In Madrid galt der Bagel lange als Rarität. Das änderte sich mit Tamara Cohen. Die US-Amerikanerin mit sephardischen Wurzeln erhielt dank eines spanischen Gesetzes die Staatsbürgerschaft für Nachfahren der 1492 vertriebenen Juden und eröffnete 2020 das Bagel-Restaurant Mazál. Was aus persönlicher Sehnsucht nach vertrautem Essen begann, wurde rasch zu einem Treffpunkt jüdischen Lebens in der spanischen Hauptstadt. Cohen entdeckte in Spanien Spuren ihrer Familiengeschichte, von Jerusalem über die Türkei bis Kuba, und zugleich das Fehlen sichtbaren jüdischen Alltagslebens. Vor der Inquisition lebten Hunderttausende Juden auf der Iberischen Halbinsel, ihre Geschichte wurde brutal unterbrochen. Erst seit den 1960er Jahren entwickelte sich wieder vorsichtig jüdisches Leben, begleitet von Institutionen wie dem Centro Sefarad-Israel. Mazál zog nicht nur Neugierige an, sondern auch viele Juden, die auf vertraute Rituale warteten. Jeden Freitag verkauft Cohen Challot, inzwischen bis zu 150 pro Woche. Doch seit dem 7. Oktober 2023 ist jüdisches Leben in Spanien erneut unter Druck. Antisemitische Vorfälle nehmen zu, politische Kritik an Israel, auch durch Ministerpräsident Pedro Sánchez, prägt das Klima. Cohen hält dennoch an ihrem Projekt fest. Mazál sei ihr persönlicher jüdischer Ort in Madrid, sagt sie: Bagel am Sonntag, Challa am Schabbat und damit ein kleines Stück Zuhause in einem Land, in das ihre Familie nach Jahrhunderten zurückgekehrt ist.
Madrid
30. Jan 2026
Zeichen jüdischer Präsenz
Emily Langloh