wien 25. Sep 2026

Band in die Vergangenheit

Von Hand geschrieben, über Generationen bewahrt: Die Objekte der Ausstellung sind stumme Zeugen eines gezwungenen Aufbruchs.

Bücher, Affidavits und Koffer erzählen in der neuen Wiener Ausstellung «Heimatlos» von Verlust und Neubeginn jener Juden, die 1938 aus Wien fliehen mussten.

Unersetzliche Bücher, 1933 und 1934 vom Grossvater für die Tochter von Hand zu Papier gebracht, erzählen von Familiengeschichten, Wiener Märchen und von den Häusern und Strassen in Grinzing. Affidavits künden von der Einwanderungserlaubnis in die USA und Koffer sprechen als stumme Zeugen vom Aufbruch ins Ungewisse. Diese und andere Memorabilien von ins Exil getriebenen Wiener Bürgern sind nun im Museum Judenplatz des Jüdischen Museums Wien zu sehen.

Flucht und Vertreibung
Nach dem «Anschluss» Österreichs im März 1938 begann in Wien die systematische Vertreibung der Jüdinnen und Juden der Stadt. Binnen kurzer Zeit wurde die seinerzeit drittgrösste jüdische Gemeinde Europas durch Emigrationen und Deportationen nahezu ausgelöscht. Jene, denen die Flucht ins Ausland gelang, verloren ihre Heimat, ihre vertraute Existenz, ihr Hab und Gut und ein Stück ihrer Identität. Es verschlug sie in alle Welt. Wiener Juden fanden Zuflucht in europäischen Ländern, in Nahost, Amerika, Asien und Australien. Die meisten kehrten nie mehr (oder nur besuchsweise) nach Wien zurück, entwickelten zwischen Heimweh, Nostalgie, Enttäuschung und Schmerz ein höchst ambivalentes Verhältnis zu ihrer Heimatstadt, die sie vertrieben hatte.

Der Verlust des Zuhauses und die Mühsal des Neubeginns waren eine enorme zusätzliche Bürde im Bemühen, in der Fremde – ohne Sprachkenntnisse, ohne adäquate berufliche Perspektive und ohne soziale Kontakte – Fuss zu fassen. Der eigentlichen Ausreise ging oft ein monatelanges Ringen mit bürokratischen Hürden voraus, Vermögen mussten offengelegt, Visa beschafft, Verwandte in Sicherheit gebracht werden. Andere flüchteten Hals über Kopf.

Vom Leben und Überleben
Die Ausstellung, kuratiert von Caitlin Gura, entstand in enger Zusammenarbeit mit Nachkommen der Geflüchteten. Beiträge und Leihgaben bedeutender Wiener Familien international bekannter Persönlichkeiten wie Randy Schoenberg, Jane Kallir, Tonia Eckfeld sowie Brendan Ciecko, Nachfahre des Theatermachers Arthur Hellmer, sind zusammengetragen worden. Viele Objekte sind erstmals öffentlich zu sehen. In ihrer Gesamtheit sind die Erinnerungsstücke, Dokumente, Amtsbescheide, Fotos und Briefe ein Band in die Vergangenheit und erzählen, ergänzt durch wissenschaftliche Materialien, vom Leben und Überleben zwischen New York und Shanghai. Das Ausstellungsprojekt wird von einem Katalog und von der Cuseum-App begleitet, die zusätzliche Hintergrundinformationen bereithält und zeigt, wie Erinnerung, auch im digitalen Raum, aufbereitet und bewahrt werden kann.

«Heimatlos. Wiener Juden im Exil», von 30. September bis 4. April 2027, im Museum Judenplatz in Wien.

Katja Behling