Kultur 08. Nov 2019

Vier weltbekannte Künstler Längst etablierte Provokateure

Die am 9. November 1989, dem Tag des Mauerfalls, eröffneten Hamburger Deichtorhallen ­zeigen bis zum 5. Januar 2020 unter dem Titel «Baselitz. Richter. Polke. Kiefer. Die jungen Jahre der alten Meister» über 100 Gemälde aus dem Frühwerk der vier bedeutendsten deutschen Künstler der Nachkriegszeit und Gegenwart. Es sind weltbekannte Provokateure, die längst kunstgeschichtlich etabliert und auf dem Kunstmarkt führend sind. Drei von ihnen stammen aus der DDR. Den Grundstein ihrer nationalen und internationalen Wertschätzung legte das Maler-Quartett in den rebellischen Sechzigerjahren. Ihre Arbeiten sind Vorboten des Umbruchs wie Ausdruck individueller Auseinandersetzung mit einer traumatisierten Epoche. Auch stilistisch setzten die vier Koryphäen Massstäbe, überwanden, jeder auf seine Weise, die damals vorherrschende Abstraktion. Gerhard Richter schuf mit seinen verwischt-fotorealistischen Gemälden einen auf hervorragendem handwerklichen Können fussenden altmeister­lichen Stil moderner Prägung. Sigmar Polke, der später auch die Fenster des Zürcher Grossmünsters schuf, befasste sich mit den Träumen der Wirtschaftswunderzeit. Georg Baselitz stellte mit seinen Figurationen die Welt buchstäblich auf den Kopf. Anselm Kiefer malte sich mit Wehrmachtsuniform und Hitler-Gruss, womit er im Inland einen Skandal und im Ausland ­grosses Echo auslöste. Die New Yorker Galerie Marian Goodman zeigte 1981 die erste Kiefer-Schau in Amerika: Emigrierte Juden gehörten zu seinen frühesten Sammlern, sie «haben verstanden, warum ich das mache», sagte Kiefer 2016 in einem Interview. 

Katja Behling