Der überraschend knappe Sieg des linken Israel-Kritikers Dr. Abdul El-Sayed gibt zu reden.
Wie gestern Mittwoch notiert, haben sich die Auszählungen der demokratischen Vorwahlen für ein US-Senatsmandat in Michigan überraschend lang hingezogen. So fiel das Ergebnis am Mittwochmorgen denn auch – zumindest für Demoskopen – unerwartet knapp aus. Am Ende konnte der linke Israel-Kritiker Abdul El-Sayed bei starker Wahlbeteiligung die moderate Kongressabgeordneten Haley Stevens nur mit einem Punkt und 15'000 Stimmen Vorsprung schlagen. Stevens war von der pro-israelischen AIPAC mit rund 32 Millionen Dollar unterstützt worden und konnte dank Zuwendungen der Fraktionsführung in Washington und weiterer Spenden gut 50 Millionen Dollar in den Kampf gegen den Arzt und Nachkommen ägyptischer Immigranten stecken: das Zehnfache der Mittel El-Sayeds.
Sein Sieg wird daher dennoch als schwere Schlappe für AIPAC und damit weiteres Indiz für die einbrechende Unterstützung für Israel bei der demokratischen Basis gesehen. Als Verlierer kann aber zudem Fraktionsführer Chuck Schumer gelten, der sich frühzeitig hinter Stevens gestellt hatte. El-Sayed hat bereits angekündigt, dass er im Falle eines Sieges über den Republikaner Mike Rogers bei den Wahlen im November für die Absetzung Schumers eintreten wird.
Ob es dazu kommt, ist angesichts aktueller Umfragen zweifelhaft. Doch diese haben ihren niedrigen Wert nun erneut bewiesen. Rhetorisch begabt, hat sich El-Sayed derweil mit einer linkspopulistischen Programmatik als einerseits als selbstbewusster Kämpfer für breite Schichten etabliert, der zu seiner Herkunft, seinem Glauben und seinem arabischen Namen steht. Er scheint damit wie bei einer vom Washingtoner Establishment zutiefst enttäuschten Wählerschaft gut anzukommen – und gleicht damit durchaus Zohran Mamdani in New York City.
Wie dieser war der an Elite-Unis ausgebildete El-Sayed seit über einem Jahr unentwegt im gesamten Wahlgebiet unterwegs und hat persönlich Kontakt mit Menschen im Hinterland, Tourismus-Gebieten, Uni-Städten oder auch der Metropole Detroit gesucht. Stevens hielt dagegen relativ wenige Events ab. Zudem präsentiert sich El-Sayed nun – wie Mamdani – als flexibler Pragmatiker und hat noch in der Wahlnacht Kontakt mit Stevens aufgenommen. Am Morgen schlugen beide erstaunlich versöhnliche Töne an.
Gleichzeitig ging El-Sayed sofort und scharf in die Offensive gegen Rogers – den er nicht allein als Instrument Trumps und mächtiger Wirtschafts-Interessen bezeichnet, sondern auch «zurück nach Florida schicken» will. Dorthin hatte der in Michigan geborene Politiker und FBI-Veteran 2022 seinen Wohnsitz verlegt, ehe er 2024 für eine erste und gescheiterte Senats-Bewerbung zurück in den oberen Mittelwesten kehrte (Link).
Fraglich bleibt, ob El-Sayed Israel und AIPAC weiter ins Zentrum seiner Kampagne stellt. Eine Versuchung dafür liegt womöglich in der offenkundigen, emotionalen Zugkraft des Themas, was wiederum Antisemitismus Auftrieb geben könnte. Amerikanische Wahlkämpfe zeichnen sich gerade in der Trump-Ära durch die Aufwiegelung simpler Emotionen und Animositäten aus. Dabei rangieren heute Israel/AIPAC und Daten-Zentren/KI-Konzerne an der Spitze der Erregungs-Skala.