Pessach wird zur Folie der Gegenwart, in der technologische Entwicklungen wie künstliche Intelligenz den Menschen vor die Entscheidung stellen, ob sie in neue Abhängigkeiten führen oder als Werkzeuge der Freiheit genutzt werden.
Angesichts des rasanten Aufstiegs der künstlichen Intelligenz (KI) erleben wir derzeit eine weltweite Welle der Angst, die von Denkern verschiedener Professionen eifrig geschürt wird. Der gefeierte israelische Historiker Yuval Noah Harari zum Beispiel beklagt auf seiner Internet-Plattform «Future of Being» in einer Serie von Vorträgen, dass «in nur sechs Jahren fast alles, was du in deinem Alltag für normal, stabil und dauerhaft hältst, schlicht aufhören wird zu existieren». Harari inszeniert sich als Prophet, der uns vor einer nahenden Apokalypse warnt, und fragt: «Was geschieht mit dem Begriff persönlicher Wahl? Wie bewahren wir irgendeinen Sinn von Autonomie, wenn wir ständig von Algorithmen optimiert werden?» Seiner Ansicht nach erleben wir «das Ende einer eigenständigen geologischen Epoche der Menschheitsgeschichte», in der Homo sapiens der einzigartige Träger von Intelligenz gewesen sei.
Der Prophet des Materialismus
So scharfsinnig seine Beobachtungen sind, erscheint die philosophische Grundkonstruktion, die Harari um sie herum errichtet, doch trügerisch. Eine genaue Lektüre Hararis früherer Bücher zeigt nämlich, dass seine «Warnungen» in Wirklichkeit eine Tarnung darstellen. In seinem Grundlagenwerk «Sapiens – Eine kurze Geschichte der Menschheit» zeichnet Harari die Menschheitsgeschichte als Ergebnis blinder evolutionärer Kräfte. Er leugnet die Existenz eines – göttlichen oder menschlichen – Subjekts, das über echte Handlungsfreiheit und freien Willen verfügt. Wenn er daher auf KI blickt, sieht er nicht wirklich eine Tragödie; er sieht Bestätigung. Die Menschheit in Hararis Darstellung ist a priori keine Menschheit, die in einer Position wäre, mit KI zu konkurrieren. Das erklärt den beinahe jubelnden Unterton, in dem er seine apokalyptische Vision vom Ende der «Menschheit, wie wir sie kennen» verkündet. Im Kern sagt er: «Ich habe es euch gesagt. Es gibt keinen menschlichen Geist. Es hat ihn nie gegeben!»
Weit davon entfernt, das Ende der Menschheit zu bedeuten, glaube ich, dass der Moment des Durchbruchs von KI für unsere Gesellschaft eine grosse Chance auf spirituelle und religiöse Erneuerung darstellt. Indem KI unsere kognitiven Instrumente radikal ausweitet, zwingt sie uns, endlich sauber zu unterscheiden zwischen dem Werkzeug der Intelligenz und der Handlungsmacht des menschlichen Subjekts.
Der technische Fortschritt kann für das Judentum eine Chance in eine neue Freiheit bedeuten.
Ist die KI wirklich «die grösste Revolution der Menschheitsgeschichte»? Ich bezweifle es. KI führt die wissenschaftlich-technologische Entwicklung einen weiteren Schritt in Richtung Triumph der Quantität über die Qualität. Gewiss: KI verarbeitet Daten und erkennt Muster schneller als jeder Mensch. Aber daran ist im Wesentlichen nichts Neues. Seit Jahrzehnten schon kann eine einfache Festplatte mehr Informationen speichern, als ein menschliches Gehirn je fassen kann.
KI und Thora
Was aber haben diese Gedanken mit der Thora zu tun, was mit Pessach? Eine ganze Menge. Denn träte KI wirklich an die Stelle menschlicher Handlungsmacht, würde sie sich als eine Inkarnation des biblischen Baumes der Erkenntnis entpuppen: Wie die Ur-Schlange im Paradies verheissen KI-Propheten dem Menschen die Illusion von Allmacht und Unsterblichkeit: «Ihr werdet keineswegs sterben (…), sondern werdet sein wie Gott!» (Gen 3,4–5). Mit anderen Worten: Wer seine Verarbeitungskapazität aufrüstet, wird zur Gottheit.
