Die Geschichte wiederholt sich, wenn wir aus ihr Lehren ziehen, die wir nicht wirklich verstehen – Veränderung erfordert den Mut zu neuen Lösungen – ein Essay zum europäischen Holocaust-Tag vom 27. Januar
Das wissen wir aus der Schule: Wenn wir etwas lernen, müssen wir nach einer gewissen Zeit die Lektion wiederholen. Dies führt nicht unbedingt dazu, dass wir das Gelernte besser verstehen, sondern nur dazu, dass wir lernen, das Geforderte wiederholen zu können. In diesem Sinn ist die Geschichte eine Lehrerin. Sie erteilt Lektionen, wir lernen, aber wir zeigen, wenn wir das Gelernte brav wiederholen, dass wir vieles und oft Grundsätzliches nicht verstanden haben.
Warum Verstehen so schwerfällt
Ich schrieb «wir», ich meine mich selbst mit. Ich kann so vieles, das ich «von der Geschichte» gelernt habe, nicht verstehen. Vor allem verstehe ich nicht, wie ähnlich sich lange Vergangenes, nicht so lange Vergangenes und Gegenwärtiges immer wieder sein können. Ich kann zum Beispiel nicht verstehen, warum Staatenlenker andere Völker überfallen und Territorium erobern wollen, um ein Weltreich zu gründen. Denken Sie bei diesem Satz an Alexander den Grossen oder an ein Dutzend andere oder gleich an Hitler oder gar an Putin? Man darf nichts gleichsetzen, man kann alles vergleichen, aber ich kann schon grundsätzlich den Anspruch nicht verstehen, ein Weltreich gründen zu wollen. Ich kann auch nicht verstehen, wenn mit ungeheurem bürokratischen, finanziellem und logistischem Aufwand Institutionen aufgebaut werden, die nur die Aufgabe haben, Menschen zu bespitzeln, zu verfolgen, sie in Verliese, Gefängnisse oder Lager zu stecken, sie zu foltern und zu ermorden. Denken Sie bei diesem Satz an die Inquisition oder an das «Dritte Reich» oder an die DDR? Darf man das vergleichen? Das ist nicht meine Frage. Meine Frage ist: Kann man das verstehen? Diese immer wieder ausbrechende Aggression, dieser unmenschliche Fanatismus, mit Betonung auf «immer wieder». Die Geschichte ist ein Massengrab, das wir für das Fundament unserer Zivilisation halten, ein Fundament mit einigen Brüchen.
Bin ich naiv? Natürlich gibt es Erklärungen. Es gibt heute sogar Menschen, die die Aggression Putins glauben, erklären zu können, aber die meine ich nicht. Generationen von Historikern arbeiten an Erklärungen, sie analysieren Bedingungen, identifizieren Auslöser, leiten Konsequenzen davon ab, belegen ihre Darstellungen mit Quellen, mit einer faszinierenden Vielfalt von Methoden, die in der Zusammenschau ein grosses Mosaik ergeben – das keiner von uns überblickt. Aber auch wenn wir es könnten: Es bleibt diese grosse Kluft zwischen Erklären und Verstehen, eine Kluft, die uns daran hindert, auf die sichere Seite zu kommen. Die sichere Seite wäre dort, wo tatsächlich Bedingungen hergestellt werden konnten, die definitiv verhindern, dass so oder so oder anders wieder geschieht, was so oder so oder anders schon geschehen ist. Wo das «immer wieder» tatsächlich in einem verlässlichen «Nie wieder» erlöst wäre.
Jahr für Jahr wird anlässlich der Feier des Jahrestags der Befreiung von Auschwitz die Lektion wiederholt, die Lehre, die wir daraus gezogen haben sollen. Für die Schüler der Geschichte einprägsam zusammengefasst in den Merksätzen: «Dies soll nie wieder geschehen dürfen!» Und: «Wehret den Anfängen!»
