AUSSTELLUNG 09. Jan 2026

Eine jüdische Pionierin im Schatten ihres Gatten

Anni Albers mit ihrem Werk «Scroll» (1962).

Das Zentrum Paul Klee in Bern zeigt zum ersten Mal eine Einzelausstellung der jüdischen Textilkünstlerin Anni Albers und widmet ihr eine umfangreiche Retrospektive.

Annelise Else Frieda Fleischmann wurde am 12. Juni 1899 in Berlin als ältestes von drei Kindern von Antoine und Siegfried Fleischmann geboren. Ihre künstlerische Laufbahn begann sie 1922 am Bauhaus in Weimar mit dem Vorkurs und setzte sie ein Jahr später in der von Paul Klee geleiteten Werkstatt für Weberei fort. Als das Bauhaus 1925 nach Dessau zog, heiratete die schon mit grossen Wandbehängen hervorgetretene Künstlerin den Maler, Pädagogen und Kunsttheoretiker Josef Albers (1888–1976), der damals in jener Institution als Werkmeister für Glas tätig war. Sie nannte sich fortan Anni Albers. Unter diesem Namen wurde sie, nachdem das Paar 1933 Nazideutschland verlassen hatte, in den USA binnen weniger Jahre zu einer Berühmtheit.

Sie rief am interdisziplinären Black Mountain College in North Carolina, wo nebst dem Fotografen Aaron Siskind, den Komponisten John Cage und Stefan Wolpe auch die Maler Robert Rauschenberg und Cy Twombly studieren und Albert Einstein und Max Dehn später dozieren sollten, schon 1935 einen Webkurs für Studierende ins Leben. 1939 erwarb Albers die US-amerikanische Staatsbürgerschaft und gab zusammen mit ihrem Mann ein Jahrzehnt später die Lehrtätigkeit am legendären Black Mountain College auf.

Wirkungsvolle Ausstellungen
Zum hohen Ansehen der Textilkünstlerin trugen in erster Linie ihre stark beachteten Ausstellungen bei. Im Museum of Modern Art in New York wurde 1949 die Übersicht «Anni Albers Textiles» als erste Ausstellung einer Textilkünstlerin gezeigt. Auf diesen wirkungsvollen Auftakt folgten weitere Einzelausstellungen und 1969 die Beteiligung an jener einflussreichen Wanderausstellung, welche unter dem Titel «Objects: USA» drei Jahre lang an 33 Orten in den USA und in Europa dafür gesorgt hatte, dass textile Werke endlich weitherum als Bestandteil der Bildenden Kunst begriffen wurden.

Als ihr Mann 1976 in New Haven starb, wurde es um Anni Albers stiller. Ihre letzte Europa-Reise unternahm sie 1990, als ihr vom Royal College of Art in London der Ehrendoktortitel verliehen wurde. Am 9. Mai 1994 beendete sie an ihrem Wohnort Orange in Connecticut friedlich ihr langes Leben. Während sich im deutschsprachigen Raum seit den 1970er Jahren die Ausstellungen von Josef Albers häuften, hatte seine Frau lange das Nachsehen. Im Rahmen derAusstellung «Künstlerpaare – Künstlerfreunde» zeigte das Kunstmuseum Bern 1998/99 die Schau «Josef und Anni Albers. Europa und Amerika». Von ihrem Schattendasein erlöst wurde sie unlängst auf beeindruckende Weise in der Ausstellung «Widerstände. Jüdische Designerinnen der Moderne», welche vom 11. Juli bis 23. November dieses Jahres im Jüdischen Museum Berlin zu sehen war, wie tachles berichtete (vgl. 43/25).

Retrospektive in Bern
Unter dem Motto «Constructing Textiles» würdigt das Zentrum Paul Klee in Kooperation mit dem Museum Belvedere in Wien zum ersten Mal in der Schweiz das vielseitige Schaffen der Künstlerin mit einer längst fälligen Retrospektive. Mustergültig gestaltet wurde sie von Fabienne Eggelhöfer, Chefkuratorin am Zentrum Paul Klee in Bern, und von Brenda Danilowitz, Chefkuratorin der Josef and Anni Albers Foundation in Bethany, Connecticut, USA, massgeblicher Leihgeber der aktuellen Ausstellung. Ihr Titel ist identisch mit dem Essay «Constructing Textiles», das Anni Albers der im Bauhaus angewandten Handwebpraxis widmete.

