maccabiah 2026 10. Jul 2026

Für die Schweiz in Israel am Start

Laurent Rueff, Dvir Rothschild, Sepp Holtz, Gregory Elkiess, Sven-David Rueff, Michèle Krausz, Ethan Tolub, Rona Richter, Liliane Hamadani und Masha Epelbaum (v.l.).

Zwischen Wettkampf und Gemeinschaft erleben vier Schweizer Athletinnen und Athleten eine Maccabiah, die ihnen lange in Erinnerung bleiben wird – eine Reportage aus Israel.

Die Schweizer Delegation gehört an der Maccabiah zu den kleineren Teams. Sportlich setzt sie dennoch Ausrufezeichen. Die beiden 16-jährigen Tischtennisspieler Dvir Rothschild und Noam Lanzmann gewinnen im Doppel Bronze, Tennisspielerin Michèle Krausz kämpft sich bis in den Halbfinal vor, und Laurent Rueff steht gemeinsam mit seinem Bruder für die Schweiz auf dem Platz. Während Lanzmann aus Genf anreist, Rothschild in Jerusalem lebt, Krausz aus Zürich stammt und Rueff heute selbst in Israel zu Hause ist, verbindet sie in diesen Tagen dieselbe Erfahrung. Die Resultate erzählen jedoch nur einen Teil der Geschichte. Denn was den Schweizer Athletinnen und Athleten besonders in Erinnerung bleiben wird, sind nicht nur Siege und Medaillen, sondern Begegnungen, Freundschaften und das Gefühl, Teil einer jüdischen Gemeinschaft zu sein, die für zwei Wochen aus der ganzen Welt in Israel zusammenkommt.

Mehr als ein Wettkampf
«Es ist wie ein olympisches Dorf.» So beschreibt Lanzmann die Tage im Kfar Maccabiah. Die Juniorinnen und Junioren wohnen zusammen, teilen sich Zimmer, essen gemeinsam und verbringen auch ihre Freizeit miteinander. «Ich habe so etwas noch nie erlebt», sagt der 16-Jährige, der mit seinem Doppelpartner Dvir Rothschild ein Zimmer teilt. Die übrigen Mitglieder der Schweizer Delegation wohnen zwar im Hotel, doch über den Teamchat, gegenseitige Besuche an den Wettkämpfen und gemeinsames Mitfiebern fühlt sich Lanzmann dennoch als Teil der Mannschaft. «Es ist wie eine grosse Familie.»

Auch Rueff hebt die besondere Atmosphäre hervor. Der ehemalige Präsident von Maccabi Schweiz kennt internationale Turniere aus eigener Erfahrung, erlebt die Maccabiah aber als etwas Besonderes. «Es schwingt etwas mit, das schwierig zu beschreiben ist», sagt er. «Natürlich versucht auf dem Platz jeder zu gewinnen. Aber gleichzeitig herrscht eine lockere Art und eine schöne Verbundenheit.»

Auch Krausz erlebt eine Atmosphäre, die sie von anderen Turnieren nicht kennt. Im Hotel frühstücke man mit denselben Menschen, gegen die man wenige Stunden später auf dem Platz stehe. «Und dass wir alle Juden sind, ist besonders cool», sagt sie.

Rothschild entschied sich gegen das Elternhaus in Jerusalem und für das Kfar Maccabiah. «Ich wollte die ganze Erfahrung mitmachen», sagt er. Neben den Wettkämpfen gehören dazu gemeinsame Ausflüge und das Zusammenleben mit den anderen Junioren. «Die Verantwortlichen wissen genau, was Jugendliche mögen. Die Stimmung könnte nicht besser sein.»

Freundschaften neben dem Spielfeld
Gerade zwischen den Wettkämpfen entstehen Begegnungen, die ohne die Maccabiah wohl nie zustande gekommen wären. Im Kfar Maccabiah entwickelten sich vor allem unter den Juniorinnen und Junioren schnell neue Freundschaften. Lanzmann freundete sich mit den deutschen Tischtennisspielern an, Rothschild trainierte mit Athletinnen und Athleten aus Deutschland, den USA und Kolumbien. Besonders eng wurde der Kontakt zu den Argentiniern, die auf derselben Etage untergebracht waren. Einer seiner Höhepunkte war der gemeinsame Grillabend, an dem gleichzeitig Fussball geschaut wurde. «Als Argentinien 3:2 führte, sind sie komplett ausgerastet», erzählt er lachend. Kurz darauf verfolgten alle gemeinsam auch das Spiel der Schweizer Nationalmannschaft.