Aus den Lehren lernen
Aber so, wie wir ritualisiert diese Lehre wiederholen, während in Europa und in der Welt reale Wiedergänger längst zugange sind, zeigen wir, dass unser Verständnis ein gut gemeintes Missverständnis und unsere Wahrheit eine Konstellation von Irrtümern ist, die uns die längste Zeit sehr genehm war. Der grösste Irrtum, das verhängnisvollste Missverständnis war und ist nämlich, dass der Nationalsozialismus zum Synonym für Faschismus wurde. Nicht unbedingt in der Wissenschaft, aber im öffentlichen Diskurs, also bei uns Schülern, wird Faschismus an der Skala der Verbrechen des Nationalsozialismus gemessen, was zwei aberwitzige Konsequenzen hat: Erstens wird dadurch der nicht nationalsozialistische Faschismus verharmlost (weil er ja nicht so schlimm war), während zweitens jeder, der den Faschismus, so wie er heute auftritt, Faschismus nennt, den Vorwurf bekommt, dass er dadurch den Nationalsozialismus verharmlose.
Auschwitz wurde zu einer Chiffre für die Einzigartigkeit des Bösen, die alle anderen Verbrechen in den Schatten stellte, in dessen Dunkelheit wir deren Dimension und deren Grausamkeit nicht mehr erkennen können oder wollen. Faschismus ohne Vernichtungslager sei noch lange kein Faschismus. Und wenn es doch Vernichtungslager gab, wie etwa nach dem faschistischen Putsch in Chile 1973, dann wurde auch noch differenziert: «aber». Aber dort wurden nur politische Gegner festgehalten, gefoltert und ermordet. Aber es wurde nicht systematisch, geradezu industriell gemordet wie bei den Nazis, und nicht wegen rassistischer und religiöser Gründe. Also war das «nur» eine nicht sehr sympathische Militärdiktatur, die nicht gemäss der Lehre aus der Geschichte («Nie wieder!» und «Wehret den Anfängen!») beurteilt werden musste. Ausgerechnet die Bundesrepublik Deutschland, damals regiert von einem sozialdemokratischen Kanzler, intensivierte damals die Zusammenarbeit mit Chile. Der Handel mit Chile erlebte nach dem faschistischen Putsch einen enormen Aufschwung und der damalige christdemokratische Generalsekretär besuchte Chile als Zeichen der Solidarität. Er besuchte auch das Stadion von Santiago de Chile, das damals als Konzentrationslager diente, und sagte nach seiner Rückkehr einen Satz, den man als zynisch bezeichnen kann oder aber als gelehrig im Sinn der Lehre aus der Geschichte, so wie sie eingeübt wurde. Er sagte: «Das Leben im Stadion ist bei sonnigem Wetter recht angenehm.»
Es war ja nicht Auschwitz. Und das ist nur ein Beispiel, das für mich eine besondere Bedeutung hat, weil ich damals, als blutjunger Mensch, zum ersten Mal diesen Gedanken hatte: Da passen die «Lehre» aus der Geschichte und der aktuelle historische Moment nicht zusammen!
Es ist noch nie offen ausgesprochen worden, ist aber auch eine Lehre: Dass Auschwitz zum Standard für die Beurteilung faschistischer Verbrechen wurde, hat den Faschisten in aller Welt, und bis heute überdeutlich in Europa, das Leben sehr erleichtert und deren Wachsen sehr befördert. Mit italienischen Postfaschisten oder österreichischen Alt-Neofaschisten kann man doch pragmatisch auskommen, solange sie keine Vernichtungslager planen, denn erst dann müssten wir die Lehre befolgen, die da lautet: «Nie wieder!»
