SCHWEIZ 11. Jun 2021

Jüdische Kultur am Wendepunkt

Am neuen Standort des Jüdischen Museums an der Vesalgasse in Basel wird aktuell die Pop-up-Installation «Buchstäblich jüdisch. Eine Deutungsgeschichte» gezeigt.

Die jüdische Museumsszene in der deutschen Schweiz ist in Bewegung – ein Einblick in neu geplante Standorte, Zentren und Ausstellungen.

Es herrscht Aufbruchstimmung. Nicht etwa, weil aktuell wieder vieles möglich ist und Anlässe mit Publikum stattfinden können, sondern weil verschiedene jüdische Kulturinstitutionen grosse Visionen haben und in die Zukunft denken. Nicht nur das Jüdische Museum der Schweiz, das bald eine neue Heimat haben soll, auch der Verein Doppeltür in Endingen, der Schauplatz Brunngasse oder der Verein Omanut, beide in Zürich, planen ihre Zukunft.

Symbolträchtiger neuer Standort
In Basel wird das Jüdische Museum der Schweiz nach immerhin 55 Jahren an der Kornhausgasse bald einen neuen Standort erhalten. So soll das 1966 gegründete erste jüdische Museum der Schweiz in die Vesalgasse ziehen, wo eine Fläche von 750 Quadratmetern zur Verfügung steht. Seit 2015 liegt die Leitung des Jüdischen Museums in den Händen von Naomi Lubrich, die bereits mit der Öffnung der Galerie am Petersgraben und den Sonderausstellungen in den vergangenen drei Jahren für Aufmerksamkeit sorgte. Sie sagt: «Mit dem neuen Standort können wir grössere Sonderausstellungen im eigenen Haus zeigen und haben zudem Platz für Veranstaltungen und Workshops.» Besonders aber freut sie sich über die neue Adresse, da sie symbolträchtig ist. Das Gebäude an der Vesalgasse grenzt an den Petersplatz und das Kollegiengebäude der Universität Basel und somit unmittelbar an den Ort des Friedhofs der ersten Basler jüdischen Gemeinde, der seit dem 13. Jahrhundert belegt ist und nach 1349 zerstört wurde. Grabsteine vom ersten Basler Friedhof sind seit 1966 im Hof des Museums ausgestellt. Die Direktorin des Museums sagt: «Friedhof wird auf Hebräisch Bet Chaim, Haus des Lebens, genannt, und entsprechend werden wir die ehemalige Ruhestätte der Basler Juden nun mit Leben füllen. Diese poetische Verbindung gefällt mir sehr.» Die Neueröffnung des Jüdischen Museums der Schweiz am neuen Ort ist für 2023 geplant, das Museum in der Kornhausgasse bleibt bis dahin geöffnet. Auch der vom Museum organisierte Europäische Tag der jüdischen Kultur findet weiterhin statt. Interessierte können an ausgewählten Sonntagen einen Einblick in das künftige Haus des Jüdischen Museums erhalten. Die Pop-up-Installation «Buchstäblich jüdisch. Eine Deutungsgeschichte» zeigt im dortigen Erdgeschoss eine Auswahl von Definitionen des Wortes «Jüdisch», «Jew» oder «Juif» aus Lexika der vergangenen 400 Jahre.

Bisher konnten viele Objekte gar nicht ausgestellt werden, da schlicht der Raum fehlte, in der Vesalgasse aber wird nun vieles möglich sein. Pop-up-, Wander- und Sonderausstellungen sind geplant, auch sollen vermehrt Objekte aus der Nachkriegszeit gesammelt und der Öffentlichkeit gezeigt werden. Für Umbau und Umzug, Ausstellungs- und Veranstaltungsprogramm sind bis 2033 sechs Millionen Franken budgetiert. Weitere zehn Millionen Franken sollen als Kapital für die nachhaltige Erzielung der für den Betrieb gewünschten Erträge durch ein schweizweites Fundraising gesammelt werden.

Naomi Lubrich geht davon aus, dass das Jüdische Museum am neuen Ort künftig noch mehr Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit, aber auch bei Bildungseinrichtungen generieren wird. Ihrer Ansicht nach steht die jüdische Kultur in der Schweiz gerade an einem Wendepunkt, da zeitgleich vieles geschieht. Initiativen in Zürich, Bern, Genf und Endingen-Lengnau zeugten davon. Sie erinnert an das Jahr 1966: Damals befruchteten sich in der Schweiz mehrere Grossprojekte gegenseitig. Die jüdischen Gemeinden feierten 100 Jahre Gleichberechtigung, Florence Guggenheim-Grünberg veröffentlichte ihr Lebenswerk «Geschichte der Juden in der Schweiz» und das Jüdische Museum der Schweiz öffnete seine Türen.

