Das Stadttheater Basel würdigt den 100. Geburtstag des jüdisch-ungarischen Komponisten György Kurtág mit Opernaufführungen und einer Ausstellung
Zusammen mit seinem auch jüdischen Freund und Berufskollegen György Ligeti (1923–2006) gilt György Kurtág, der am 19. Februar dieses Jahres in Budapest mit Konzerten und Ehrungen seinen 100. Geburtstag feiern konnte, als der bedeutendste ungarische Komponist der Gegenwart. Im Unterschied zu György Ligeti oder ihrem gemeinsamen Vorbild Béla Bartók hat er kompositorisch ein recht schmales Lebenswerk geschaffen, das sich aber durch eine erstaunliche Vielfalt an Formen und Ausdrucksdichte selbst in winzig kleinen Werken auszeichnet.
Nach einer 1951 beendeten Suite für Klavier zu vier Händen, einer «Koreanischen Kantate» und einem umfangreichen Konzert für Bratsche und Orchester versah er erst 1959 ein für ihn repräsentatives Werk, das seiner extrem strengen Selbstkritik Stand halten konnte, mit der Opuszahl 1. Es handelt sich um das eine knappe Viertelstunde dauernde Streichquartett mit einer Widmung an die ungarische Kunstpsychologin Marianne Stein (1913–1994). Sie hatte ihm während eines Paris-Aufenthalts 1957/58 aus einer Schaffenskrise herausgeholfen und ihm mit Klecksografien den Weg zu sich selbst gewiesen. Kurtág hatte damals Kompositionskurse bei Max Deutsch, Olivier Messiaen und Darius Milhaud besucht, doch erst dank Marianne Stein seinen Worten zufolge «ein neues Leben» begonnen. Die Auseinandersetzung mit Anton Weberns radikal komprimierter Zwölftonsprache in Verbindung mit Elementen aus Bartóks ungarischer Klangwelt macht aus dem Streichquartett ein viel beachtetes Schlüsselwerk.
Langer Lebensweg
In der rumänischen Kleinstadt Lugoj im Banat geboren, wuchs György Kurtág in einer assimilierten jüdischen Familie auf. Mit ihr konnte er sich nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs noch rechtzeitig protestantisch taufen lassen.
Dem Schreibenden gegenüber hielt er in Gesprächen während eines Musikfestivals 1996 in Davos fest, dass jüdische Thematik mit Ausnahme der wiederum Marianne Stein gewidmeten «Kafka-Fragmente» op. 24 für Sopran und Violine von 1985 in seinem Schaffen nicht zum Ausdruck komme. Zu seiner künstlerischen Ausbildung haben aber jüdische Komponisten und Interpreten wesentlich beigetragen. In Temeswar, wo er das Gymnasium besucht hatte, war es Max Eisikovits, in Budapest, wohin er 1945 nach der Matura illegal über die rumänisch-ungarische Grenze gezogen war, bildete er sich bei Pál Kadosa (Klavier) und Leó Weiner (Kammermusik) weiter. An der Franz-Liszt-Musikakademie studierte Kurtág ausserdem beim Bartók-Schüler Sándor Veress (Komposition), der Ungarn 1949 verlassen hatte und in Bern zu einem gefragten Kompositionslehrer wurde.
Stand Kurtág als Student der kommunistischen Partei nahe, so brach sein Weltbild spätestens 1956 nach dem Einmarsch sowjetischer Truppen in Ungarn zusammen. Nach dem oben erwähnten Aufenthalt in Paris, einem eigentlichen Studienjahr, konnte er weitere Schreibblockaden mit Zeichnen aufbrechen. Beim Komponieren behielt er die Selbstkritik jedoch bei, indem er an klanglich kleinsten Details lange herumfeilte. So rang er sich die auf Samuel Becketts «Endspiel» basierende Oper «Fin de partie» in einem acht Jahre dauernden, äusserst mühsamen Arbeitsprozess ab.
Nachdem er von 1958 bis 1963 als Klavierbegleiter an der Béla-Bartók-Mittelschule für Musik in Budapest und von 1960 bis 1968 als Korrepetitor an der Ungarischen Staatsphilharmonie gewirkt hatte, unterrichtete er als Professor für Klavier und Kammermusik von 1969 bis 1986 an der Budapester Musikakademie. Zu seinen bekanntesten Klavierschülern gehören Zoltán Kocsis und Sir András Schiff.