Das Ringen um Zeugen
Das zweite grosse Missverständnis zeigt sich sorgenumwölkt: Es ist absehbar, dass es schon sehr bald keine «Zeitzeugen» mehr geben wird, die ihre Erfahrungen mit diesem Verbrechen berichten und diese beglaubigen können. Es gibt kein zentrales Register der Überlebenden von Konzentrationslagern. Niemand weiss, wie viele heute noch leben und wo sie sich befinden. Kinder unter 15 wurden bei der Ankunft in Auschwitz sofort ermordet. Manchen gelang es, sich als älter auszugeben und einen Aufschub des Überlebens zu gewinnen. Es kamen in Auschwitz aber auch Kinder zur Welt, von denen einige überlebten. Die jüngste bekannte Überlebende ist meines Wissens Angela Orosz-Richt, die im Dezember 1944 in Auschwitz zur Welt kam. Es ist kein Überlebender bekannt (ich betone: bekannt), der heute 100 Jahre oder gar älter ist. Das heisst, es gibt noch eine gewisse, unbekannte Zahl von Auschwitz-Überlebenden, die zwischen 80 und 99 Jahren alt sind. Aber mit grosser Wahrscheinlichkeit wird es in zehn, vielleicht schon in fünf Jahren niemanden mehr geben, der als Auschwitz-Überlebender auftreten und die Verbrechen bezeugen kann. Wir wissen, dass am 27. Januar 1945 in Auschwitz 416 Kinder befreit wurden, die 13 Jahre oder jünger waren. Also Jahrgang 1930 bis 1932. Ich stelle mir vor, wie im Jahr 2035 der letzte bekannte Überlebende des Vernichtungslagers Auschwitz auf einer Intensivstation liegt, sagen wir im Europe Hospital St. Michel in Brüssel, und wie dieser Mensch in seinem Siechtum und dann beim Begräbnis politisch instrumentalisiert wird. Wie eine autoritäre Regierung oder gar die Kommission einer in Nationalstaaten zerfallenden europäischen Union, Weihrauch schwenkend in pathetischer Ergriffenheit, «Nie wieder! Nie wieder! Nie wieder!» murmelt, in einem anschwellenden Pathosgesang, der von künftigen Tragödien selbstgerecht nichts wissen, sie nur unschuldig begehen will. Es wäre die überspitzte logische Folge des Missverständnisses, das schon die längste Zeit gepflegt wird: dass es Überlebende des grossen Verbrechens geben müsse, um künftige Generationen davor zu warnen. Ich bewundere jeden und jede, die es geschafft haben, über das Erlebte zu reden, reden zu können, öffentlich aufzutreten, davon zu berichten, aber ich verstehe nicht das gegenwärtige besorgte Geraune: Wenn das letzte Opfer, das das grosse Verbrechen überlebt hat und bezeugen konnte, gestorben ist, wenn niemand mehr da ist, der als «Zeitzeuge» auftreten kann – was dann?
Ja, was dann? Ist mit dem Tod der Zeugen das Verbrechen nicht mehr beglaubigt – das wäre einmalig in der Geschichte. Hat es die Hexenverbrennungen des Mittelalters nicht gegeben, weil keine Überlebende sie heute bezeugen kann? Das wird doch keiner ernsthaft behaupten wollen. Woher also diese Fetischisierung der Zeitzeugen von Auschwitz? Ich werde den Verdacht nicht los, dass in diesem besorgten Geraune, dass mit dem Tod der letzten Zeugen das Verbrechen verblassen werde, die Erleichterung mitschwingt, dass genau dies dann passieren könne: Auschwitz wird in der Geschichte absinken wie die Scheiterhaufen der Inquisition, die Kriege der Nazis werden so fern erscheinen wie die Feldzüge Alexanders, vielleicht wird Hitler von Strukturalisten gar mit Napoleon verglichen werden. Wie unschuldig wird dann der Faschismus erscheinen, so wie er schon heute auftritt! Ich will ja niemanden verstören, aber doch die Frage stellen: Ist die Art und Weise, wie wir die Lehre von Auschwitz ritualisiert wiederholen, nicht zugleich auch ein Freibrief für alle Verbrechen, die nicht ganz an Auschwitz heranreichen?
Das Problem der Einzigartigkeit
Ich habe noch nie gehört oder gelesen, dass jemand auf diesen Widerspruch hingewiesen hätte: dass einerseits der Holocaust einzigartig sei und dass andererseits verhindert werden müsse, dass er wiederholt werde. Wer in Betracht zieht, dass er wiederholt werden könne, widerspricht der Übereinkunft von der Einzigartigkeit des Verbrechens, das wir mit der Chiffre «Auschwitz» bezeichnen. Wer diesen Widerspruch hinnimmt, ohne ihn zu begreifen, ohne ihn auflösen zu wollen, hat sich vor der Geschichte für alle Taten, die er beging, begeht, begehen wird, bereits einen Freispruch erwirkt, solange sie nicht eine Wiederholung von Auschwitz sind.
