literatur 20. Feb 2026

An die Deutschen

Die russische Jüdin Julia Gourfinkel, welche unter den Pseudonymen Juliette Pary und Julia Renner schrieb, klagte in ihrem Gedichtband die deutsche Nachkriegsbevölkerung aufs Schärfste an.

Die jüdischen Dichter Karl Wolfskehl und Juliette Pary wandten sich aus dem Exil an die deutsche Nachkriegsbevölkerung – mit Gedichtbänden, die einen Titel teilen und dennoch gegensätzliche Perspektiven offenbaren.

Zwischen 1946 und 1947 erschienen zwei Gedichtbände mit dem Titel «An die Deutschen». Ihre Autoren waren beide Juden, die ins Exil fliehen mussten und ihre Werke dort veröffentlichten. Beide Bücher waren als Anklage und Vorwurf gedacht. Sie wurden auf Deutsch verfasst und waren an die deutsche Bevölkerung gerichtet. Der eine Band stammte vom weltbekannten Dichter und Meister der deutschen Sprache Karl Wolfskehl, der andere von der weitgehend unbekannten Dichterin Juliette Pary, die ihn unter dem Pseudonym Julia Renner schrieb.

Der verbannte Dichter
Wolfskehls Gedichtband erschien im damals noch jungen Origo-Verlag in Zürich. Es sollte das letzte vollständige Werk des bedeutenden jüdischen Dichters bleiben. Zu diesem Zeitpunkt lebte Wolfskehl bereits seit acht Jahren in Neuseeland, insgesamt verbrachte er 14 Jahre im Exil. Als einer der engsten Freunde von Stefan George war er wohl der bekannteste Dichter, der aus dem berühmten George-Kreis hervorging.

Das nur wenige Seiten umfassende Büchlein war eine wortgewaltige Anklage, geprägt von Bitterkeit und Heimweh, aber auch von Stolz und Selbstbewusstsein. Der Dichter wendet sich darin direkt an seine Leser in der zweiten Person Plural und spricht zu den Deutschen, die damals seine Anhänger, Bewunderer, Kollegen und sogar Freunde waren. Sie ermöglichten, dass deutschen Juden wie ihm, deren Wurzeln und Geschichte weit in die Vergangenheit Deutschlands zurückreichten und die selbst «deutscher» waren als die sogenannten Arier, ihre deutsche Identität, Kultur und Sprache entrissen wurden: «Euer Wandel war der Meine, / Eins mit euch auf Hieb und Stich. / Unverbrüderlich was uns eine, / Eins das Grosse, eins das Kleine: / Ich war Deutsch und ich war Ich. / Deutsche Gau hat mich geboren, / Deutsches Brot speiste mich gar, / Deutschen Rheines Reben goren / Mir im Blut ein Tausendjahr.»

Mit unvergesslichen Versen macht sich Wolfskehl eindrucksvoll zum Sprachrohr der damals fast ausgestorbenen deutschen Juden. Mit gemessenem Stolz, der durch die Schande nicht gemindert wurde, bekannte er sich in dem wohl berühmtesten Vers dieses Gedichts zu seinen Überzeugungen: «Zu mir traten eure Besten, / Zu mir, den die Flamme heisst – / Ob im Osten, ob im Westen: / Wo ich bin, ist deutscher Geist.»

Gegen Ende des Gedichts wechselt Wolfskehl zur informellen Anrede «du». Es bleibt unklar, ob er sich dabei an die Deutschen oder den deutschen Teil seiner zerbrochenen deutsch-jüdischen Identität wendet. Dieser «Abgesang» verstärkt die Tragik des Dichters, der ein Jahr später im Exil in Neuseeland starb und dessen Grabstein die Inschrift «Exul Poeta» («verbannter Dichter») trägt: «Wo du bist, du Immertreuer, / Wo du bist, du Freier, Freister, / Du der wahrt und wagt und preist – / Wo du bist, ist Deutscher Geist!»

