doha 30. Jan 2026

Schafft Art Basel den Katar-Spagat?

Die Art Basel hat sich allzeit als Plattform für offenen, künstlerischen Austausch präsentiert. Einige Kritiker bezweifeln, dass dies unter den politischen Bedingungen Katars weiterhin möglich sein…

Eine Woche vor der ersten Art Basel Katar in Doha sorgte diese Expansion für weitere Diskussionen – die politische Rolle Katars passt vielen nicht zur freien Kunstszene, andere befürchten Probleme für jüdische und israelische Künstler.

Die Art Basel hat intensive Jahre hinter sich. Mit der Beteiligung von James Murdoch, Sohn des Medienunternehmers Rupert Murdoch, ist seit 2020 ein massgeblicher Anteilseigner der MCH Group, der Muttergesellschaft der internationalen Kunstmesse Art Basel, hinzugekommen. Über seine private Investmentfirma Lupa Systems stieg Murdoch als Ankeraktionär ein und sicherte sich einen bedeutenden Anteil an der MCH Group AG sowie Sitze im Verwaltungsrat. Damit zählt er zu den wichtigsten strategischen Investoren hinter der Marke Art Basel und beeinflusst die Weiterentwicklung des globalen Messe- und Eventgeschäfts. Bisher gehören zur Art Basel neben der ursprünglichen Messe in Basel auch Kunstmessen in Paris, Miami Beach und Hongkong. Letztes Jahr hat Art Basel eine Partnerschaft mit den Firmen QC+ (eine Tochterfirma der katarischen Museumsbehörde Qatar Museums) und Qatari Sports Investments (QSI) gegründet. Beide dieser Firmen sind im Eigentum der katarischen Regierung. Im Rahmen dieser Partnerschaft veranstaltet Art Basel erstmals eine Spinoff-Kunstmesse in Katar.

Diese Entwicklung wird in einer Pressemitteilung der Art Basel von Sheikha al-Mayassa Bint Hamad bin Khalifa al-Thani, Vorsitzende der katarischen Museumsbehörde, begrüsst: «Im Rahmen der Nationalen Vision 2030 Seiner Hoheit des Emirs hat sich Katar zu einer wissensbasierten Wirtschaft gewandelt, wobei Kultur und Kreativwirtschaft eine Vorreiterrolle einnehmen. Anlässlich des 20-jährigen Jubiläums von Qatar Museums freuen wir uns, die Organisation Art Basel als unseren Partner begrüssen zu dürfen, um Katars Initiativen zur Unterstützung der Kreativwirtschaft in unserer Region weiter voranzutreiben und unseren Talenten aussergewöhnliche neue künstlerische Erfahrungen und Möglichkeiten zu bieten.» Ebenfalls in der Pressemitteilung äussert sich Nasser Ghanim al-Khelaifi, Geschäftsleiter von QSI, der auch als Präsident des französischen Fussballclubs Paris Saint Germain dient, erfreut: «Als führender Investor in den Bereichen Sport, Kultur, Unterhaltung und Lifestyle ist QSI sehr stolz und freut sich, im Rahmen des Vermächtnisses der FIFA-Fussball-Weltmeisterschaft Katar 2022 eine Rolle dabei zu spielen, die weltberühmte Kunstmesse Art Basel nach Katar und in unsere Region zu holen. Wie dieses Ereignis auf unvergessliche Weise gezeigt hat, sind Sport und Kultur eng miteinander verbunden, da sie Menschen vereinen und die Welt zusammenbringen können, was im Mittelpunkt der Mission von QSI steht. Wir freuen uns sehr über die Zusammenarbeit mit QC+ und heissen die Art Basel in Katar willkommen – eine Partnerschaft, die die Region inspirieren und weitere Investitionen in eine grossartige Kulturorganisation bringen wird.»