Der grosse Abstand zwischen den Stellwänden und den einzelnen Exponaten lässt die textilen Werke atmen, sei es ein Wandbehang, ein Stoffmuster, ein Tischtuch, ein Trennvorhang oder ein Bettüberwurf. Ihnen allen gemein ist mit wenigen Ausnahmen eine konsequent abstrakte Formenkomposition mit wenigen Farben. Streng geometrisierte Bildelemente erzeugen in vertikaler und horizontaler Anordnung eine grosse Spannung. Von der weiträumigen Ausstellungsgestaltung profitieren auch die nach Entwürfen von Anni Albers gewobenen Teppiche und der zu den Hauptwerken zählende Wandbehang «We 791», auch «Black-White-Red» genannt, von 1926. In Baumwolle und Seide führte ihn 1964 Gunta Stölzl aus, die mit dem Architekten Arieh Sharon verheiratete erste Bauhaus-Meisterin, die nach ihrer Emigration in Zürich lebte und 1983 in Männedorf starb.

Die Experimentierfreudigkeit der Künstlerin, die meinte: «Es reicht nicht, dass Textilien hübsch sind!», kannte keine Grenzen. So erprobte sie, durch den Materialmangel während der Kriegszeit bedingt, ungewohnte Werkstoffe. Sie machte aus der Not vorübergehend eine Tugend und erwies sich als überaus erfinderisch. So arbeitete sie 1940/41 mit Metallspänen und entwarf sogar unter Verwendung von Haarklammern, Kunststoffringen und Ripsband zusammen mit Alexander Reed avantgardistische Schmuckstücke.

Paneele für einen Thoraschrein
Für den Thoraschrein in der Synagoge der jüdischen Gemeinde Emanu-El in Dallas, Texas, schuf sie 1957 anstelle von traditionell zur Seite schiebbaren Vorhängen acht bewegliche Paneele mit Farbfeldern aus blauen, grünen, goldenen und silbernen Lurexfäden. Im Ausstellungskatalog wird ihre stufenförmige, dynamische Komposition als «Geniestreich des modularen Designs» gerühmt. Den Auftrag zur Gestaltung eines Vorhangs für den Thoraschrein des neu errichteten Tempels erhielt Anni Albers von György Kepes, einem aus Ungarn stammenden Designer und Bildhauer. Mit seinen Buntglasfenstern gab er die leuchtenden Farbtöne für den maschinengewebten Stoff auf den Paneelen vor.

Weitere Aufträge für die Mitgestaltung einer Synagoge folgten für die Kongregation Bnai Israel in Woonsocket, Rhode Island, und für Kongregationen in Silver Spring, Maryland, und in Scarsdale, New York. Für den dortigen Westchester Reform Temple, den der Breuer-Schüler William Landsberg mitgestaltete, entwarf sie 1958 Vorhänge für den Altarbereich. Da es ihr das Arbeiten mit Lurex, einem aus Kunststoff mit metallischem Glitter bestehenden Garn, angetan hatte, machte sie davon auch in dem 1965/66 für das Jüdische Museum in New York geschaffenen Werk «Six Prayers» virtuos Gebrauch. Die sechs Wandteppiche aus Baumwolle, Leinen, Bast und Lurex sind auf Paneele aufgezogen und erinnern an die sechs Millionen Jüdinnen und Juden in Europa, die im Holocaust ermordet worden waren.

Wie Hans Arp schon Ideen seiner Frau Sophie Taeuber übernommen und in Kunstwerke umgesetzt hatte, so praktizierte es auch Josef Albers mit seiner Frau. Auf dem in der Berner Ausstellung gezeigten Gouache-Entwurf von Anni Albers für einen Wandbehang (1926) mit gleichmässigen Rechtecken in Rot, Schwarz und Weiss basiert die 1963 aus Kunstharzplatten bestehende Wandgestaltung im Pan American World Airways Building in New York.

Im Zentrum Paul Klee wird Anni Albers mit ihren vielen textilen Werken, Knotenzeichnungen, Serigrafien und Kupferblechradierungen höchst eindrücklich als vielseitige Pionierin in Erinnerung gerufen. Dass sie nicht nur eine begnadete Textildesignerin und Weberin mit starker Beziehung zur Architektur, sondern auch eine einflussreiche Denkerin und Theoretikerin war, bezeugen die Essay-Sammlung «On Designing» (1959) und das Buch «On Weaving» (1965), das sie nach ihrer inspirierenden Beschäftigung mit uralter Volkskunst ihren «grossartigen Lehrerinnen, den Weberinnen des alten Peru», widmete. l

«Constructing Textiles», Zentrum Paul Klee, Bern, bis 22. Februar.

Walter Labhart