Das beschreibt am Vorabend des Todes der letzten Auschwitz-Überlebenden die politische Entwicklung Europas und global der westlichen Welt (der sogenannte globale Süden hat dieses Problem nicht, weil er seine Verbrechen nicht am Massstab von Auschwitz messen muss, sondern sie noch in der äussersten Brutalität als Widerstand und Selbstermächtigung behauptet). Der aufkommende Faschismus in Europa, auf der Basis der Renationalisierung der Mitgliedstaaten der Europäischen Union, fühlt sich, gemessen an der Lehre, die wir aus der Geschichte gezogen und auf die wir uns in regelmässigen Wiederholungen geeinigt haben, völlig unschuldig. Mehr noch: Der moderne Faschismus stellt sich gar als konsequente Verwirklichung der Lehre aus der Geschichte dar, nämlich als wahre Demokratie - und nur dadurch, dass er Demokratie als Volkswille bezeichnet, wobei er selbst definiert, wer zum Volk gehört und wer nicht, verrät er seine Wurzel im Faschismus.
Ich werde traurig, während ich dies schreibe. Ich weiss schon, was sich gehört, aber ich muss doch auch diese Frage stellen: Wer hat sich bei der Gründung des Staates Israel vorstellen können, dass eines Tages Faschisten in der Regierung des Judenstaats sitzen werden?
Der Nationalstaat als Antwort auf den Nationalismus
Jetzt sind wir bei der Europäischen Union und bei Israel angekommen. Lassen wir die Floskeln beiseite («Nie wieder» und «Wehret den Anfängen» – heute muss man hier die Frage ergänzen: nur den Anfängen?), dann können wir über die grossen, zunächst revolutionären, weltpolitischen Konsequenzen reden, die nach dem Schock von Auschwitz möglich wurden. Die Einsicht, dass es der Nationalismus in seiner entfesselten Form war, der Europa und Teile der Welt in Trümmer legte und verantwortlich für die grössten Menschheitsverbrechen war, ermöglichte das davor Undenkbare und der Idee nach Vernünftige: nämlich die Überwindung des Nationalismus politisch in die Tat umzusetzen und eine bewusst gestaltete nachnationale Entwicklung zu beginnen, die Schritt für Schritt schliesslich zur heutigen EU, zu einem gemeinsamen Markt, einer gemeinsamen Währung, einer gemeinsamen europäischen Volksvertretung und einer gemeinsamen Verwaltung geführt hat, zu einem Europa ohne innere nationale Grenzen. Und zweitens hat der Schock von Auschwitz möglich gemacht, was realpolitisch davor undenkbar gewesen ist, nämlich die tatsächliche Gründung und Anerkennung eines Judenstaats, in dem zukünftig Juden souverän ihr Leben gestalten und vor Verfolgung sicher sein können.
Dieser Widerspruch war aber niemandem bewusst: eine nachnationale Entwicklung als Lehre aus der Geschichte und zugleich das Gegenteil, die Gründung eines ethnisch (und teilweise religiös) definierten Nationalstaats, ebenfalls als Lehre aus der Geschichte.
Der durch die Schoah legitimierte «sichere Hafen für Juden» befand sich von Anfang an im Krieg. Die Gründung Israels war offenbar nicht möglich, ohne dass sich dieser Staat von allem Anfang an Feinde im Kampf um das Territorium machte.
Dabei gab es, lange bevor Europa seine Lehre aus der Geschichte zog und eine nachnationale Entwicklung begann, ein in Ansätzen goldenes Zeitalter des Nahen Ostens, nämlich als Juden, Araber, Christen und Moslems gemeinsam in Palästina lebten und sie alle «Palästinenser» genannt wurden, bis der europäische Imperialismus und Kolonialismus die Menschen in Palästina auseinanderdividierte, unterdrückte und betrog. Und sich schliesslich guten Gewissens davon machte, weil er es als Lehre aus der Geschichte betrachtete, gleichwohl in welch verrückter Situation er Palästina zurückliess.