Katar baut derzeit seine Museumslandschaft in grossem Stil aus: Unter der Leitung der katarischen Museumsbehörde sind derzeit mehrere neue Institutionen in Planung, die das kulturelle Angebot des Landes in den kommenden Jahren deutlich erweitern sollen. Neben bereits bestehenden Häusern wie dem Museum of Islamic Art oder dem National Museum of Qatar entstehen derzeit vier bedeutende neue Projekte. Mit einem Museum für moderne und zeitgenössische Kunst sowie einem Museum in Lusail zur orientalischen Kunst und einem Kinder- und Automobilmuseum möchte Katar den geplanten oder schon gebauten Museen in Riad und Abu Dhabi – mit Louvre und dem Guggenheim-Museum – die Stirn bieten. Allen gemein ist, dass sie um europäische und amerikanische Kunstwerke und Bestände ringen. Dass die westlichen Galerien, Auktionshäuser und Museen über teilweise angebrachte ethische Bedenken hinwegsehen, mag sicher mit den enormen finanziellen Mitteln in einem ausgetrockneten Kunstmarkt zu tun haben. «Art Basel ist in einer Reihe von internationalen Umfeldern tätig, in denen sie Werke sammeln kann. Offensichtlich besteht eine finanzielle Beziehung zwischen der Art Basel und Katar, bei der es um Geld geht. Es gibt offensichtlich eine Verlagerung der Kunst in den Nahen Osten, die auch durch finanzielle Interessen motiviert ist», stellt der Galerist Benjamin Evans aus der Galerie Landau Fine Art fest.

Kultureller Austausch oder Artwashing?
Die Einmischung Katars im Kunst-, Kultur- und Sportbetrieb bereitet Sorgen. Für Evans sind diese zumindest zum Teil berechtigt: «Es gibt einen enormen Einfluss, der in jüngster Zeit von der Leidenschaft der Sammler ausgeht, die sich um die Königsfamilie in Katar dreht, die Kunstwerke aus vielen Epochen erwerben möchte. Art Basel hat sich als führende Kunstmesse in der Region positioniert. Dort bieten sich für Galeristen grossartige Möglichkeiten, neue Kontakte zu Sammlern zu knüpfen.» Nach Evans habe Art Basel «allen Grund, nach Katar zu gehen. Es gibt eine zunehmende Partnerschaft zwischen Katar und der Art Basel, die sich um diese Messe dreht. Das bereitet anderen Menschen Unbehagen, weil sie Katar möglicherweise nicht wohlgesonnen sind.»

Die Partnerschaft zwischen Art Basel und Katar entsteht in einer Zeit, in der sich Katar als wichtiger und einflussreicher Akteur in der Region und weltweit positioniert. In den letzten Jahren versucht Katar intensiv, sein Ansehen zu verschönen, wie beispielsweise die Veranstaltung der Fussball-Weltmeisterschaft 2022 oder mit dem Einstieg in die Formel 1, wie sich kürzlich auch im Netflix-Megaerfolg «F1» mit Brad Pitt zeigte.

Doch hinter diesem Image steckt eine dunkle Realität: Katar ist eine Autokratie, in der Menschenrechte wie auch die Meinungs- und Kunstfreiheit durch willkürliche Inhaftierungen von Menschenrechtsaktivisten und Regierungskritikern stark eingeschränkt wird. Laut Amnesty International hat sich die Situation im Land mit der Revision des katarischen Strafgesetzbuchs vom Jahr 2020, nach der sich strafbar macht, wer «im In- oder Ausland falsche oder voreingenommene Gerüchte, Aussagen oder Nachrichten oder aufwieglerische Propaganda verbreitet, veröffentlicht oder erneut veröffentlicht, mit der Absicht, den nationalen Interessen zu schaden, die öffentliche Meinung aufzuhetzen oder das soziale System oder das öffentliche System des Staates zu verletzen», weiterhin verschärft. «Katar hat bereits eine Vielzahl repressiver Gesetze, aber diese neue Gesetzgebung versetzt der Meinungsfreiheit im Land einen weiteren schweren Schlag und stellt einen eklatanten Verstoss gegen das Völkerrecht dar», heisst es laut der Menschenrechtsorganisation.

Darüber hinaus unterstützt Katar aktiv islamistische und terroristische Organisationen in der Region wie die Hamas. Durch die sogenannte katarische Kommission zum Wiederaufbau des Gazastreifens hat Katar insgesamt ca. 1,4 Millionen Schweizer Franken an die Hamas überwiesen – zum grossen Teil mit der Zustimmung der israelischen Regierung.

