jerusalem 30. Jan 2026

Die Erdzeitalter

Die permanente Installation «Erdzeitalter der Welt» konfrontiert den Betrachter mit Kiefers fortwährender Auseinandersetzung mit Geschichte, Erinnerung und Zeit.

Das Israel-Museum Jerusalem erhielt anlässlich seines 60. Jubiläums Anselm Kiefers monumentale Installation «Erdzeitalter der Welt» – Einblicke in ein Faszinosum.

Suzanne Landau wurde im September 2023 zur Interimsdirektorin ernannt. Ihr jüngstes Projekt im Israel-Museum ist die Präsentation der Installation «Erdzeitalter der Welt», welche seit dem 18. Dezember 2025 für die Öffentlichkeit zugänglich und als dauerhafte Installation gedacht ist. Für Landauer hat dieses Werk Kiefers eine besondere Bedeutung: 1984 kuratierte sie eine Einzelausstellung seiner Arbeiten im Israel-Museum. Zu jenem Zeitpunkt war Anselm Kiefer noch nicht so berühmt wie heute. «Er war mehrmals hier und interessierte sich auch für die Kabbala», erinnert sich Landauer an ihre persönlichen Begegnungen mit Kiefer, «das Museum besitzt bereits andere Werke von ihm, aber dieses ist wirklich bemerkenswert. Für mich schliesst sich damit ein Kreis.»

Suzanne Landauer führte als fünfte Direktorin seit dem Ausscheiden von James Snyder im Jahr 2016 das Israel-Museum seit den Hamas-Terroranschlägen am 7. Oktober 2023 durch eine der schwersten Zeiten in Israels Geschichte. Auf eigenen Wunsch räumt sie in absehbarer Zeit ihren Posten, um sich neuen Aufgaben zu widmen. Die Suche nach einer neuen Geschäftsführung ist weit fortgeschritten und Suzanne Landauer wird ihren Nachfolger oder ihre Nachfolgerin anfangs begleiten, um einen reibungslosen Übergang für alle Beteiligten zu gewährleisten.

Das Potenzial der Zerstörung
Die monumentale Installation «Erdzeitalter der Welt» ist ein Meilenstein in Anselm Kiefers Werk. Sie evoziert Ruinen nach einer Katastrophe – ob natürlichen oder menschlichen Ursprungs – und eine Atmosphäre einer dystopischen, postapokalyptischen Zukunft. Die Verschmelzung von Materialien und Techniken offenbart verborgene Kräfte, die auf einen Transformationsprozess hindeuten. Für Kiefer bergen Zerstörung und Verfall das Potenzial zur Regeneration. Kiefers Installation wird von einigen Werken aus der Sammlung zeitgenössischer Kunst des Museums begleitet. Sie beleuchten die Dynamik zwischen Materie, Raum und Zeit und laden den Betrachter zu einer vielschichtigen Erfahrung von Bedeutungen und Interpretationen ein.

Die über fünf Meter hohe Skulptur entstand anlässlich von Kiefers Retrospektive 2014 in der Royal Academy of Arts in London. Nach der Eröffnung der Ausstellung erwarb Martin Margulies das Werk und installierte es in einem eigens dafür eingerichteten Raum in der Margulies Collection at the Warehouse, einer gemeinnützigen Kunstinstitution in Miami, Florida. Diese hatte der Kunstliebhaber gegründet, um seine Sammlung der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Die Margulies Collection zählt zu den bedeutendsten Sammlungen moderner und zeitgenössischer Kunst in den Vereinigten Staaten und umfasst Werke aus den Bereichen Malerei, Skulptur, Installation, Video und Fotografie. Ausstellungen der Sammlung sind regelmässig in der Margulies Collection im Warehouse im Wynwood Arts District von Miami zu sehen.

Die Natur des Kosmos
Seit 2015 ist im Warehouse eine Dauerausstellung monumentaler Werke von Kiefer zu sehen. Die imposante Skulptur «Ages of the World» besteht aus übereinandergeschichteten Leinwänden, die mit getrockneten Sonnenblumen, Felsbrocken, Bleibüchern und Erde durchsetzt sind, und wird von zwei grossformatigen Gemälden flankiert, die mit Wörtern Verweise auf unterschiedliche geologische Erdzeitalter geben, wie «Mesozoikum», «Kambrium», «Trias», «Jura», «Kreide» und «Tertiär». Kiefer erforscht die Beziehung zwischen Menschheit und der tiefen, zyklischen Natur des Kosmos und löst in «Zeitalter der Welt» die chronologische Achse auf, verwebt verschiedene Zeitebenen und lässt eine vielschichtige Vergangenheit die Gegenwart durchdringen.

Seine Reisen nach Israel inspirierten den Gegenwartskünstler, Geschichten aus der Hebräischen Bibel und Elemente der Kabbala in seine Arbeit einfliessen zu lassen. Seine raumfüllende Installation «Erdzeitalter der Welt» kann umschritten werden, sie mutet wie ein Scheiterhaufen an, kann aber auch als Metapher für den biblischen Turm zu Babel oder die Jakobsleiter interpretiert werden. Der prägende Einfluss seines Mentors, des verstorbenen deutschen Konzeptkünstlers Joseph Beuys, ist in vielen Arbeiten Kiefers deutlich zu spüren.