Um die existenzielle Herausforderung der KI zu verstehen, sollten wir nicht nach Silicon Valley blicken, sondern nach dem biblischen Ägypten. Dieses antike Imperium gründete auf Sklaverei und skrupelloser Ausbeutung von Menschen, die lediglich als Werkzeuge materiellen Nutzens betrachtet wurden. Erst kürzlich wurden wir alle Zeugen genau dieser grausamen Weltanschauung, als bei den Bauarbeiten des Fussballstadions für die WM 2022 in Katar der Tod unzähliger Arbeiter in Kauf genommen wurde.
Pharao, der biblische Darwinist
Das biblische Ägypten repräsentiert das ultimative materialistische Reich, und Pharao ist sein darwinistischer Priester: Er hält es für sein natürliches Recht, die Schwachen zugunsten der Anhäufung materieller Güter zu versklaven (vgl. Ex 1,11). Mose hingegen steht für die Werte des Ewigen, die auf dem biblischen Grundsatz fussen, dass jeder Mensch als Träger des göttlichen «anochi» («Ich») über einen unveräusserlichen Wert verfügt. In der biblischen Konfrontation zwischen Israel und Ägypten wird der Zusammenprall zweier widerstreitender Weltanschauungen inszeniert. Pharao erscheint als Inkarnation der Ur-Schlange, die den Menschen dazu verführt, die Macht des Informationsflusses und der Datenanhäufung (Baum der Erkenntnis) dem wahren Selbst (Baum des Lebens) vorzuziehen. Pharao proklamiert: «Der Nil gehört mir, und ich habe mich selbst gemacht!» (Ez 29,3). Diese Leugnung der grundlegenden Kontingenz des Daseins stellt den radikalsten Ausdruck menschlicher Selbstüberhebung dar. Indem er seine Herkunft bestreitet, erhebt Pharao die Erfüllung seiner Begierden zur einzig gültigen Lebensmaxime.
Als Mose Pharao entgegentritt, reagiert der Diktator mit authentischer Erschütterung: «Wer ist der Ewige, dass ich ihm gehorchen sollte! (…) Ich kenne keinen Ewigen!» (Ex 5,2). Sein Aufschrei kommt aus tiefstem Herzen: «Elohim», den göttlichen Ursprung der Natur und ihrer deterministischen Gesetzmässigkeiten, mag Pharao kennen; doch «Haschem», den Ewigen, kennt er nicht. Und so vermag er auch die Einzigartigkeit des Menschen nicht zu erkennen, dessen Leib und Seele den Namen des Ewigen tragen. Er ist und bleibt ein Gefangener der Engstirnigkeit («mejzar») von Ägypten («Mizrajim»), was ihm verunmöglicht, der darwinistisch-deterministischen Denkform zu entrinnen.
Echt und falsch
Hararis a-priori-materialistische Reduktion des Menschen führt ihn zu einem weiteren Punkt: Da KIs sprachliche und künstlerische Leistung zunehmend ununterscheidbar wird von menschlicher Rede und Kreativität, werde KI den Homo sapiens nicht nur auf der intellektuellen, sondern auch auf der kreativen Ebene besiegen. Im Gegensatz dazu sehe ich in KI die grosse Chance, die Authentizität von Sprache und Kunst wiederzuentdecken – eine Authentizität, die schon lange vor dem Durchbruch der künstlichen Intelligenz unter Beschuss geraten ist.
Nehmen wir Musik als Beispiel. Der Grossteil der Weltbevölkerung konsumiert Musik seit Jahren zuerst auf CDs und dann über digitale Streams. Nur eine kleine Minderheit von Menschen pflegt das Bewusstsein dafür, dass wahre Musik von Musikern gespielt wird. Nur noch wenige machen sich die Mühe, etwa ein Kammerkonzert zu besuchen, um Musik aus nächster Nähe zu erleben. Diese wenigen werden von KI-generierter Musik nicht verwirrt werden. Sie wissen, wie sich Authentizität erkennen lässt: durch die eigene leibseelische Reaktion auf die Klangfarbe eines Musikinstruments und auf die einzigartige physische und geistige Aura des Menschen, der es spielt.