Weder Dichterin noch Deutsche
Völlig unbekannt und fast vollständig in Vergessenheit geraten ist der wenige Monate zuvor erschienene Gedichtband mit demselben Namen: «An die Deutschen». Er wurde unter dem Pseudonym Julia Renner im Pariser Verlag Editions Réalité veröffentlicht. Es war bereits das zweite Pseudonym der jüdischen Autorin Juliette Pary (1903–1950), deren richtiger Name Julia Gourfinkel lautete. Trotz vieler Ähnlichkeiten – gleicher Titel, Anklage gegen die Deutschen, Verwendung der zweiten Person und auf Deutsch verfasst – könnten die beiden Gedichtbände nicht unterschiedlicher sein. Dies betrifft die formalen Aspekte, wie den Ort der Veröffentlichung – Zürich im Vergleich zu Paris – und die Qualität der Publikation: einen bibliophilen, zweifarbigen Druck in einer Auflage von 600 Exemplaren im Vergleich zu einer sehr einfachen Broschur. Jedoch hängt der bedeutende Unterschied mit der deutschen Dichterin zusammen, die weder Deutsche noch Dichterin war. Die russische Jüdin Pary wurde in Odessa geboren und arbeitete als Übersetzerin. Deutsch war nicht ihre Muttersprache. Tatsächlich hätte sie es vorgezogen, gar nicht auf Deutsch zu schreiben. Nur ihre Gedichte verfasste sie auf Deutsch, damit sie von den Deutschen verstanden werden konnten. «Ich bin eine rächende Judenstimm, / Die aus Euerem Mord ersteht / Und ich spreche zu Euch in Eurem Deutsch, / Damit Ihr mich versteht.»

Anders als Wolfskehl fühlt sich Pary nicht an bestimmte Umgangsformen oder eine gehobene Sprache gebunden. Sie verspürt weder Heimweh noch Verpflichtungen gegenüber der deutschen Kultur, obwohl sie sich sehr gut mit ihr auskennt und von ihr beeinflusst ist. In erster Linie betrachtet sie sich als Jüdin, die sich mit den Deutschen von damals auseinandersetzt: «Ich hab keine Muttersprache, / weil ich eine Jüdin bin. / Zu verkörpern meine Gabe, / Mich der fremden Sprach bedien (…) Es ist für mich ein Fluch, / Dass ich in dem verfluchten Deutsch / Gedichte schreiben muss.» Pary schreckt auch nicht davor zurück, die Verbrechen der Nazis auf äusserst anschauliche und teilweise sogar obszöne Weise zu beschreiben. Während Wolfskehl von Beleidigung spricht, scheint Pary aus reinem Hass und Rache zu schreiben. «Auf welcher Strasse deutsches Tier / Mit deutschen Waffen rollte. / In Lagern deutsches Nazi-Volk / peitscht blutig Russen-Knaben. / Es lässt in Dreck, Urin und Kot / Die Juden täglich baden. / In Dreck und Kot, bis alle tot!»

Ihre Unbekanntheit, die Tatsache, dass sie nicht ihre Muttersprache verwendete, ihre sehr direkte, unpoetische und vielleicht «undeutsche» Haltung – all dies hätte dazu führen können, dass dieses Buch vollständig in Vergessenheit geraten wäre. Juliette Pary starb im Jahr 1950 in Vevey. Zuvor war sie nach Palästina gereist, um als eine der ersten Journalistinnen über die Anfänge des Staates Israel zu berichten. Dort erkrankte sie an einer schweren Form der Dysenterie, von der sie sich nicht mehr erholen konnte.

In der Bibliothek der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich befindet sich ein Exemplar des Originalbuchs mit einer Widmung der Autorin an den bedeutenden Exilverleger Emil Oprecht. Da die Seiten des Buchs bis heute ungeschnitten sind, kann man davon ausgehen, dass er es selbst nicht gelesen hat. Glücklicherweise ist nun eine Neuauflage des Buches im Persona Verlag erschienen. Neben den nach wie vor relevanten und kraftvollen Worten dieser unbekannten Frau enthält sie auch ein sehr aufschlussreiches Nachwort von Andreas F. Kelletat mit vielen wertvollen biografischen Anmerkungen zu dieser fast vergessenen jüdischen Übersetzerin, Journalistin, Menschenrechtsaktivistin und Dichterin, die an die Deutschen schrieb. 

Oded Fluss