JUDENTUM 24. Jul 2026

Zwischen den Welten

Nicht weisse Juden und Jüdinnen müssen oft ihre jüdische Zugehörigkeit beweisen – Jugendliche aus den USA sprechen über ihre Erfahrungen.

Vier junge Menschen erzählen, wie sie ethnische Zugehörigkeit, Religion und Kultur unter einen Hut bringen – und warum sie es leid sind, ständig beweisen zu müssen, dass sie dazugehören.

Als das Pew Research Center im Jahr 2020 Nachforschungen anstellte, gab es in 17 % der jüdischen amerikanischen Haushalte ein Kind oder einen Erwachsenen, der nicht weiss oder multiethnisch war. Während viele nicht weisse jüdische Teenager diese Identitäten schätzen, berichten sie auch von Herausforderungen – angefangen davon, ihr Judentum «beweisen» oder erklären zu müssen, bis hin zum Gefühl, in Synagogen und anderen jüdischen Umgebungen ausgeschlossen oder unwillkommen zu sein.

Manche Jugendliche finden Freunde über die voneinander abgeschotteten Gemeinschaften an ihrer Highschool hinweg, während es anderen schwerer fällt, mit ihren vielschichtigen Identitäten umzugehen. Die Jewish Telegraphic Agency bat kürzlich vier multiethnische jüdische Jugendliche, darüber zu sprechen, wie es ist, sich in Räumen zu bewegen, in denen andere von ihnen erwarten, dass sie sich einer einzigen Identität zuordnen. Sie berichteten von Erfahrungen, bei denen ihre persönliche Identität infrage gestellt wurde, und davon, wie sie darauf stolz sind, mehreren Kulturen und Traditionen gleichzeitig anzugehören. Die hier wiedergegebenen Äusserungen basieren auf Gesprächen mit den Autoren. Sie wurden aus Gründen der Länge und Verständlichkeit redaktionell bearbeitet.

Raiva Lessing, 17, Inderin und Aschkenasi
Als ich jünger war, war mir nicht klar, worin der Unterschied zwischen Religion und ethnischer Zugehörigkeit bestand. Also sagte ich immer: «Ich bin Inderin und Jüdin.» Aber als ich mich näher damit beschäftigt habe, habe ich erkannt, dass die ethnische Zugehörigkeit und die Religion ganz unterschiedliche Dinge sind. Deshalb sage ich jetzt einfach: «Ich bin halb Inderin, halb Weisse» oder «Ich bin halb Hindu, halb Jüdin.» Ich mag es nicht, wenn Leute einfach Vermutungen anstellen, ohne wirklich zu fragen.

Im ersten Jahr an der Highschool habe ich versucht, zu einer Gruppe für jüdische Schüler und Schülerinnen zu gehen, weil ich die Schule kennenlernen wollte. Einer der Schüler meinte: «Du kannst hier nicht sein, du bist Inderin.» Und ich sagte: «Ich bin buchstäblich Jüdin.» Und sie sagten: «Sag ein Gebet auf.» Also habe ich ein Gebet rezitiert, und dann sagten sie: «Übersetz es.» Ich dachte mir: «Könntest du es übersetzen? Ich glaube nicht.» Immer wenn ich esse, fragen sie mich: «Oh, ist das koscher?» Ich habe das Gefühl, ständig auf die Probe gestellt zu werden, was irgendwie seltsam ist.

Viele Leute sagen: «Du bist eigentlich gar nicht jüdisch, dein Vater ist jüdisch», aber das ist so altmodisch. Und man darf sich so identifizieren, wie man will.

Mein Opa ist ein Holocaust-Überlebender, und er hat an meiner Schule einen Vortrag gehalten, und da haben die Leute dann so gesagt: «Oh, komm doch zur jüdischen Schülervereinigung.» Aber vorher haben sie mich nicht wirklich so akzeptiert.

Ich habe meinem Opa davon erzählt, und er sagte: «Ich habe das alles nicht durchgemacht, damit sie einfach so etwas sagen. Meine Mutter war in einem Konzentrationslager, und ich war vier Jahre lang untergetaucht. Das können sie dir nicht wegnehmen – das ist Geschichte, das ist Herkunft.»

Ich verstehe die Neugier, zum Beispiel von denen, die mich fragen: «Was praktizierst du?» Aber viele Leute sagen, weil ich Hindu und Jüdin bin: «Wie kannst du zwei Religionen ausüben?» Ich weiss es nicht. Ich tue es einfach. Es geht niemanden etwas an, wie ich mich selbst definiere. Und ich glaube nicht, dass es ein Problem ist, zwei Religionen zu feiern. Das ist das Schöne an der Religion: Sie kann alles sein, was man will.