Stab und Schlange
Die Verwechslung von Authentischem und bloss Reproduziertem ist nicht die Frucht der «KI-Revolution». Schon in den 1930er-Jahren betonte Walter Benjamin in seinem Klassiker «Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit», dass die einzigartige «Aura» eines Kunstwerks nur in der leibhaftigen Begegnung mit der ursprünglichen Schöpfung erfahrbar wird. Doch schon viel früher thematisierte die Bibel den Gegensatz von echt und falsch anhand der Begegnungen zwischen Mose und Pharaos «Magiern» («chartumim»). Mose wirkte am Kaiserhof Wunder, was in der biblischen Symbolik als Durchbruch des göttlichen Subjekts in die objektive Welt zu verstehen ist. Die ägyptischen Magier aber «taten es ihm nach» («vajaassu ken», Ex 7,22). Das heisst: Es sah aus wie echt – aber es war falsch.
Was KI tut, ist, diese längst bekannte Verwechslung auf die Spitze zu treiben. Denker wie Harari sorgen sich, KI könne Empathie perfekt simulieren. In der Tat unterscheiden sich das Echte und das geniale Unechte manchmal nur um Haaresbreite. Um den Unterschied zu spüren, braucht es eine Empfindlichkeit, die gepflegt werden muss. Ein Chatbot mag sich anhören wie ein Subjekt – aber er ist keines. Er macht weder Erfahrungen, noch kann er solche reflektieren. Weil sie kein Subjekt ist, verfügt KI auch nicht über Handlungsmacht. Vor echter Handlungsmacht aber kapitulieren schliesslich selbst die Magier Ägyptens: «Das ist ein Finger Gottes!» (Ex 8,15).
Entscheidender Moment
Der entscheidende Moment ist die Verwandlung des Stabes (Ex 7,8–13). Wird er hingeworfen, verwandelt er sich in eine Schlange – das biblische Symbol für geistloses Anhäufen von Kenntnissen und Daten. Ergreift aber ein wahrhaftiger Mensch die Schlange, wird sie zum Stab – einem Werkzeug im Dienste des handelnden Subjekts. Und das ist, was KI im besten Fall sein kann: ein fortgeschrittenes Werkzeug. Die Gefahr geht nicht von «den Maschinen» aus, sondern von ihren Entwicklern und Anwendern. Das aber ist nichts Neues.
Die beiden Bäume
Harari warnt, wir stünden nicht nur vor technologischen Veränderungen, sondern «vor der möglichen Auflösung all dessen, was menschliches Leben erkennbar gemacht hat». Er fürchtet, wir würden «irrelevant» werden. Diese Angst ist nur dann berechtigt, wenn wir Hararis materialistischem Weltbild beistimmen. Dieses bietet uns eine Welt blinder Entwicklung, in der Menschen zur Obsoleszenz bestimmt sind. KI hat also nichts Fundamentales verändert; sie hat lediglich die Einsätze erhöht.
Der Sohar lehrt, dass die Tragödie der Menschheit in der Spaltung des Baumes der Erkenntnis und des Baumes des Lebens liegt. Technologie ohne geistige Reflexion mutiert zu einer Giftschlange, Religion ohne Wissenschaft verkümmert zu Aberglauben. Im besten Fall aber kooperieren Wissenschaftler und Theologen in der gemeinsamen Klärung ihrer Funktionen und Grenzen.
Die menschliche Sinnbestimmung gehört in den spirituellen bzw. religiösen Aufgabenbereich. Die Thora lehrt, dass jenseits des Seins Ehejeh steht – «Ich werde sein» (Ex 3,14). Der beseelte Mensch bestimmt die Weisen seines Daseins und verleiht seinen Erfahrungen durch Reflexion Sinn. Gerade die künstliche Intelligenz bringt uns zur Einsicht, dass nicht enzyklopädisches Wissen zählt, sondern die Intention, «den Weg des Ewigen zu bewahren, Wohltätigkeit und Recht zu üben» (Gen 18,19). Und vielleicht liegt darin der Segen der einmaligen technologischen Entwicklungen unserer Zeit: die Gelegenheit zu einem weiteren Schritt der religiösen Klärung und spirituellen Erneuerung.
Gabriel Strenger ist Klinischer Psychologe, Buchautor und Lehrer des Judentums.