deutschland 25. Nov 2022

Wie soll der Wiederaufbau aussehen?

Ein erster, nicht offizieller Entwurf von Kilian Enders ist dem usprünglichen Bau verpflichtet.

In Berlin und Hamburg werden zwei Synagogen wieder aufgebaut – über die Form wird zumindest in Hamburg heftig diskutiert.

Am Berliner Fraenkelufer soll die grosse, 1916 eingeweihte Synagoge wieder aufgebaut werden. Das Gotteshaus wurde in der Reichspogromnacht stark beschädigt, 1942 besetzten die Nationalsozialisten das gesamte Gelände. 1944 kam es bei einem Bombenangriff zu weiteren Zerstörungen. Die Reste des Hauptgebäudes wurden 1958/59 abgerissen. Nach dem Krieg wurde der noch erhaltene Seitenflügel, die ehemalige Jugendsynagoge zu Rosch Haschana 1945 wieder hergerichtet. Seit 1959 finden hier durchgängig Gebete und Gemeindeleben statt. Ein Wiederaufbau der Synagoge soll nun der in den letzten Jahren stark gewachsenen Gemeinde Rechnung tragen.

Der Vorschlag für den Wiederaufbau stammt vom Berliner SPD-Politiker Raed Saleh (vgl. tachles 07/19). 2018 konstituierte sich aus der Gemeinde heraus der Verein Jüdisches Zentrum Synagoge Fraenkelufer (JZSF), dem auch Saleh angehört. Der Verein möchte laut seinem Internetauftritt am Ort des ehemaligen Hauptgebäudes der Synagoge ein jüdisches Kulturzentrum errichten, das «sich in Grösse und Form am Original orientieren soll». Eine erste Visualisierung des Architekten Kilian Enders ist dem ursprünglichen Bauwerk verpflichtet, ist aber anders als der ursprüngliche Bau in strahlendem Weiss gehalten. Einen konkreten Entwurf für ein Gebäude gebe es jedoch noch nicht, sagt JZSF-Vorsitzender Dekel Peretz auf Anfrage von tachles. Anders als unter anderem im «Tagesspiegel» verlautet, ist die Grundsteinlegung auch nicht schon für 2023 geplant – 85 Jahre nach der Reichspogromnacht – sondern erst für etwa 2026. Der JZSF plant ein Gemeinde- und Kulturzentrum mit Kindertagesstätte, Bildungs- und Veranstaltungsräumen für kulturelle Anlässe sowie mit einem koscheren Café, in dem sich Nachbarschaft und Passanten begegnen können. Im Bau soll es auch zusätzlichen Platz für Betende geben, der an den hohen Feiertagen benötigt wird und den unterschiedlichen Bedürfnissen in der vielfältigen Gemeinde dienen soll. Der Bau solle über das Kulturprogramm für die ganze Stadtbevölkerung zugänglich sein und der regen jüdischen Kunst und Kultur in Berlin Rechnung tragen.

Verschiedene Initiativen
So soll das künftige Kulturzentrum etwa dem JZSF-Projekt «LABA Berlin» Raum bieten, dessen Programmdirektor Dekel Peretz ist. Das Projekt verbindet Kreative, die gemeinsam klassische jüdische Texte diskutieren und als Inspiration für ihr künstlerisches Schaffen nutzen. Ziel von «LABA Berlin» ist es, Diversität zu fördern und dazu beizutragen, jüdische Kunst und Kultur im alltäglichen deutschen Kulturleben wieder sichtbar zu machen. Daneben soll der Bau auch Räume für andere jüdische Graswurzelprojekte bieten, die sich im jüdischen Co-Working «Eruv Hub» austauschen. Eruv Hub setzt sich für den «(Mit-)Aufbau einer starken, nachhaltigen, zukunftsorientierten, inklusiven und diversen jüdischen Community in Berlin» ein.

All diese unterschiedlichen Bedürfnisse, die Gegebenheiten des Geländes sowie die Frage, wie an die Zerstörung des Gebäudes und die Schoah erinnert werden soll, warteten auf den künftigen Architekten des Gebäudes, sagt Peretz. Wie die Berliner Zeitung «B.Z.» im Juni berichtete, ist Engelbert Lütke Daldrup, der den Berliner Flughafen BER vollendete, zum Baubeauftragten der Synagoge ernannt worden. Peretz ist zuversichtlich, dass das Projekt bei Daldrup in guten Händen ist und sagt: «Wir sind gerade am Ende der Machbarkeitsstudie. Nächstes Jahr wird es einen Wettbewerb oder eine Auswahl geben.» Wie das Verfahren genau aussehen werde, sei momentan jedoch noch nicht entschieden. Klar sei jedoch, dass es kein Eins-zu-eins-Wiederaufbau werde, der Bau sich jedoch an das Original anlehnen solle. Dies aus Respekt vor dem historischen Bau und aus Interesse der Gemeinde und der Politik.