Neues Zentrum als Ort des Dialogs
Ambitioniert sind auch die Pläne des Verein Doppeltür. Im Jahr 2016 gegründet, hat er sich zum Ziel gesetzt, das einmalige jüdisch-christliche Kulturerbe im Surbtal bekannter zu machen. Konkret geht es darum, die Geschichte der jüdisch-christlichen Konvivenz im Surbtal als Besonderheit zu vermitteln, den jüdisch-christlichen Dialog zu fördern sowie die Besucherinnen und Besucher für übergeordnete Themen wie Toleranz, Migration oder Multikulturalismus zu sensibilisieren. Der Verein kaufte 2019 ein dreistöckiges Doppeltürhaus im Dorfkern von Lengnau. Dieses wird nun zum künftigen Begegnungszentrum ausgebaut. Das Vermittlungsprojekt Doppeltür richtet sich vor allem an Schulen und Jugendliche, an Familien sowie an kulturinteressierte Personen und Gruppen. Zu den konkreten Plänen des neuen Zentrums sagt Lukas Keller, Präsident des Vereins Doppeltür: «Das Ausstellungsprogramm Zentrum Doppeltür soll im Herbst 2023 eröffnet werden. Soeben wurde der Szenographie-Wettbewerb entschieden. Die nächsten Projektschritte sind die Eingabe des Baugesuchs für den Umbau des Gebäudes, die Weiterentwicklung des Projekts mit Szenographie und Inhalten sowie die Entwicklung des Moduls Schulen.» Das Zentrum soll ein Ort der Vermittlung und des Dialogs sein. Das Ausstellungskonzept orientiert sich am Lehrplan 21 und wird unter Einbezug weiterer Bildungsinstitutionen und -Fachleute erarbeitet. Vorgesehen sind vier Ausstellungsteile. Lukas Keller informiert: «Wir haben das Ablaufschema mit dramaturgischem Ansatz wie folgt definiert: 1. Abtauchen, 2. Auftauchen, 3. Eintauchen und 4. Ausschwärmen.» Beim «Abtauchen» würden die Besuchenden in die historische Zeit des Surbtals eingeführt. Die Welt der Gegenwart wird im Part des «Auftauchens» beleuchtet. Im dritten Teil, dem «Eintauchen», können sich die Gäste mit Themen wie mit persönlichen Fragen des Zusammenlebens, des Dialogs oder des Multikulturalismus befassen. Beim «Ausschwärmen» können die Umgebung auf dem jüdischen Kulturweg im Surbtal erkundet sowie Begegnungen mit historischen Zeitzeugen in Endingen und Lengnau ermöglicht werden.

Visionen nicht aus den Augen verlieren
Grund zum Feiern hat in diesem Jahr Omanut, das Forum für jüdische Kunst und Kultur, mit seinem 80-Jahr-Jubiläum. Von Juni an ist nun ein interessantes Programm geplant. So zeigt Omanut zum Beispiel vom 30. Juni bis zum 8. August anlässlich des Jubiläums eine zweiteilige Ausstellung: Zum einen eine Auswahl der zahlreichen Collagen des Frankfurter Kaufmanns und spätberufenen Künstlers John Mayer Elsas (1851–1935) im Zürcher Strauhof und zum anderen das erste Jahrzehnt der Vereinsgeschichte, also die Kriegs- und Nachkriegsjahre 1941 bis 1951. Präsidentin Karen Roth-Krauthammer freut sich, dass neben dieser Schau auch alle weiteren geplanten Anlässe nun wieder stattfinden können. Auf die Frage danach, ob Omanut nach wie vor auch die Vision eines festen Standorts verfolgt und das Nomadentum aufgeben wird, sagt sie: «Gerade in der Corona-Zeit ist die Bedeutung eines Orts der Begegnung offensichtlich geworden und wir versuchten schon immer, Räume und ihre Ausstrahlung ganz bewusst auf unsere Anlässe abzustimmen. Das ist ein kreativer Akt und macht Spass, doch natürlich würde es uns auch reizen, einen eigenen, multifunktionalen Raum zu bespielen und auszuloten.» Sie betont aber auch, dass das Nomadentum zu einem unglaublich reichen Netzwerk geführt habe, das immer wieder Experimente erlaube. «Als Ergänzung wäre aber ein kleiner und flexibler Ort, an dem wir andere Dinge ausprobieren könnten, sehr reizvoll und ein Ziel, dass wir auch im Jubiläumsjahr nicht aus den Augen verlieren», so Karen Roth-Krauthammer.