Mein Grossvater wusste eigentlich gar nicht, dass er Jude war, bis der Holocaust begann. Er war acht Jahre alt und wusste nicht einmal, was das Judentum war, weil seine Familie nicht religiös war. Nach dem Krieg wurde er sehr gläubig. Durch seine Geschichten habe ich eine viel stärkere Verbindung zu der jüdischen Kultur aufgebaut und versuche, mich mehr mit ihr zu identifizieren. Als ich jünger war, gingen wir in die Synagoge, und mir fiel auf, dass mein Bruder und ich die einzigen dunkelhäutigen Kinder im ganzen Raum waren. Ich fühle mich beobachtet, auch wenn niemand mich ansieht. Ich hatte nie das Gefühl, dass eine meiner Identitäten mehr zählt als die andere. Ich habe einen Aufsatz darüber geschrieben, verschiedene ethnische Hintergründe und Religionen zu haben, und habe ihn mit einer Analogie beendet: Multiethnisch zu sein, ist wie das Gehen auf einem Seil. Man schwankt gewissermassen von einer Seite zur anderen. Man kann sich zwar mehr zu einer Seite neigen, aber man muss trotzdem balancieren und geht immer noch auf dem Seil – und so stelle ich mir das Leben als multiethnische Person und mit zwei Religionen vor.

Gabriel, 17, hispanischer Herkunft und Jude
Keiner meiner Eltern ist jüdisch, aber ich bin bei einem Onkel aufgewachsen, der konvertiert war. Ich bin damit aufgewachsen, den Schabbat einzuhalten und alle Feiertage zu begehen, und das schon seit meiner Kindheit. Nach der Halacha (dem rabbinischen Gesetz, Anm. Red.) bin ich nicht jüdisch, aber ich bin gerade dabei, offiziell zu konvertieren.

Ich habe das Gefühl, dass ich gläubiger geworden bin, seit ich vor vier Jahren von Venezuela nach Amerika umgezogen bin. In Venezuela gab es vor der Diktatur eine jüdische Gemeinde. Doch dann kam Präsident Chávez an die Macht, und er war wirklich, wirklich antisemitisch. Er verfolgte die Menschen zwar nicht direkt, aber viele sagten, seine Rhetorik sei für Angriffe auf Synagogen verantwortlich.

Ich habe einfach das Judentum mit meinem Onkel praktiziert. Mein Onkel wohnte direkt neben meinem Haus, also fing ich an, regelmässig bei ihm den Schabbat und alle Feiertage zu begehen. Ich war im Sommercamp der Walden School in New Hampshire. Etwa 40 Prozent der Kinder waren jüdisch, praktizierten das Judentum aber nie. Und da ich mit der Zeit immer gläubiger wurde, brachte ich Kerzen mit und veranstaltete selbst diese Schabbat-Treffen und «Havdala»-Zeremonien. Ich lud viele meiner Mitcamper ein, daran teilzunehmen, und die grosse Mehrheit von ihnen kam. Es war eine wundervolle, unterhaltsame Erfahrung, bei der wir Menschen zusammenbrachten – ganz anders als bei einer üblichen Veranstaltung, die von der Camp-Leitung organisiert wurde. Es war wunderschön.

An meiner Schule gibt es keine grosse jüdische Gemeinschaft; die Mehrheit sind Schwarze, Hispanics, Asiaten, Koreaner und Inder. Sie fragen: «Ist deine Mama Jüdin?» Oder: «Warum bist du braun?» Es ist also irgendwie verrückt.

Mein Papa lebt in Spanien, daher übernehme ich die meisten jüdischen Aufgaben für meine Mama. Sie unterstützt mich sehr. Sie hilft beim Kochen für die Schabbat-Abendessen. Manchmal muss meine Mutter samstags einkaufen gehen. Dann muss ich sagen: «Mama, heute kann ich dir nicht helfen.»

Es ist schön, dass ich meine Familie zu den Schabbat-Abendessen einladen kann. Das ist gemeinsame Familienzeit, die es normalerweise nicht gibt, weil alle beschäftigt sind – für mich ist es also ein Versuch, mal einen Gang herunterzuschalten.

Rania Levin, 15, Inderin und Jüdin
Meine Mutter ist Inderin, und mein Vater ist aschkenasischer Jude. Ich bin in einem multikulturellen Haushalt aufgewachsen, in dem wir viele jüdische Feiertage und die hohen Feiertage begehen, aber auch einige indische Traditionen pflegen, und wir essen viel indisches Essen. Ich war schon in Indien und in Israel, und ich finde es wirklich cool, zu sehen, wie beide Teile meiner Identität gefeiert werden. Ich habe mich mit beiden Teilen meiner Identität sehr verbunden gefühlt, als ich an diesen beiden Orten war. In der Schule nehme ich an den Treffen der Jewish Student Connection und dem der South Asian Student Alliance teil. Ich möchte mich nicht für das eine oder das andere entscheiden, da ich beide als gleichwertig betrachte.