Mut zu neuen Lösungen
Die Uno-Resolution von 1947, die die Gründung Israels und die Anerkennung dieses Staats ermöglichte, war zweifellos eine Konsequenz des Schocks, der durch die Informationen über das Ausmass der Judenverfolgung in Europa weltweit herrschte. Die Uno-Resolution fand eine Mehrheit, weil es damals klar war, dass die Überlebenden der Schoah und die Juden für alle Zukunft eine Heimstätte haben müssen. Allerdings sah die Uno-Resolution von 1947 zwei Staaten vor: einen jüdischen und einen arabischen. Die Juden nahmen das Angebot an, die Araber nicht. Seitdem kämpfen die arabischen Palästinenser für einen eigenen Staat – den sie seit 1947 hätten haben können. Seitdem engagieren sich wohlmeinende Politiker, gute Menschen, für eine sogenannte Zweistaatenlösung, ohne dieser Lösung auch nur einen Schritt näher zu kommen. Man kann heute weltweit Politiker mitten in der Nacht aufwecken, sie kurz rütteln und fragen: «Wie kann man den Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern lösen?» Und sie werden sofort, noch halb im Schlaf, antworten: «Zweistaatenlösung! Natürlich Zweistaatenlösung!» Und dann gleich wieder weiterschlafen.
Ich habe schon gesagt, dass ich manches aus der Geschichte weiss, aber es im Grunde nicht verstehe. Ich verstehe nicht, warum auf eine «Lösung» insistiert wird, warum sie immer wieder verhandelt wird, wenn nicht gerade Bomben und Raketen fliegen, wenn sie fast 80 Jahre lang nicht realistisch umgesetzt werden konnte. Wenn sie seit fast 80 Jahren keine Einigung ermöglicht hat, wenn sie seit fast 80 Jahren immer wieder gescheitert ist, ich verstehe nicht, warum Menschen in Verantwortung, die sich als besonders friedliebend vorkommen, trotz aller historischen Erfahrung stereotyp wiederholen, dass sie natürlich für die Zweistaatenlösung eintreten, obwohl schon zwei Generationen vor ihnen daran gescheitert sind. Zwei ethnisch definierte Nationalstaaten im 21. Jahrhundert, wie absurd ist das denn! Auch wenn man es als Lehre aus der Geschichte bezeichnen kann. Aber ist die Lehre aus der Geschichte, wenn wir die Lektion wiederholen, nicht einfach genau das: Floskeln, die wir wiederholen, ohne ganz zu verstehen, was wir sagen?
Wie verrückt muss man sein, wenn man jahrzehntelang immer wieder nur aufs Neue wiederholt, woran man gescheitert ist? Was sagt das über die Geschichte aus, wenn wir über Jahrzehnte hinweg Politiker mit Wiederholungszwang beobachten? Darf man zur Abwechslung auch einmal kühn denken, und dies just in Anerkennung und Reflexion unserer historischen Erfahrungen? Auschwitz, die Schoah, war die radikalste Konsequenz einer ethnisch-nationalistischen Ideologie. Ist ein ethnisch definierter Nationalstaat wirklich die logische Antwort darauf? Zunächst mag es so erschienen sein. Ich erinnere mich, dass in meiner Familie manchmal, bei Jahrestagen, erzählt wurde, wie man beim Radio sass, als die Abstimmung in der Uno stattfand, sie wurde live übertragen, und wie man sich umarmte und küsste, vor einem ehemaligen Volksempfänger in Wien, als die Mehrheit erreicht war, die die Gründung Israels ermöglichte. Aber heute, mit einiger Distanz und mit der Erfahrung eines jüdischen Staates in ewigem Kriegs- und Bedrohungszustand, wäre es doch an der Zeit, sich zu fragen, ob man wirklich die richtigen Lehren aus der Geschichte gezogen hatte. Ob ein unausgesetzt bedrohter Staat, der stetig mit Raketen beschossen wird und mit einer Gnadenlosigkeit zurückbombt, die immer nur neuen Hass auslöst, nach der Schoah, die ihn begründete, wirklich Schutz und Frieden garantieren kann.
Ein europäisches Israel?
Ist es nicht (auch) so: Die Judenverfolgung, die schliesslich zur Schoah führte, ist doch ein europäisches Problem gewesen. Auch wenn die Gründung Israels eine Konsequenz davon war, so war es doch ein europäisches Problem. Aber Europa hat es nach Palästina exportiert. Dort ist das Problem nun eindeutig nicht lösbar. Also muss das Problem nach Europa zurückgeholt und im Sinne der Lehre aus der Geschichte gelöst werden. Wie kann Israel nach Europa zurückgeholt werden? Durch Mitgliedschaft Israels in der Europäischen Union. Wie kann Israel von dem zwar erklärbaren, aber letztlich doch unzeitgemässen Unsinn, ein ethnisch-religiöser Nationalstaat zu sein, erlöst werden? Durch Eintritt in die nachnationale Entwicklung der Europäischen Union.