Historische Wandmalereien
Auch in Zürich sorgt ein vergleichsweise neues Projekt für Aufmerksamkeit. Im Jahr 1996 hatte die Stadtarchäologie unter der Leitung von Dölf Wild, heute Vizepräsident des Vereins Brunngasse 8, Wandmalereien in der Brunngasse 8 entdeckt. Das Haus in der Zürcher Altstadt gehörte einst einer wohlhabenden jüdischen Familie, die die Malereien in Auftrag gegeben hat. Sie stellen ein Unikat dar und ermöglichen einen im europäischen Kontext einmaligen Blick in die Lebenswelt einer vornehmen jüdischen Familie des 14. Jahrhunderts. Das kleine Museum Schauplatz Brunngasse will es dem Publikum ermöglichen, das Haus mit seinen prächtigen Malereien kennenzulernen. Das Angebot wird bisher gut angenommen, so Wild, «auch von der Politik, indem Stadt und Kanton Zürich mit ausgesprochen gutem Willen Beiträge zu dessen Betrieb gesprochen haben». Offiziell eröffnet wurde der Schauplatz Brunngasse erst am 4. November 2020 – kurz darauf musste das Museum aufgrund von Corona schon wieder schliessen. «Wir wissen aber aus der Zeit davor, als nur die Malerei im Treppenhaus in der Reihe der ‹Archäologischen Fenster› per hinterlegten Schlüssel zugänglich war, dass das Interesse recht gross war. Damals rechneten wir, ohne jede Werbung, mit rund 2500 Personen jährlich», so Dölf Wild gegenüber tachles. Die Jüdische Liberale Gemeine Or Chadasch organisiert zusammen mit dem Verein Brunngasse eine Online-Vortragsreihe mit Beteiligung von renommierten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, welche regelmässig bis zu 150 vorwiegend lokale Zuhörerinnen und Zuhörer anlockt. Wie man an den Referentinnen und Referenten sehen könne, werde die Neugründung in Zürich auch international beachtet, so Wild. Für den kommenden November ist an der Brunngasse ein Workshop der Arbeitsgruppe Mittelalter im «Netzwerk jüdisches Kulturerbe» zum Thema «Antijüdische Polemik im Mittelalter» geplant. Angeboten werden sollen auch in Zukunft Vorträge, Workshops, Tagungen und Führungen für alle interessierten Personen und Gruppen aus Zürich und Umgebung, aber auch aus dem In- und Ausland. Nach den Zielen gefragt, sagt Dölf Wild: «Wir sind noch im Aufbau. In einer ersten Phase haben wir nun den Schauplatz Brunngasse durch bauliche Massnahmen und einen Präsenzdienst besser zugänglich gemacht. In der nächsten Phase wird eine professionelle, mehrsprachige Präsentation erarbeitet, ebenso ein Veranstaltungsprogramm. Im weiteren soll die wissenschaftliche Erforschung der Malerei und der jüdischen Gemeinden im mittelalterlichen Zürich angeregt und begleitet werden.»

Engagement auf unterschiedlichen Ebenen
Es tut sich etwas hinsichtlich der jüdischen Kultur – auch im Haus der Religionen am Europaplatz in Bern. Hier praktizieren acht Religionsgemeinschaften das Zusammenleben unter einem Dach und den Dialog mit der Öffentlichkeit. So haben Hindus, Muslime, Christen, Aleviten und Buddhisten hier ihre eigenen Religionsräume. Juden, Bahai und Sikhs beteiligen sich am inhaltlichen Programm; der Dialogbereich für Bildungsangebote, Familien- und Jugendarbeit, Ausstellungen, Vorträge, Diskussionsrunden und verschiedene kulturelle Veranstaltungen stösst seit 2014 auf grosses Interesse. Die Stiftung Europaplatz finanziert die Immobilie und vermietet dem Verein «Haus der Religionen – Dialog der Kulturen» die Räumlichkeiten.

Neben den bereits bestehenden Institutionen wird aktuell in der Schweiz über ein offizielles Denkmal für ihre Opfer des Nationalsozialismus diskutiert. Bisher fehlt der Schweiz eine offizielle Stätte der Erinnerung. Dem Bundesrat liegt nun ein entsprechendes Konzept vor (vgl. tachles 21/21). Gemäss Konzept soll diese allen Opfern des Nationalsozialismus Ehre erweisen: Verfolgten, Entrechteten und Ermordeten, Jüdinnen, Schweizern, Minderheiten, Oppositionellen, wie auch den an der Grenze zurückgewiesenen Flüchtlingen. Naomi Lubrich sagt, dieses «Moment» in der Schweiz erinnere sie an das Berlin der Jahrtausendwende, als das Jüdische Museum, das Holocaust-Mahnmal und die Topographie des Terrors gleichzeitig Monumentalprojekte planten. Mehrere Projekte gemeinsam können mehr bewirken und mehr Aufmerksamkeit generieren als einzelne Vorhaben. So resümiert die Direktorin des Jüdischen Museums in der Schweiz: «Ein Thema findet mehr Anklang, wenn sich viele dafür aussprechen.» Man darf also gespannt sein, wie die jüdische Museumslandschaft in einigen Jahren aussehen wird. 
www.juedisches-museum.ch
www.doppeltuer.ch
www.schauplatz-brunngasse.ch
www.omanut.ch
www.haus-der-religionen.ch

Valerie Wendenburg