Nach einem Pogrom im Jahr 1839 lebte die iranisch jüdische Gemeinde von Maschhad über ein Jahrhundert lang im Verborgenen weiter – offiziell als Muslime, im Geheimen als Juden.
Eine Ritualmordlegende und ein Massaker führten zur Zwangsbekehrung einer kleinen persisch-jüdischen Gemeinde zum Islam.
Maschhad – die Stadt gilt als eine der sieben heiligen Stätten des schiitischen Islam, hier befindet sich der Schrein des achten schiitischen Imams Reza als einzige Grabstätte eines Imams auf iranischem Boden – liess die Ansiedlung von Juden nicht zu. Dies änderte sich im 18. Jahrhundert unter Kaiser Nader Schah (1688–1747), denn dieser hatte ehrgeizige Pläne: Er wollte den Provinzort zu seiner Hauptstadt und zu einem Handelszentrum ausbauen. Bei seinen ehrgeizigen Plänen versprach er Unterstützung durch die Gründung einer jüdischen Gemeinde. Die Juden folgten seinem Ruf, als sie eintrafen, war Nader Shah tragischerweise bereits ermordet worden, die Juden mussten vor den Stadtmauern siedeln. Das Verhältnis mit ihren schiitischen Nachbarn war angespannt und gipfelte am 26. März 1839 durch eine falsche Anschuldigung zu einer Ritualmordlegende schliesslich in einem Pogrom. Dutzende Juden wurden ermordet, junge jüdische Mädchen zwangsverheiratet, jüdische Häuser und Geschäfte geplündert und niedergebrannt. Einer Legende nach wurden die sieben Thora-Rollen in den Mauern der Hauptmoschee der Stadt, dem Imam-Reza-Schrein, versteckt.
120 Jahre Doppelleben
Die Überlebenden des Pogroms mussten sich entscheiden: Konvertierung zum Islam oder der sichere Tod. Sie wählten das Leben und führten fortan für gut 120 Jahre ein Doppelleben, gaben sie sich als fromme Muslime aus, fasteten im Ramadan, besuchten die Moschee und trugen traditionelle muslimische Kleidung. Doch jedes Kind trug von Geburt an zwei Namen, einen offiziellen islamischen und im Geheimen einen jüdischen. Um Mischehen mit Muslimen zu vermeiden, verlobten die Krypto-Juden ihre Kinder mit anderen Kindern aus der Gemeinde, oft bevor diese vier oder fünf Jahre alt waren.
Praktiken wie die Beschneidung erregten aufgrund ihrer Praxis in beiden Religionen kaum Verdacht. Die Einhaltung der Kaschrut und des Schabbats erforderte hingegen ausgeklügelte Täuschungsmanöver. Nicht koscheres Fleisch wurde öffentlich gekauft, aber heimlich entsorgt.
Judentum im Verborgenen
Jüdische Ladenbesitzer öffneten ihre Geschäfte am Schabbat, vermieden es aber, Geld anzunehmen. Ähnlich wie bei den Anusim, hebräisch für «die Gezwungenen», in Spanien waren es auch in Maschhad die Frauen der Gemeinde, die die wichtigsten Hüterinnen des jüdischen Lebens wurden. Die Einhaltung der jüdischen Gesetze im häuslichen Bereich lag weitgehend in ihren Händen – die rituelle Reinheit der Familie, «taharat mischpacha». Unter ihren voluminösen Tschadors schmuggelten sie koscheres Fleisch, religiöse Gegenstände, Gebetsbücher und Haggadot.
Die Nationalbibliothek Israels beherbergt Objekte, die dieses düstere Kapitel in der Geschichte des iranischen Judentums dokumentieren. Es sind anschauliche Zeugnisse, dass die zwangskonvertierten Juden und Jüdinnen allen Gefahren zum Trotz im Geheimen die Gebote befolgten – auch am Pessachfest.