Auch Krausz fand auf den Tennisplätzen schnell Anschluss. Besonders mit den brasilianischen Tennisspielern verbrachte sie viel Zeit. Ein brasilianischer Trainer unterstützte sie sogar zwischen den Matches, und am Ende der Spiele sollen Trikots getauscht werden.

Rueff kennt viele Spieler bereits aus Israel oder von früheren internationalen Turnieren. Dennoch meint er, «man trifft Menschen, denen man sonst wahrscheinlich nie begegnet wäre. Und trotzdem merkt man sofort, dass man etwas Gemeinsames hat.» Gerade diese Verbundenheit mache für ihn den eigentlichen Charakter der Maccabiah aus.

Für die Schweiz, mitten in Israel
So unterschiedlich die Lebenswege der vier Athletinnen und Athleten sind, so unterschiedlich ist auch ihre Beziehung zur Schweiz und zu Israel. Gerade an der Maccabiah wird diese doppelte Verbundenheit für viele besonders spürbar.

Für Rueff stellte sich die Frage nie, für welches Land er antreten würde. «Seit ich denken kann, hatte ich eine Verbindung zu Maccabi Schweiz», sagt er. Schon als Kind spielte er im jüdischen Fussballclub in Basel, später engagierte er sich als Präsident von Maccabi Schweiz, bevor er vor sieben Jahren nach Israel auswanderte. Im Tennis lief er zwar meist für nicht jüdische Vereine auf. «Trotzdem habe ich mich immer auch als Vertreter des Judentums gefühlt», sagt er. «Es ist die Minderheit, zu der ich gehöre.» Dass die Maccabiah in Israel stattfindet, empfinde er nicht als Widerspruch. «Es ist eine schöne Symbiose – einerseits die Nationalität, andererseits die Verbundenheit mit Israel.»

Ganz anders ist der Weg von Lanzmann. Er wurde zwar in Israel geboren, lebt heute aber in Genf und fühlt sich dort zu Hause, obwohl er die Schweizer Staatsbürgerschaft noch gar nicht besitzt. «Ich bekomme sie bald», sagt er. Trotzdem sei für ihn immer klar gewesen, für die Schweiz anzutreten. Die Zugehörigkeit entstehe nicht nur über einen Pass, sondern auch über das Team und die gemeinsame Erfahrung.

Auch Rothschild lebt in Israel und besitzt über seinen Vater aus Basel den Schweizer Pass. Für Israel hätte er nur antreten können, wenn er zu den besten Spielern seiner Altersklasse gehört hätte. Die Schweiz bot ihm diese Möglichkeit und gleichzeitig einen neuen Zugang zu seinen familiären Wurzeln. Besonders gefreut habe ihn, wie viele andere Athleten sein Maccabi-Schweiz-Shirt tauschen wollten. «Das gibt einem das Gefühl, dass man wirklich mit Maccabi Schweiz verbunden ist.»

Für Krausz hat die Maccabiah noch eine zusätzliche persönliche Dimension. Zwei ihrer Kinder leben in Israel, die Reise verbindet für sie deshalb Sport und Familie. Auch ausserhalb der Maccabiah gehört die Verbindung von Sport und jüdischem Leben zu ihrem Alltag. Im TC Hakoah in Zürich gibt sie regelmässig Tennisunterricht für ultraorthodoxe Kinder sowie für eine orthodoxe Frauenmannschaft. Umso mehr beeindruckte sie, wie selbstverständlich an der Maccabiah Menschen unterschiedlichster religiöser Hintergründe gemeinsam Sport treiben. «Heute Morgen spielte eine Frau mit langem Rock und Kopfbedeckung – bei dieser Hitze. Das war beeindruckend.»

