Die Ausstellung «Umstrittene Verwandtschaft» im Deutschen Historischen Museum in Berlin thematisiert Berührungspunkte und Unterschiede kolonialer und nationalsozialistischer Gewalt.
Die Ausstellung ist ein Wagnis und auch eine Reaktion auf den sich verändernden Tenor postkolonialer Debatten, in denen bisherige Narrative weltweit unter Druck geraten sind. Ist die mörderische Gewalt der europäischen Kolonialmächte mit dem Holocaust vergleichbar? Was verbindet, was trennt sie? Mitte Oktober eröffnet, stellt «Umstrittene Verwandtschaft» im Deutschen Historischen Museum (DHM) in Berlin Gewaltausübung durch koloniale und nationalsozialistische Regime nebeneinander, ohne sie gleichzusetzen. Seit fast 100 Jahren wird die Frage nach den Gemeinsamkeiten und Berührungspunkten gestellt, verhandelt von Politikern, Historikerinnen, Künstlern, Überlebenden. Beantwortet wird sie unterschiedlich. Dass beide Gewaltformen einander ähnlich, sozusagen «verwandt» seien, ist zumeist Konsens. Doch stimmt das? Es geht um Kongruenzen brutaler Regime, die sich in Raum und Zeit stark voneinander unterscheiden: Jahrhundertelange europäische Kolonialherrschaften rund um den Globus auf der einen, eine demgegenüber kurze Phase nationalsozialistischer Dominanz über Europa auf der anderen Seite, in der extreme Gewaltausübung aber umso beschleunigter projektiert, ausgestaltet und auf neue Weise verwirklicht wurde. Vielen Denkerinnen und Denkern erschien der Faschismus als lineare Fortschreibung kolonialer Gewaltherrschaft, Weltaneignung mit anderen Mitteln. Die Ausstellung weitet diese Perspektive, indem sie die Debatte über die Parallelität, Kontinuitäten und Kausalitäten breit abbildet und auf historische Ursprünge zurückführt. Dazu stellt sie nationalistische Regime und den Holocaust in den Fokus und konzentriert sich auf die Kolonialzeit von 1900 bis 1960, also die Phase vom Hochimperialismus um die Jahrhundertwende bis zur Unabhängigkeit der meisten ehemaligen Kolonien. Kolonialistischer und nationalsozialistischer Gewalt gemein sind extreme Auswüchse von Ausbeutung und Vernichtung, Repression und Eroberung sowie die Errichtung von Lagern. Doch Unterschiede zwischen ihnen sind ebenso augenfällig. Die Ausstellung beleuchtet, welche Rolle Rassismus und Antisemitismus, Internierung und Deportation, Kollaboration und Widerstand, Zwangsarbeit und die Form der Vernichtung diesbezüglich spielten. Raphael Gross, Präsident der Stiftung Deutsches Historisches Museum in Berlin, stellt «historische Urteilskraft» ins Zentrum seiner Projekte im DHM, auch in der Auseinandersetzung mit der aktuell dort verhandelten Konfliktgeschichte. Empirisch fundiert und differenziert erzählt, will die Ausstellung keine allgemeingültige Antwort präsentieren, sondern den Besucherinnen und Besucher selbst Antworten finden lassen.
«In barbarisch ziviler Ordnung»
Der Frage, wie der Holocaust methodisch vorbereitet und bewerkstelligt werden konnte, widmete der in Prag geborene Schriftsteller Hans Günther Adler (1910–1988) sein Standardwerk «Der verwaltete Mensch», das 1974 erschien und bei S. Fischer, mit einem Vorwort von Götz Aly, neu aufgelegt worden ist. Theodor W. Adorno und Hannah Arendt gehörten zu den bekanntesten Lesern von Adlers Werk. Adler zeichnet akribisch die Stadien nach, die von der schleichenden Auslöschung der bürgerlichen Existenz bis zum finalen Akt führten. Er war ab 1941 selbst vier Jahre in mehreren Lagern interniert und begegnete dem Grauen mit Nüchternheit. Der Holocaust habe sich «in barbarisch ziviler Ordnung» vollzogen, so alltäglich und unter dem Radar exekutiert, dass es vielen leichtfiel und leicht gemacht wurde, zu übersehen, was sich Zug um Zug abspielte. Zwar erging sich Hitler bekanntlich ständig und zunehmend enthemmt in Reden über die Notwendigkeit der Vernichtung der Juden, doch das allgegenwärtige Gerede sei, so Adler, in seiner monströsen Übersteigerung von vielen bald nur noch als aufgedrehtes Worttheater wahrgenommen worden, blutrünstige Klappe, nicht viel dahinter. Der Plan zur Massenvernichtung sei immer wieder anders «umsprochen» worden, somit im Vagen geblieben. So konnten, in einer bürokratisch-arbeitsteilig organisierten Verwaltung, die Entrechtung, Deportation und Ermordung in winzige Teilschritte zerlegt und in einem puzzlehaften Zusammenspiel von Polizei, Gestapo, Finanzbeamten, Wohlfahrtsorganisationen, Grundbuchämtern, Sparkassenmitarbeitern, Bahnbediensteten, Speditionen und vielen anderen, ins Werk gesetzt werden. Jeder Beschäftigte sich mit einem Puzzlestück und vermochte das grosse Ganze nicht zu erfassen. Es waren Ausführende lauter kleiner, unscheinbarer, ordnungsgemässer Einzelakte, während hinter den Kulissen der Harmlosigkeit ein Programm anlief, das ein ganzes Volk, das jüdische Volk, auslöschen sollte. Dass die nationalsozialistischen Vordenker für ihr Vorhaben gerade auch Werte wie Pflichtgefühl, Verantwortlichkeit und Arbeitsmoral der redlichen Bürger und Bürgerinnen ausnutzten, dass sie sich der von Drill, Gehorsam und Tugend geprägten Dienstauffassung der Leute befleissigten und geräuscharm all die Rädchen für den systematischen, aber verschleierten Mordplan auf beängstigend geschmeidige Weise zusammenzuspannen wussten, unter einer bis zur Wohlanständigkeit geglätteten Maske der Ordnung – dass all das gelang, ist ein Verhängnis, das seit 1945 den Blick auf die Organisation von Gesellschaften verändert hat.