Internationale Auszeichnungen
Nach 1993 wurde Kurtág angesehener Composer in Residence in Berlin und Wien, Leiter einer Meisterklasse in Den Haag, 1998 korrespondierendes Mitglied der Bayerischen Akademie der Schönen Künste in München. An die Mitgliedschaften bei der Akademie der Künste in Westberlin und der Deutschen Akademie der Künste in Ostberlin schloss sich 1994 eine Ehrenmitgliedschaft der Internationalen Gesellschaft für Neue Musik an. 2001 wurde er ausländisches Ehrenmitglied der American Academy of Art and Letters. Als ungarisch-französischer Doppelbürger lebte er mit seiner Frau von 2001 bis 2015 in der Nähe von Bordeaux, in jüngerer Zeit wieder in Budapest. Seit 1947 bis zu ihrem Tod 2019 war Kurtág mit der Pianistin Márta Kinsker verheiratet, mit der er in unzähligen Konzerten mit vierhändiger Klaviermusik auf einem oder zwei Instrumenten in Ost und West auftrat.
Kurtág in Basel
Durch Meisterkurse an der Musik-Akademie Basel und durch Konzerte ist der Jubilar mit der Stadt Basel schon seit den 1980er Jahren verbunden. Eine engere Beziehung ergab sich durch die Paul-Sacher-Stiftung, die 1990 Kurtágs Zusage erhalten hatte, dass sein «Nachlass bei Lebzeiten» von ihr übernommen und wissenschaftlich archiviert werde. Schon im folgenden Jahr reiste der Komponist mit seinen Musikhandschriften nach Basel, um eine erste Lieferung mit dem Wunsch, von allen Manuskripten fortan Kopien zu erhalten, der Musikwissenschaftlerin Heidy Zimmermann in jener Stiftung auszuhändigen. Für Kurtágs Schaffen setzten sich in Basel die Schweizer Komponisten Rudolf Moser und als Dirigent Heinz Holliger mit der Aufführung des Doppelkonzerts op. 27 Nr. 2 für Klavier, Violoncello und zwei Kammerensembles 1991 im Stadtcasino ein. Freundschaftliche Kontakte pflegte er zu weiteren Musikern wie Thomas Kessler, Alfred Knüsel, Christian Sutter und Kurt Widmer.
An die schweizerische Erstaufführung von Kurtágs Oper «Fin de partie» vom 12. April im Theater Basel schliessen sich mehrere Wiederholungen an. Mit seiner Inszenierung gibt der Regisseur David Marton sein Basler Debüt. Laut Medienmitteilungen verbindet seine Sicht auf das auch für das Publikum sehr anspruchsvolle Werk «die existenzielle Tiefe von Becketts Figuren mit deren subtiler, absurder Komik». Die 2018 an der Scala in Mailand uraufgeführte Oper wurde anschliessend in Amsterdam, Berlin, Dortmund, Paris und Wien gezeigt.
In Zusammenarbeit mit der Paul-Sacher-Stiftung entstand eine hauptsächlich von Heidy Zimmermann gestaltete Ausstellung auf Tafeln, die anlässlich der sehr gut besuchten Einführung «Vor der Premiere» am 8. April im Foyer Public des Theaters eröffnet wurde. Sie setzt sich aus Skizzen, Kopien von Musikhandschriften, Klecksografien, Portraits und weiteren Fotos zusammen und verknüpft Dokumente der Mailänder Uraufführung mit solchen aus dem Basler Musikleben. Sie lässt den Komponisten mit Zitaten zu Worte kommen wie etwa: «Was ich möchte, ist, mit möglichst wenigen Noten die grösstmögliche Ausdruckskraft zu erreichen.»
Das gelang Kurtág, einem herausragenden Meister der Verknappung und Komprimierung, schon im Bläserquintett op. 2 und ganz besonders in den bezeichnenderweise «Splitter» betitelten, nur wenige Takte zählenden Klavierminiaturen op. 6 d ebenso überzeugend wie im pianistischen Hauptwerk, den vier Heften «Játékok» («Spiele»). Zentrale Werke des 100-jährigen Pioniers der ungarischen Moderne stellte am 8. März das Sinfonieorchester Basel in einem Kammerkonzert im Probezentrum am Picassoplatz vor.
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