Ist das Auftreten der Art Basel in Katar auch Teil dieses Manövers? Kann eine Kunstmesse überhaupt ohne ausreichenden Schutz der Kunstfreiheit stattfinden? Art Basel lehnt jegliches politisches Motiv hinter dieser Entscheidung ab. Gegenüber tachles sagte die Sprecherin von Art Basel, Isabelle Becker: «Wir sind uns der kritischen Diskussionen rund um Katar bewusst und nehmen diese ernst. Gleichzeitig versteht die Art Basel ihre Präsenz nicht als politische Positionierung, sondern als kulturelles Engagement, das auf Austausch, gemeinsames Lernen und kreative Zusammenarbeit abzielt. Die Art Basel versteht sich als Plattform für die internationale Kunstwelt, nicht als politischer Akteur.» Die Art Basel räumt zwar ein, dass sich «alle Beteiligten in einem konkreten kulturellen und lokalen Kontext bewegen, der bei der Präsentation der Werke berücksichtigt wird», lehnt jedoch einen Eingriff in die kuratorische Freiheit ab. «Die kuratorische Unabhängigkeit der Art Basel wird uneingeschränkt gewahrt; es gibt keine inhaltlichen Vorgaben durch lokale Partner.»

Folgen für jüdische Kunst
Die Rolle Katars in der Kunstszene könnte Auswirkungen auf jüdische Künstlerinnen und Künstler haben. Evans spricht von erheblichen Schwierigkeiten, die jüdische und israelische Kunsteinrichtungen bereits erleben. Ben Evans Galerie nimmt an Art Basel Katar nicht teil. Dies hat aber eher mit logistischen Gründen zu tun: «Unsere Besorgnis gründet sich auf die Instabilität der Welt: Angesichts der aktuellen Terrorismus- und Kriegsgefahr ist es sehr riskant, Kunstwerke nach Katar zu verschiffen.»

Konkret in Bezug auf die Teilnahme an Art Basel Katar bestehen aufgrund der gespannten Lage im Nahost und der engen Beziehungen zwischen Katar und der Hamas Sicherheitsbedenken um jüdische und israelische Künstler und Galeristen während ihres Aufenthalts in Katar. Der israelische Nationalsicherheitsrat rät israelischen Staatsbürgern aufgrund erhöhter Motivation terroristischer Akteure vor Ort, Israelis und Juden anzugreifen, konsequent von jeglicher Reise nach Katar ab.

Laut Art Basel folgt Art Basel Katar hingegen «dem Leitprinzip aller Art Basel-Ausgaben: ein offener und inklusiver Raum zu sein, der Menschen jeglichen Alters, aller ethnischen und sozialen Hintergründe, Nationalitäten, Geschlechter, Religionen, Weltanschauungen und sexuellen Identitäten willkommen heisst. Die Sicherheit aller Beteiligten – Künstlerinnen und Künstler, Galerien, Mitarbeitende sowie Besucherinnen und Besucher – hat dabei höchste Priorität. Ob und welche Sicherheitsmassnahmen zum Schutz jüdischer und israelischer Teilnehmer vorgenommen wurden, lässt Art Basel jedoch offen. Ebenfalls kann Art Basel die Einreise für Teilnehmende mit israelischer Staatsbürgerschaft nicht gewährleisten: «Wie bei all unseren Messen, sind die Einreise- und Visumbestimmungen des Staates anwendbar, in dem wir tätig sind.»

Mit der Partnerschaft mit Art Basel versucht Katar, seinen Einfluss auf dem Kunstmarkt zu erweitern. Dieser Schritt spiegelt die Bemühungen Katars wider, seine «soft power» zu entwickeln. Auch wenn das Motiv der Art Basel, diese Partnerschaft einzugehen, überwiegend finanziell war, lassen sich katarische politische Interessen davon nur schwer trennen. Während sich die endgültigen Auswirkungen auf jüdische Kunst noch nicht feststellen lassen, kann davon ausgegangen werden, dass dies die bereits prekäre Lage, in welcher sich jüdische Künstlerinnen und Künstler, wie Evans sie beschreibt, befinden, nicht positiv beeinflussen wird. «Antisemitismus in der Kunstszene nimmt in einer erschreckenden Konsistenz zu. Institutionen sind davon betroffen – ob dies mit dem Einfluss Katars zusammenhängt, ist unklar. Viele jüdische Kunsthändler fühlen sich in Katar unwohl, einige aber auch nicht.»

Uri Binnun