Erfolg auf dem Platz
Die sportlichen Erfolge kamen nicht von ungefähr. Hinter den Resultaten stehen jahrelanges Training und nicht selten Überraschungen.

Für Krausz war schon vor Turnierbeginn klar, dass die Konkurrenz stark sein würde. Beeindruckt habe sie vor allem die grosse Zahl israelischer Tennisspielerinnen und -spieler. «Von jedem Club wurden die Besten ausgewählt», sagt sie. Die Schweizer Delegation sei dagegen klein gewesen. Zugleich habe das Schweizer Trikot immer wieder Gespräche ausgelöst. «Sobald sie hören, dass wir aus der Schweiz sind, sagen viele: ‹Ah, Federer!›», erzählt sie lachend. «Die Schweiz und Tennis verbinden viele einfach miteinander.»

Ihr eigenes Turnier begann nervös. Erst als sie sich sagte, sie müsse einfach Tennis spielen und Spass haben, fand sie ihren Rhythmus. «Dann hat es plötzlich funktioniert.» Sie besiegte zwei israelische Gegnerinnen und kämpfte sich überraschend bis ins Halbfinale vor. Flexibilität war dabei ebenfalls gefragt: Oft stand erst am Vorabend fest, wann am nächsten Tag gespielt wurde. «Irgendwann haben wir einfach gelernt: Go with the flow. Am Schluss klappt es immer irgendwie.»

Auch im Tischtennis-Doppel passte vieles schnell zusammen. Rothschild und Lanzmann kannten sich vor der Maccabiah nicht, harmonierten aber auf Anhieb. «Wir haben uns sehr schnell verstanden und gut zusammengespielt», sagt Rothschild. Gemeinsam gewannen sie Bronze. Lanzmann freut sich über die Medaille, bleibt aber selbstkritisch: «Vielleicht hätte ich noch besser spielen können, aber es ist trotzdem eine Medaille.»

Rueff gewann bereits 2011 gemeinsam mit seinem Bruder an der europäischen Maccabiah in Wien Gold. Fünfzehn Jahre später nochmals gemeinsam für die Schweiz antreten zu können, bedeutet ihm viel. «Wir sind Tennis-Brüder seit eh und je», sagt er. «Dank Maccabi Schweiz können wir auch heute noch gemeinsam kompetitiv für die Schweiz spielen. Das ist etwas ganz Besonderes.»

Jetzt erst recht
Im Vorfeld war ungewiss gewesen, ob die Maccabiah wie geplant stattfinden würde. Nach den vergangenen Monaten erhielt das Motto «more than ever» («jetzt erst recht») für viele Teilnehmende eine besondere Bedeutung.

«Es ist ein Statement», sagt Rueff. Bei den Vorbereitungen habe er die Nervosität der Organisatoren und vieler Delegationen aus dem Ausland gespürt. «Man hat einfach gehofft, dass die Maccabiah stattfinden kann.» Umso wichtiger sei es, dass nun doch so viele Jüdinnen und Juden nach Israel gereist seien. «Manche sind zum ersten Mal seit Jahren hier, andere überhaupt zum ersten Mal. Das ist ein gutes Zeichen.»

Auch Krausz wurde vor ihrer Reise oft auf die Sicherheitslage angesprochen. «Natürlich ist das Risiko da», sagt sie. «Aber das musste ich ausblenden.» Vor Ort habe sie Israel anders erlebt als viele Menschen im Ausland. «Israel ist mit sich selbst beschäftigt.» Umso bewegender sei der Einmarsch gewesen. «Als wir ins Stadion eingelaufen sind und ich all die Juden aus der ganzen Welt gesehen habe, dachte ich: Das ist etwas ganz Spezielles.»

Vielleicht ist genau das die besondere Stärke der Maccabiah. Für zwei Wochen treten Resultate, Herkunft und Alltag in den Hintergrund. Stattdessen kommen Juden unterschiedlichster Generationen und aus Dutzenden Ländern zusammen, lernen einander kennen und entdecken, was sie verbindet. Die Medaillen werden irgendwann ihren Platz in einer Vitrine finden. Die Erinnerungen an diese Begegnungen dürften länger bleiben.

Emily Langloh