Zwischen zwei Standpunkten
Die Berliner Ausstellung ist thematisch in neun verschiedene Räume aufgeteilt. Zum Schluss des Rundgangs erläutern Expertinnen und Experten auf Monitoren ihre Sichtweisen und laden Besucher und Besucherinnen ein, auf Zetteln eigene zu formulieren. Die Präsentation wagt es, Konfliktlinien nicht zu übergehen, sondern sie aufzufächern und Widersprüche auszuhalten. Für Diskussionen dürfte sorgen, dass die Ausstellung Israel im Kontext des hochkomplexen Nahostkonflikts nicht herausstellt – wobei es seiner historischen Vielschichtigkeit wohl auch nicht gerecht würde, diesen als einen der bedeutendsten Konflikte des 20. Jahrhunderts in eine koloniale Erklärform zu pressen. Hitzige Debatten entfachen wird vermutlich die Frage, ob die Ausstellungsmacher den Holocaust in ihrer Aufbereitung zu nahe an den Kolonialismus gerückt haben – oder eben gerade nicht. Kuratiert hat die Ausstellung der Historiker Stephan Malinowski, der an der Freien Universität Berlin Geschichte lehrt und für sein Buch «Die Hohenzollern und die Nazis» 2022 mit dem Deutschen Sachbuchpreis ausgezeichnet wurde. Überrascht habe ihn, sagte Malinowski im Vorfeld der Ausstellung der «Frankfurter Allgemeine Zeitung», dass schon Intellektuelle der 1930er-Jahre, lange vor Hannah Arendt, Kolonialismus und Faschismus verglichen hätten. Viele waren der Auffassung, Diskriminierung der Juden sei nicht anders als jene der Afrikaner zur Kolonialzeit. Der spätere indische Premierminister Jawaharlal Nehru meinte 1937, koloniale und faschistische Gewalt seien «Zwillinge». Der Vordenker des Panafrikanismus George Padmore sprach von «Kolonialfaschismus», diesbezüglich spielte der Angriff Italiens auf das Kaiserreich Abbessinien (heute Äthiopien), mit dem Einsatz von Giftgas, mit Lagern, Vertreibungen, Rassentrennung, Massenhinrichtungen und Hunderttausenden Toten, eine Schlüsselrolle. Zudem existierten in allen kolonialen Systemen oppositionelle Kräfte sowie früh aktivistisch-publizistische Netzwerke; im Nationalsozialismus indes wurde Widerstand unterdrückt und zerrieben. Und anders als die kolonialen Regime wurde das nationalsozialistische nicht von innen gesprengt, sondern durch Intervention der Alliierten. Auch unterschieden sich die nationalsozialistischen Vernichtungslager, die ausschliesslich der Ermordung von Menschen dienten, von Lagern im kolonialen Kontext. Um 1900 errichteten die Briten in Südafrika, die US-Amerikaner auf den Philippinen, die Spanier auf Kuba und die Deutschen in Südwestafrika Stätten, die schon damals «Konzentrationslager» genannt wurden. (Hitler spottete denn auch 1940 in einer Sportpalast-Rede darüber, dass die Konzentrationslager eine britische Erfindung seien.) Die Kolonialherren wollten durch Lager verfeindete Gruppen voneinander trennen. Unzählige kamen darin um, starben an Hunger und Krankheiten. Dass dieses Massensterben von den Briten nicht geplant war, macht es nicht besser. Deutsche Konzentrationslager hingegen, so die Ausstellungsmacher, waren von vornherein auf den Zweck der Tötung vorab definierter Gruppen, vor allem Juden, angelegt, und «das macht den Holocaust präzedenzlos». Die Ausstellung konfrontiert das Publikum auch mit polarisierenden Zitaten. Der Position des afrokaribischen Schriftstellers und Politikers Aimé Césaire, der nach dem Zweiten Weltkrieg meinte, der Westen echauffiere sich vor allem deshalb über Hitler, weil sich die Gewalt diesmal gegen weisse Europäer gerichtet habe, stellt die Ausstellung ein Zitat des jüdischen Intellektuellen Jean Améry gegenüber, der, 1912 in Wien als Hans Mayer geboren, in den 1960er-Jahren