Sarah Stroumsa, emeritierte Rektorin der Hebräischen Universität Jerusalem und weltweit führende Mediävistin im Bereich jüdisch-islamischer Geistesgeschichte, über jüdisch-muslimisches Zusammenleben, Denken und Wirken, einst und heute.
tachles: Sie forschen seit Jahrzehnten über das Zusammenleben von Juden, Muslimen und Christen im Mittelalter – ein Thema, das heute kaum neutraler Boden ist. Wie sind Sie überhaupt dazu gekommen?
Sarah Stroumsa: Nicht durch die Hintertür der politischen Aktualität, das sage ich gern. Mein Studium begann mit moderner Nahostgeschichte – und ich fand sie schlicht nicht faszinierend genug. Was mich dann wirklich gepackt hat, waren die Texte selbst: Theologen, Philosophen, Historiker, Juristen des Mittelalters. Ich habe diese Texte gelesen und sie haben mich nicht mehr losgelassen. Das Thema der religiösen Verflechtung kam gewissermassen als Nebenprodukt – ich bin kein Sozialhistoriker, aber die sozialen Kontexte drängen sich beim Lesen auf. Manchmal ist es schön zu lesen, manchmal ernüchternd. Menschen waren damals dieselben wie heute, mit allen Formen von Engstirnigkeit, aber auch von Offenheit.
Das «Goldene Zeitalter» ist in der Öffentlichkeit sehr umstritten. Benny Morris schwärmte davon – und widerrief später. Hat es dieses Goldene Zeitalter gegeben?
Es hat mehrere Goldene Zeitalter gegeben, an verschiedenen Orten und zu verschiedenen Zeiten – und sie haben aufgehört, golden zu sein. Der Begriff selbst ist entscheidend: Wenn wir vom jüdischen Goldenen Zeitalter in Spanien oder Bagdad sprechen, meinen wir ein kulturelles Goldenes Zeitalter, kein politisches. Es ist eine Zeit des Schreibens, der Kunst, der Philosophie. Toleranz im modernen Sinne war kein mittelalterliches Konzept – Toleranz wurde damals eher als Verrat an den eigenen Überzeugungen verstanden. Nehmen Sie das zehnte Jahrhundert auf der Iberischen Halbinsel, den Höhepunkt des jüdischen Goldenen Zeitalters. Genau in dieser Zeit gibt es in Granada eines der seltenen Pogrome in der muslimischen Welt gegen Juden, die zu viel Macht erlangt hatten. Das Goldene Zeitalter ist also real, aber es war kulturell – und nichts kann es wegnehmen. Für eine Gemeinschaft, die Kultur entwickelt, braucht es politischen Spielraum, eine Lizenz zu leben und die eigene Kultur zu pflegen. Und ein entscheidender Faktor dabei war die gemeinsame Sprache.
Die gemeinsame Sprache?
Vom siebten bis zum dreizehnten Jahrhundert las ein Grossteil der Bevölkerung in einem riesigen Gebiet von der iranisch-indischen Grenze bis zum Atlantik zumindest Arabisch. Juden und Christen behielten ihre sakralen Sprachen, Hebräisch, Aramäisch, Syrisch. Aber die Alltagssprache, auch zu Hause, auch in Rechtsfragen, auch in der Philosophie, war Arabisch. Wenn alle in derselben Sprache schreiben, steigt die Wahrscheinlichkeit, sich für das zu interessieren, was der andere sagt. Manchmal lehnte man es ab, manchmal polemisierte man dagegen, aber man hörte zu.
Kann man von interreligiösem Dialog sprechen?
Eher nicht. Ich würde lieber von Debatte oder Polemik sprechen. Es ging meist nicht darum, Brücken zu bauen, sondern darum zu zeigen, dass die eigene Religion die bessere ist. Es gab die literarische Form der Disputation, die im christlichen Europa Juden in eine sehr unangenehme Lage bringen konnte – am Ende stand oft die Aufforderung zur Konversion. Im frühen islamischen Mittelalter gab es dagegen die Praxis des Majlis: Ein Würdenträger, ein König oder Vezier, versammelte um sich Menschen mit intellektuellen Fähigkeiten – Dichter, Philosophen, Gelehrte verschiedener Religionen – und liess sie diskutieren. Manchmal scharf polemisch, manchmal wirklich offen. Und en passant tauchen in anderen Texten gelegentlich echte Gespräche auf, bei denen Menschen schlicht Interesse an der Überzeugung des anderen hatten.
Hat der heutige Konflikt zwischen Juden und Muslimen seine Wurzeln in diesen mittelalterlichen Texten?
Nein, und ich sage das klar: Intoleranz hat nicht 1948 begonnen. Das mittelalterliche islamische Recht stellte Juden und Christen als tolerierte Minderheiten in eine niedrigere Position – das war die Grundvoraussetzung. Wenn politische, wirtschaftliche oder andere Konflikte aufflammten, kamen religiöse Spannungen an die Oberfläche. Das ist heute nicht anders als damals. Was sich verändert hat, sind die politischen Kontexte, nicht die menschliche Natur. Aristoteles sagt: Alles, was der Möglichkeit nach existiert, kann zur Wirklichkeit werden. Die Bibel enthält den Befehl zur Vernichtung Amaleks – und den Aufruf, den Fremden zu lieben. Der Koran enthält antijüdische Verse – und Verse, die zur Grosszügigkeit gegenüber allen Menschen aufrufen. In jeder Epoche heben Menschen bestimmte Texte hervor und andere nicht. Was sie dazu bewegt, sind selten die Texte selbst – meistens ist es der politische Kontext.
