Künstliche Intelligenz 26. Jun 2026

Möchten Sie Einstein zum Zionismus befragen?

Der neue KI-Chatbot macht historische jüdische Grössen zum Gesprächspartner. Ob die Antworten dem Geist der Denker nahekommen, bleibt offen.

Ein neues KI-Tool ermöglicht es Nutzern, mit jüdischen Persönlichkeiten zu chatten – die Reihe «Jewish Lives» nutzt ihre Biografien-Sammlung als Grundlage für einen Chatbot.

Fragt man die KI-Version von Sigmund Freud, seinen Traum zu deuten, bekommt man manchmal nur ein paar tanzende Punkte, als ob der grosse Mann eingeschlafen wäre oder der Traum sein virtuelles Gehirn überlastet. Freud ist eine von neun historischen jüdischen Persönlichkeiten, die in «Ask Jewish Lives» vorgestellt werden, einer neuen KI-Funktion, die auf den veröffentlichten Biografien in der Reihe «Jewish Lives» der Yale University Press basiert. Auf der kostenlosen Website kann man auch mit Albert Einstein, Emma Goldman, Baruch Spinoza, Theodor Herzl, der Hadassah-Gründerin Henrietta Szold, dem Talmud-Weisen Akiba, Richter Louis Dembitz Brandeis und dem Propheten Elija chatten.

Laut «Jewish Lives» soll die Seite «die Auseinandersetzung der Leser mit der jüdischen Erfahrung bereichern». Sie haben auch Unterrichtspläne erstellt, um Pädagogen dabei zu unterstützen, «Ask Jewish Lives» im Unterricht an Gymnasien und Universitäten einzusetzen. «Wir wollten die Lebensdauer der Bücher verlängern und mithilfe von KI die jüdische Geschichte und Biografien auf neue Weise erkunden», erklärt Rebecca Keys, Geschäftsführerin von «Jewish Lives». Keys erklärt, dass die Antworten ausschliesslich auf den Biografien der verschiedenen Persönlichkeiten basieren, wobei verschiedene «Sicherheitsvorkehrungen» getroffen wurden, um zu verhindern, dass der Chatbot «halluziniert».

Antworten aus der Vergangenheit
Der Chatbot kann ein nützliches Recherchetool sein, wenn man schnelle, schlüssige und mit Fussnoten versehene Antworten auf Fragen zu bestimmten Themen sucht. Doch was passiert, wenn man «Szold» und «Einstein» nach ihren Vorstellungen vom Zionismus befragt? Wo standen sie auf dem Spektrum zwischen der Unterstützung Israels als Nationalstaat der Juden und Israel als jüdische Heimat, die Territorium und Regierungsgewalt mit ihren palästinensischen Nachbarn teilt?

Sowohl Szold als auch Einstein, beide Kinder der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, vertraten komplexe Ansichten zu diesen Fragen und es ist interessant zu sehen, wie der Chatbot damit umgeht. «Szold» spricht von ihrer Unterstützung für ein «einziges, gemeinsames Land, in dem Juden und Araber in Harmonie zusammenleben können», und davon, wie sie und Kollegen wie Judah Magnes sich dagegen wehrten, «eine politische Mehrheit allein um der politischen Vorherrschaft willen anzustreben».

In ähnlicher Weise erklärt «Einstein», «dass für mich das Dasein als Nation niemals die Notwendigkeit bedeutete, einen Nationalstaat zu gründen (…). Ich habe immer befürchtet, dass eine engstirnige, nationalistische Fokussierung auf ein bestimmtes Stück Land zum Aufkommen eines blinden Chauvinismus führen würde, der dem Judentum seinen moralischen Kern rauben und zu Gewalt sowie zur moralischen Untergrabung unserer Sache führen würde.»

Fussnoten führen zu Auszügen aus Francine Klagsbruns Biografie über Szold und Steven Gimbels Biografie über Einstein. Beide Antworten spiegeln eine Zeit vor der Staatsgründung wider, in der die weltweite jüdische Gemeinschaft noch keinen Konsens darüber erzielt hatte, welche Art von jüdischer «Heimat» praktikabel und akzeptabel wäre. Fragt man Brandeis, der nicht nur der erste jüdische Richter am Obersten Gerichtshof war, sondern auch Präsident der Zionist Organization of America, erhält man eine Antwort, die der Gestalt Israels bei seiner Gründung im Jahr 1948 näherkommt.