erklärte, das Grauen des Holocaust werde irgendwann untergehen im allgemeinen Gejammer über die Barbarei des 20. Jahrhunderts. Auch das Kriegsende 1945 steht mehrdimensional im Blick. Afrikanische und karibische Freiwillige, die gegen den Faschismus mitgekämpft hatten, forderten ihren Lohn in Form der Unabhängigkeit ein. Und sahen sich um ihn betrogen. Am 8. Mai 1945 töteten die Franzosen und europäische Milizen in Algerien Tausende Zivilisten, die gegen das Kolonialregime demonstrierten. In Europa war nun Frieden, in Nordafrika aber begann eine neue Runde blutiger Auseinandersetzungen auf dem Weg zur Unabhängigkeit.
Bruchkanten in der Debatte
Der Rassismus im Verhältnis zum Antisemitismus als einer der entscheidenden Punkte in der Debatte um die Vergleichbarkeit wird in der Berliner Ausstellung entsprechend gewichtet. Historisch entwickelte sich aus der religiös motivierten christlich-abendländischen Judenfeindschaft auch eine biologistisch («Semiten») begründete Form der Ablehnung. Im Nationalsozialismus fand sich beides. Zwar sind also grosse Ähnlichkeiten zwischen den Systemen in vielerlei Hinsicht unbestreitbar, aber die Analogien reichen nur bis zu einem gewissen Punkt: Auf dem Weg zur Schoah gibt es die Tradition vielgestaltiger kolonialer Gewalt – und den Bruch mit ihr. Die Bundesrepublik und das wiedervereinigte Deutschland nach 1989 haben sich klar gegen die Strukturen positioniert, die den nationalsozialistischen Unrechtsstaat ausgemacht haben, mit der Abkehr von allem, wofür er stand, mit besonderem Auftrag zur Aufarbeitung des Holocausts. Die Behauptung, die Schoah sei lediglich ein Genozid unter Hunderten im Verlauf der Geschichte gewesen, oder Aufrechnungen von Opferzahlen hier und akkumulierte Opferzahlen dort, fordern dieses Selbstverständnis heraus. Zugleich muss die Gesellschaft anerkennen, dass sich die Frage nach dem Verständnis von singulären Menschheitsverbrechen aus internationaler Perspektive, speziell aus Sicht des «globalen Südens», anders darstellen kann. Gleichwohl gibt es jene politischen und strukturell-analytischen Gründe, die es rechtfertigen, das Mordgeschehen des Holocausts als historischen Sonderfall zu betrachten. Das Vorhaben einer systematisch betriebenen Ermordung einer ethnischen Gruppe, der Juden, gab es so nur im «Dritten Reich». Die Ausstellung im DHM ist weit davon entfernt, den Holocaust zu relativieren; gerade die Gegenüberstellung arbeitet seine Alleinstellung heraus. Wenige Tage vor Eröffnung der Ausstellung wurden gleich zwei Friedenspreise an international höchst renommierte Juristinnen und Juristen vergeben: der Friedensnobelpreis an die Südafrikanerin Navanethem Pillay, der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels an den Rechtswissenschaftler und Schriftsteller Philippe Sands, der den Preis zum Abschluss der Buchmesse am 11. Oktober entgegengenommen hat. In seiner Dankesrede schilderte der 1960 in London geborene französisch-britische Publizist und Völkerrechtler, wie in seiner jüdischen Familie mit Wurzeln in Lemberg nach dem Holocaust darüber geschwiegen worden sei. Doch «Schweigen ist nicht der Weg», so Sands. Mit Blick auf «international crimes» sagte er, es gebe keine Hierarchie unter verschiedenen Völkerstraftaten. Töten als Kriegsverbrechen oder als Verbrechen gegen die Menschlichkeit sei nicht weniger schwerwiegend als ein Völkermord. Philippe Sands setzte damit auch einen weiteren Impuls für die Debatten, die die Ausstellung entfachen wird. l
«Umstrittene Verwandtschaft. Koloniale und nationalsozialistische Gewalt». Deutsches Historisches Museum, Berlin. Bis 11. April 2027.