammlung geerbt, von der sie bereits 1931 Teile nach Basel geschickt hatte, darunter besagtes Hodler-Werk. Die von der Stiftung eingesetzte Kommission geht davon aus, dass Frau Nathan Bilder aus der Sammlung verkaufen musste, um ihren Lebensunterhalt und Aufenthalt in der sicheren Schweiz zu gewährleisten. Das Werk habe also als NS-verfolgungsbedingt entzogen zu gelten. Dieser aktuelle Fall gilt als brisant, weil in der Schweiz seit Jahren intensiv über Restitutionsfragen zu einer anderen Kunstsammlung unter Raubkunstverdacht debattiert wird: die Bührle-Sammlung. Das jüngst restituierte Hodler-Bild, gaben die Anwälte der Erben Nathan bereits im Mai nach der Entscheidung bekannt, sei ab September in der Hamburger Ausstellung zu sehen. Zeitgleich zur Schau im Bucerius Kunst Forum laufen in Hamburger Museen zwei weitere Ausstellungen mit jüdischem Bezug. Diese Ballung von Aufmerksamkeit dürfte auch die seit zwei Jahren in Stadt und Kulturbehörde geführte Debatte um ein mögliches Jüdisches Museum in Hamburg katalysieren.