«Meine Hoffnung galt einem ganzen, vereinigten Territorium, das zu einer säkularen, mehrheitlich jüdischen Demokratie werden würde», sagt «Brandeis» unter Bezugnahme auf Jeffrey Rosens Biografie. «In diesem Gemeinwesen würden die gleichen bürgerlichen, politischen und religiösen Rechte der arabischen Minderheit gewissenhaft und verfassungsgemäss geachtet werden.»

85 Jahre nach seinem Tod ist dies nach wie vor das Ziel vieler liberaler und sogar weniger liberaler Zionisten, die der Meinung sind, dass Israel ein jüdischer, demokratischer Staat bleiben kann, solange es nicht dazu kommt, dass der Staat das Leben von Millionen nicht staatsangehöriger Araber dauerhaft kontrolliert.

Smalltalk mit Grössen der Geschichte
Abgesehen von solchen hochfliegenden Debatten erinnerte die Website an das alte Gesellschaftsspiel, bei dem man gefragt wird, welche historischen Persönlichkeiten – ob lebendig oder verstorben – man zu einer Dinnerparty einladen würde. Worüber sollte man mit solchen Persönlichkeiten reden? Würden Szold oder Brandeis es wirklich geniessen, zu einem nach Hause zu kommen und über ihre Ansichten zum Zionismus ausgefragt zu werden? Andererseits: Wie führt man Smalltalk mit Akiba oder Elija?

Aber ein Bot errötet nicht, also kann man es durchaus mit einer persönlichen Herangehensweise probieren. Beispielsweise kann man Szold nach ihrer Beziehung zu Louis Ginzburg, dem legendären Talmud-Gelehrten am Jewish Theological Seminary of America fragen. Sie verliebte sich Hals über Kopf in den 13 Jahre jüngeren Ginzburg, als sie als erste Frau an der Vorzeigeeinrichtung der konservativen Bewegung eingeschrieben war und er eine Sekretärin brauchte, um seine Vorlesungsnotizen zu übersetzen und seine Texte zu redigieren. Am 20. Oktober 1908 jedoch «brach meine Welt zusammen», erklärt sie, als Ginzburg seine Verlobung mit einer anderen Frau bekanntgab.

«Hat er mir das Herz gebrochen? Ja, er hat es mir völlig gebrochen», erzählte sie. Die Website enthält nur Text. Keine Sprache oder sprechende Avatare, und die Antworten in der Ich-Form sind oft Paraphrasen des Inhalts der jeweiligen Bücher.

Doch ein Verlust für das Herz war ein Gewinn für den Zionismus. «Erst als ich aufhörte, mir selbst die Schuld zu geben, und erkannte, wie er meine Arbeit ausgenutzt hatte, begannen die Keime meiner Erneuerung zu spriessen», sagt «Szold». «Ich trat als eine andere Frau aus diesem dunklen Tal hervor – unabhängig, selbstbewusst und nicht länger bereit, die zurückhaltende Assistentin brillanter Männer zu sein.»

Ein blosses Gefäss
Keys macht sich keine Sorgen, dass diese KI die wissenschaftliche Arbeit, für die die «Jewish Lives»-Bibliothek steht, verdrängen oder in Verruf bringen könnte. «Es war uns von Anfang an sehr wichtig, dass dies eine Zusammenarbeit mit unseren Autoren ist», sagte sie. «Wir möchten, dass die Menschen ihre Werke lesen.» Sie zitierte eine Stellungnahme von Derek Penslar, dem Harvard-Historiker und Autor von «Theodor Herzl: Staatsmann ohne Staat»: «Die Plattform ist benutzerfreundlich und weitaus gehaltvoller und flexibler als ein Wikipedia-Eintrag oder Ähnliches».

Dennoch sind Verlage besorgt, dass grosse KI-Sprachmodelle sich an ihren Veröffentlichungen gütlich tun, um die Maschinen zu trainieren, und dass sie ihnen Leser abjagen werden. Und könnten KI-Projekte wie «Ask Jewish Lives» nicht sogar seriöse Forscher dazu verleiten, Abkürzungen zu nehmen oder ihre eigenen Gedanken an eine Maschine auszulagern?

Fragt man Akiba, dessen Biografie in der Reihe «Jewish Lives» von Barry Holtz verfasst wurde, folgt eine bewegende Predigt über den Unterschied zwischen «Wissen» und «Sein» sowie über die Heiligkeit intellektueller Arbeit. «Wenn du eine Maschine erschaffst, die schreiben, rechnen und entscheiden kann, hast du ein Gefäss geschaffen», warnt «Akiba», «aber verwechsle das Gefäss nicht mit der Quelle.» 

Andrew Silow-Carroll