Es wäre interessant zu sehen, wie Hamas und Hizbollah darauf reagieren würden, wenn Israel als EU-Mitglied die Beistandspflicht von 27 europäischen Staaten hätte. Aber vielleicht würde sich deren Feindseligkeit erübrigen, wenn alle Palästinenser, im Sinne von allen Bewohnern Palästinas, in einem gemeinsamen Rechtszustand leben könnten, nicht in zwei Nationalstaaten, sondern in einem gemeinsamen Palästina, auf der Basis der Menschenrechtscharta, die Verfassungsgrundlage der Europäischen Union ist. Warum nicht kühn denken? Statt zwei ethnisch definierten und verfeindeten Nationalstaaten, ein Israel-Palästina als Mitglied der EU, auf Basis der europäischen Menschenrechtscharta, die ja selbst auch als Konsequenz der Erfahrung von «Auschwitz» (als Chiffre für die Verbrechen von Faschismus und Nationalsozialismus) möglich war. Das wäre eine Lehre aus der Geschichte, die sich nicht aus bequem wiederholbaren Floskeln, sondern aus unseren Erfahrungen auch 80 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz und 77 Jahre nach so sinnlosen wie erfolglosen Verhandlungen über eine «Zweistaatenlösung» ableiten liesse.
Tausende Israelis verlassen heute Israel und kommen nach Europa, vor allem nach Deutschland, weil sie den Kriegszustand in Israel nicht mehr ertragen. Nach Deutschland! Zeigt diese historische Volte nicht, dass wir beginnen sollten, ganz anders zu denken, als es die alte Lehre uns vorzuschreiben scheint? Wir haben eine 80-jährige Geschichte, die uns die Einsicht in seither erlebte Erfahrungen und neue Lehren abverlangt. Angela Orosz-Richt, die schon erwähnte jüngste Überlebende von Auschwitz, sagte in einem Interview: «Meine eigenen Kinder haben immer mit den Augen gerollt, wenn ich ihnen gesagt habe, dass der Holocaust wieder passieren könnte. Aber heute bin ich mehr als früher davon überzeugt, dass er sich wiederholen kann.» Was sagt es uns, dass diese mutige und starke Frau, die in zahllosen öffentlichen Auftritten ihren Beitrag dazu leistete, dass der Holocaust sich nicht wiederhole, ihren eigenen Kindern sagte, dass er ziemlich wahrscheinlich wieder passieren könne?
Was wir nicht sehen
So vieles, das wir kennen, so gut, dass wir es sofort wiedererkennen, ist doch nicht erkannt. Ein Beispiel: Stellen Sie sich das Tor von Auschwitz vor. Das Bild ist so berühmt und so verbreitet, natürlich sehen Sie es jetzt sofort vor sich. Was sehen Sie? Das Tor mit der Inschrift «Arbeit macht frei». Schauen Sie genau. Was sehen Sie? Fällt Ihnen etwas auf? Nein? Der Buchstabe B im Wort «Arbeit» steht auf dem Kopf. Der Häftling Jan Liwacz, ein Kunstschlosser, wurde von der SS gezwungen, diese Buchstaben zu schmieden und über dem Tor anzubringen. Mithäftlinge berichteten, dass der Kopfstand des Buchstabens B ein bewusster Protest von Jan Liwacz war. Vielleicht sollte er auch eine Warnung sein, für alle, die vor diesem Tor ankamen und sich noch Hoffnungen machten. Sie sollten sofort sehen: Hier stimmt etwas nicht! Wappne dich! Das war die Botschaft – die heute niemand mehr sieht.
Sehen Sie es jetzt? Vor Ihrem inneren Auge oder wenn Sie das Bild googeln? Sehen Sie es? Zunächst unscheinbar, aber letztlich doch deutlich: das auf dem Kopf stehende B.
Es sagt: Hier stimmt etwas nicht. Und jetzt blicken Sie sich um, schauen Sie um sich! Was stimmt hier nicht? Es steht doch so einiges auf dem Kopf, das uns warnen sollte.