Sie haben viel zu Maimonides geforscht. Gibt es eine vergleichbare Figur in der islamischen Welt?
Nehmen Sie seinen Zeitgenossen Averroes: ebenfalls Arzt, ebenfalls Hofgelehrter, ebenfalls Richter, ebenfalls Philosoph, ebenfalls Rechtsgelehrter – und ebenfalls ein Mensch, der manchmal über den eigenen Horizont hinaussah. In dieser Hinsicht sind die beiden durchaus vergleichbar. Der weitblickende Universalgelehrte war ein Produkt seiner Zeit, keine Ausnahme. Was Maimonides wirklich einzigartig macht, ist ein paradoxer Vorteil: der Vorteil der Minderheit. Als wichtigste Autorität einer Minderheitsgemeinde hatte er keine Instanz über sich. Er konnte die Gesetze der Könige schreiben – weil kein König über ihm stand. Averroes war immer Höfling eines Königs. Maimonides war in seiner Gemeinde der Höchste – bestritten, beneidet, aber unübertroffen. Das gibt einem eine besondere intellektuelle Freiheit.
Was würde Maimonides heute über den Staat Israel sagen?
Unter Maimonides-Forschern gibt es einen Witz: Es gibt «meinen Maimonides» und «deinen Maimonides». Jeder möchte glauben, sein Maimonides würde heute denken wie er selbst. Ich traue mir diese Aussage nicht zu. Maimonides war ein Kind seiner Zeit. Manches, was er über Frauen oder Sklaven schreibt, würde mich heute in Rage bringen. Er sprach vom Tempelbau – und manche versuchen, ihn für nationalreligiöse Zwecke einzuspannen. Aber sein Modell eines idealen Staates war ein muslimischer König. Ich würde hoffen, dass seine natürliche Offenheit ihn heute zu bestimmten Schlüssen führen würde – aber ich weiss es nicht.
Sie waren die erste Rektorin der Hebräischen Universität. Der Campus gilt manchmal als Utopie, als ein Ort, wo Menschen aus allen Kulturen und Religionen studieren können. Ist er eine Utopie?
Das Wort Utopie ist zu schmeichelhaft. Es ist kein Idealzustand, der mühelos funktioniert – es ist tägliche Arbeit. Dieses Erbe geht auf Judah Magnes zurück, den Gründungsrektor. Es war nie einfach, auch nicht vor 1948. Der arabische Name des Campus bedeutet «Heiligtum» – und ein Heiligtum heiligzuhalten, ist harte Arbeit. Ich habe in meinen Seminaren Studierende gehabt, die jüdische Siedler waren, ultraorthodoxe Juden und tiefgläubige Muslime und Christen. Wenn ich sie am Jahresende zu mir nach Hause eingeladen habe, habe ich die politischen Aufkleber vom Kühlschrank entfernt – nicht weil ich meine Meinung versteckt hätte, man sieht mich bei Demonstrationen, sondern weil das Klassenzimmer ein Heiligtum ist. Und ich glaube, dass das gemeinsame Lesen von Texten eine Art Therapie ist. Wenn Juden, Christen und Muslime dieselben arabischen Texte lesen und merken, dass sie darin etwas Vertrautes finden, in anderer Form – das wirkt. Ich nenne es Texttherapie.
Religiöse Führer giessen gerade Öl ins Feuer. Was können Wissenschaftlerinnen wie Sie tun?
Ich glaube an den Kontext. Wenn die politischen Probleme gelöst werden, finden die meisten Menschen, dass sie ihr Leben leben wollen – und nicht Krieg führen. Das hat der Frieden mit Ägypten gezeigt, der Frieden mit Jordanien. Ich glaube, das ist auch mit den Palästinensern möglich – und das ist das Entscheidende. Was wir heute erleben, ist, dass religiöse Führer ihre religiöse Pflicht verraten. Sie könnten die Dinge beruhigen – stattdessen schüren sie. Das gilt für die Hamas-Führung, für den Iran – und es gilt auch für jüdische Führer. Jeshayahu Leibowitz hat das früh gesehen. Er wollte kein Prophet sein, aber er hat es klar gesehen.
Wie erleben Sie als Wissenschaftlerin den gegenwärtigen Krieg, der sich über Ihre gesamte Forschungsregion erstreckt?
Es ist eine furchtbare Situation. Ich bin in Haifa aufgewachsen, und meine Eltern haben mir über die nordlibanesische Grenze gezeigt und gesagt: Der Libanon wird das zweite Land sein, das Frieden mit Israel schliesst. Dann kam Sadat nach Jerusalem – und plötzlich schien alles möglich. Heute muss ich ehrlich sein: Israel macht viele schwere Fehler. Das ist meine Meinung als Bürgerin Sarah, nicht als Gelehrte. Den Palästinensern ihr Recht auf Selbstbestimmung zu verweigern, ist ein Grundfehler. Ich bin Zionistin – ich glaube, dass die Juden das Recht auf Selbstbestimmung in diesem Land haben. Aber genau deshalb müssen die Palästinenser dasselbe Recht haben. Das eine schliesst das andere nicht aus. Und dann ist da noch Hisbollah, nicht das libanesische Volk, sondern Hisbollah als Proxy des Iran, der die israelischen Bürger im Norden seit Jahren nicht leben lässt. Die Schuld ist weit verteilt. Es gibt genug Schurken in dieser Region. Ich hoffe, dass jene, die es anders wollen, stärker werden.