Wiederaufbau
Das Berliner Fraenkelufer ist zurzeit einer von zwei Orten in Deutschland, an dem eine Synagoge wieder aufgebaut werden soll. In Hamburg soll am Josef-Carlebach-Platz (ehemals Bornplatz) die Bornplatzsynagoge wiederaufgebaut werden, nachdem im September eine Machbarkeitsstudie positiv ausgefallen ist. Dazu Hamburgs Oberbaudirektor Franz-Josef Höing in einer Pressemitteilung der Senatskanzlei Hamburg: «Der berechtigte Wunsch der Gemeinde, dass der Neubau der orthodoxen Synagoge Anleihen nehmen sollte an die historische Anmutung der zerstörten Bornplatzsynagoge, ist eine reizvolle Aufgabe, die eine sicherlich sehr besondere, aber sehr wohl auch zeitgenössische Lösung zum Ergebnis haben kann.» Über das definitive Aussehen des Gebäudes soll ein Architekturwettbewerb entscheiden. Fest steht schon, dass das Bodenmosaik von 1988, das den Grundriss der zerstörten Synagoge auf dem Platz nachzeichnet, in den Neubau integriert werden soll. Im Februar hatten sich 45 Historiker, Künstler und Bürger aus Israel in einer gemeinsamen Erklärung gegen den Wiederaufbau gewandt und sich für den Erhalt des Bodenmosaiks ausgesprochen.

Erinnerung an den zerstörten Tempel
Das Fehlen einer Debatte darüber, wie der Neubau am Fraenkelufer aussehen soll, beklagt Daniel Yakubovich. Tatsächlich gibt es keine Diskussion wie in Hamburg. Der junge jüdische Architekt hat sich im Rahmen seiner Masterarbeit an der Universität der Künste Berlin mit dem Bauprojekt am Fraenkelufer auseinandergesetzt, das für ihn «die unvermeidliche und wohl unbeabsichtigte, aber unwillkürlich naheliegende Botschaft: ‹Lasst uns so tun, als wären die Kristallnacht, der Nationalsozialismus, der Holocaust nie passiert›», vermittelt. Seine Masterarbeit sieht er als einen alternativen Vorschlag zu der historisierenden Fassade, die die Visualisierung von Enders zeigt. In seinem Entwurf wird die ehemalige Jugend-synagoge in einen mehrgeschossigen, sandfarbenen Kubus integriert. «Das Gotteshaus wird äusserlich zum symbolischen Schutzraum und aussen wird eine grosse Klagemauer konzipiert.» Das Gebäude soll an den zerstörten Tempel in Jerusalem erinnern. Für seine Masterarbeit, die von Matthias Noell, Enrique Sobejano und Kay Zareh betreut wurde, hat Yakubovich mit der Gemeinde und Anrainern des Geländes über ihre Bedürfnisse gesprochen. Er hat die Baupläne der alten Synagoge studiert. Sein Entwurf sieht ebenfalls Räume für Gebet, Gemeindeleben und Kultur vor – nur mit einer Fassade, die nicht dem zerstörten Original ähnelt. Kay Zareh hatte gemeinsam mit seiner Frau, der Architektin Ruth Golan, 2007 die Synagoge Rykestrasse in Berlin behutsam instand gesetzt. Was Yakubovich auch beschäftigt: Das hügelige Gelände, das wohl entstanden ist, als der Hochkeller und das Hochparterre der Synagoge nach der Zerstörung zugeschüttet wurden. Yakubovich vermutet, dass sich dort auch Reste der Bima befinden könnten. Aus seiner Sicht müssten diese Kellerebenen alleine schon aus ethischen und religiösen Erwägungen unbebaut bleiben. Er ist der Meinung, dass neue Formen der Erinnerungskultur gefunden werden müssen.

Ergebnis offen
Im Rahmen des an vier deutschen Universitäten verankerten «Synagogenprojekts» sind auch andere studentische Entwürfe entstanden. Über 140 Studenten haben für dieses Projekt Entwürfe für die Synagoge Fraenkelufer und die Synagoge Bornplatz erstellt oder sich mit den Gebäuderesten des «zweiten Israelitischen Tempels» an der Hamburger Poolstrasse auseinandergesetzt. Wie die beiden Synagogen in Berlin und Hamburg dereinst aussehen werden, ist also noch offen, auch wenn äusserlich bereits eine klare Tendenz zum Historischen erkennbar ist.

Sarah Leonie Durrer