Die Schenkung «Erdzeitalter der Welt» ist das vierte Werk von Kiefer, das das Israel Museum erworben hat. Die anderen sind «Mohn und Gedächtnis», ein dreidimensionales Bleiflugzeug aus dem Jahr 1989, beschwert mit übergrossen Bleibüchern und getrockneten Mohnpflanzen; «Aaron», ein 1984 entstandenes Gemälde, inspiriert von der Judäischen Wüste und der biblischen Exodus-Geschichte, das für Kiefers frühere Ausstellung im Museum geschaffen wurde, und «Liliths Tochter», ein Werk von 1990, das sich mit der jüdischen Sagengestalt Lilith auseinandersetzt.

Erneuerung, Regeneration und Transzendenz
Anselm Karl Albert Kiefer, so sein vollständiger Name, wurde am 8. März 1945, kurz vor Kriegsende, als Sohn des Wehrmachtsoffiziers und Kunstpädagogen Albert Kiefer und seiner Frau Cilly im Luftschutzkeller eines Krankenhauses in Donaueschingen geboren. Als Kunstpädagoge förderte sein Vater die frühen bildnerischen Versuche des Sohnes und machte ihn mit bildnerischen Techniken wie Linolschnitt, Tonarbeiten, Sandmalerei sowie Wachskreide- und Mosaiktechniken vertraut.

Seine Werke wurden in bedeutenden Museen weltweit ausgestellt. In den letzten Jahren erhielt er zahlreiche Auszeichnungen, darunter den Internationalen Antonio-Feltrinelli-Preis für Kunst im Jahr 2023 und die J.-Paul-Getty-Medaille. Er wurde ausserdem mit grossen öffentlichen Kunstwerken beauftragt, darunter eine permanente Installation im Pariser Louvre und Arbeiten für das Panthéon.

Wiederkehrende Themen und Sujets in Kiefers Arbeiten sind überlieferte Mythen, Bücher und Bibliotheken. Nur wenige zeitgenössische Künstler haben einen so ausgeprägten Sinn für die Verpflichtung der Kunst zur Beschäftigung mit der Vergangenheit und ethischen Fragen der Gegenwart. Kiefers frühe Schaffensperiode war durch eine nahezu obsessive – wie einige Stimmen es bezeichnen – Auseinandersetzung mit der deutschen Geschichte bestimmt. Als erster deutscher Künstler hatte sich Kiefer nach dem Zweiten Weltkrieg auf das heikle Feld der Nazisymbolik begeben, hinterfragte die ideologische Herkunft des Nationalsozialismus und welche unheilvolle Wegbereiterfunktion deutschen Nationalmythen wie dem «Nibelungenlied» und der Figur des Hermann der Cherusker dabei zukam. Dies provozierte in den deutschen Medien über viele Jahre kontroverse Diskussionen über den Wert seines künstlerischen Schaffens. Durch die Rezeption von Celans Poesie habe Kiefer – so die Schweizerin Andrea Lauterwein in ihrer Dissertation über Kiefer – den Zirkel von Faszination und Ekel angesichts der nationalsozialistischen Phantasmagorie durchbrechen und auch die jüdische Sicht auf die Schoah bildnerisch verarbeiten können. Der Londoner Kunsthistoriker Norman Rosenthal schreibt zur Wirkung von Kiefers Bildern: «Sie mögen den Deutschen Schmerzen bereiten, aber im Ausland wird er auch deshalb bewundert, weil er komplexe Werke zur Hitler-Zeit, auch zum Judentum, geschaffen hat.» In seinen späteren Werkphasen finden sich neben Gnosis und der jüdischen Kabbala auch ägyptische und altorientalische Mythologien sowie Kosmogonien als Inspirationsquellen. Ende der 1980er-Jahre bekannte sich Anselm Kiefer in einem «Art Talk» zur Verantwortung der Kunst wie folgt: «Ich glaube, dass Kunst Verantwortung übernehmen muss, doch sollte sie nicht aufhören, Kunst zu sein. (…) Meine Inhalte sind vielleicht nicht zeitgenössisch, aber politisch.»

Für Kiefer ist Chaos eine Voraussetzung für Schöpfung und Zerstörung sowie eine Bedingung für Wiedergeburt. Diese Konzeption kommt in «Zeitalter der Welt» zum Ausdruck: Zerstörung und Verfall können das Potenzial zur Regeneration in sich bergen. Ergänzt wird Kiefers Installation «Erdzeitalter der Welt» durch Werke aus der Sammlung zeitgenössischer Kunst des Museums, darunter einige der jüngsten Erwerbungen. Sie spiegeln die Vielstimmigkeit von Kiefers Werk wider, beleuchten die Dynamik zwischen Materie, Raum und Zeit und laden die Betrachter zu einer Erfahrung vielschichtiger Bedeutungen und Interpretationen ein. Auch wenn Anselm Kiefer den unwiederbringlichen menschlichen Verlust und den kulturellen Niedergang beklagt, sprechen seine Werke dennoch von Erneuerung, Regeneration und Transzendenz. Dank der Schenkung und vermittelt durch die American Friends of the Israel Museum und die Martin Z. Margulies Foundation hat «Ages of the World» im Israel-Museum seine Heimat gefunden. «Erdzeitalter der Welt» und ihr Standort in Jerusalem spiegeln auch die tiefe Verbundenheit zwischen dem Israel-Museum, Martin Margulies und dem deutschen Künstler Anselm Kiefer wider. 

Gundula Madeleine Tegtmeyer