Abby Zarahn, 16, Chinesin und Jüdin
Meine Mutter ist Chinesin und mein Vater ist aschkenasischer Jude. Daher bin ich damit aufgewachsen, viele verschiedene Feiertage zu begehen, wie das Mondneujahr, Pessach und die hohen Feiertage, und verschiedene Traditionen zu pflegen. Das bedeutete, dass ich viele verschiedene und köstliche Speisen geniessen darf, was einer meiner Lieblingsaspekte daran ist, Chinesin und Jüdin zu sein.

Meine Eltern haben mir immer beigebracht, dass man nicht halb und halb ist. Man ist Chinesin und Jüdin, nicht halb Chinesin, halb Jüdin. Wenn man sich selbst als «halb» betrachtet, zwingt man sich gewissermassen in die Denkweise, dass nur die Hälfte der eigenen Freunde jüdisch sein kann und die andere Hälfte asiatisch sein kann, und dass man nur die Hälfte der Dinge erleben kann, die asiatische Kinder erleben, und die Hälfte der Dinge, die jüdische Kinder erleben. Sie haben mir ganz klar gemacht: Man kann sich zwar als halb und halb betrachten – denn genetisch gesehen ist man das ja –, aber wenn man draussen in der Gemeinschaft unterwegs ist, soll man sich als Teil beider Gemeinschaften sehen. Letztes Jahr habe ich mich mit einem Jungen aus meiner Klasse unterhalten, und als er herausfand, dass meine Mutter nicht jüdisch ist, meinte er: «Moment mal, dann bist du also technisch gesehen nicht jüdisch.» Und ich sagte: «Was meinst du damit? Ich war in einem jüdischen Sommercamp. Ich gehe fast jeden Sonntag in die Synagoge. Ich habe mich entschieden, zurückzukommen und als Lehrassistentin zu arbeiten, obwohl ich das nicht musste.» Das war für mich anfangs ein bisschen beängstigend. Erst da habe ich erfahren, dass die jüdische Identität traditionell über die mütterliche Linie weitergegeben wird. Das hat irgendwie geprägt, wie ich mich selbst sehe und auch, wie andere mich sehen.

In meiner Gegend gehört ein grosser Teil der jüdischen Bevölkerung der Reformbewegung an, die ein Kind als jüdisch betrachtet, wenn mindestens ein Elternteil jüdisch ist. Daher stelle ich fest, dass viele Kinder keine jüdische Mutter haben. Das verändert die Perspektive sehr.

Ich fuhr ins Camp Newman in Nordkalifornien. Es hat super viel Spass gemacht. Und es war schön, weil meine Hütte ziemlich vielfältig war. Es gab ein paar weisse Kinder, aber dann war da noch ein anderes asiatisch-jüdisches Mädchen, und es gab ein Mädchen, das schwarz und jüdisch war. Damals habe ich nicht darüber nachgedacht, aber als ich aus dem Camp zurückkam, wurde mir klar, dass ich Teil dieser wirklich coolen, vielfältigen Gruppe jüdischer Mädchen war.

Es gibt eine Sportmoderatorin namens Malika Andrews. Sie ist schwarz und jüdisch. Sie setzt sich in der männlich dominierten Sportbranche durch und ist eine Vorreiterin. Es ist wirklich cool, eine Jüdin mit multiethnischem Hintergrund zu sehen.

Dann gibt es noch Rabbinerin Angela Buchdahl. Sie ist eine berühmte koreanisch-jüdische Rabbinerin und Kantorin. Ihre Mutter ist eigentlich nicht jüdisch. Sie lebte einige Jahre in Korea, kam dann in die USA und arbeitet derzeit in einer grossen Synagoge in New York. Ich habe ihr Buch «Heart of a Stranger» («Herz eines Fremden») gelesen, und es ist eine wirklich interessante Geschichte. Sie spricht über die Herausforderungen, eine Jüdin mit multiethnischem Hintergrund zu sein – und zwar als Frau –, und sie erzählt von den Schwierigkeiten, mit denen meiner Meinung nach viele von uns im Leben konfrontiert sind. Dabei betrachtet sie alles aus einer jüdischen Perspektive, was ich super cool finde. Es ist für mich wirklich toll, jemanden zu sehen, der asiatisch und jüdisch ist und eine Position innehat, die in der jüdischen Gemeinschaft so hoch angesehen ist.

Abby Zarahn, Rania Levin