salzburg 03. Jul 2026

Salzburgs Villa Massimo?

Der österreichische Schriftsteller Stefan Zweig vor dem «Paschinger Schlössl» am Kapuzinerberg in Salzburg 1933.

Stefan Zweigs ehemalige Villa in Salzburg, derzeit in Besitz von Wolfgang Porsche, steht zum Verkauf – Salzburg hätte die Chance, ein Juwel zu erwerben, aber die Kassen sind leer.

Das Vorhaben des Bauherrn klang machbar. Die Zufahrt zum Haus vereinfachen und eine Stellfläche für PKWs erschliessen. Nur, dass es sich bei der geplanten Zuwegung um die private Durchtunnelung des Salzburger Kapuzinerbergs handelt, bei dem Parkplatz um ein Areal für etwa zehn Autos und bei dem zu ertüchtigenden Objekt um die geschichtsträchtige Villa Zweig, jenes Anwesen auf dem Kapuzinerberg, das einst dem österreichischen Schriftsteller Stefan Zweig gehörte und seit 2020 in Besitz des Porsche-Aufsichtsratsvorsitzenden Wolfgang Porsche ist. Erbaut im 17. Jahrhundert und im 19. Jahrhundert mehrfach erweitert, liegt die Villa, das sogenannte Paschinger Schlössl, im Bereich des UNESCO-Weltkulturerbe-Komplexes des historischen Zentrums der Stadt.

Nun soll die Villa überraschend wieder verkauft werden. Vorangegangen ist ein monatelanger Streit. Gegen die ambitionierten Pläne, insbesondere gegen den privaten Zufahrtstunnel auf Stadtgrund samt Garage, gibt es in der Stadt teils heftigen Widerstand. Viele halten das Projekt für abgehoben, hadern mit dem Eingriff ins Historische, mit der Aussicht auf die erhebliche Belästigung durch die Baustelle für den 500-Meter-Tunnel und die Lärmbelästigung. Auch vermuten einige eine grosse Extrawurst für den prominenten Mitbürger bei der Vergabe der Baugenehmigung und empören sich über die ihm in Rechnung gestellten moderaten Gebühren von angeblich etwa 36 000 Franken. Vielleicht hat Wolfgang Porsche, seit Kurzem verheiratet mit Gabriele Prinzessin zu Leiningen, einfach keine Lust mehr, sich die Proteste weiterhin anzutun und all die Steine aus dem Weg zu räumen. Vielleicht hat der 83-Jährige mittlerweile einfach neue Prioritäten. Vielleicht aber haben die Kritiker das Grossprojekt mit Erfolg ausgebremst.

Vordenker Europas
Stefan Zweig, 1881 in Wien geboren, war Schriftsteller, Übersetzer, Literaturvermittler und Pazifist, Bestsellerautor und Weltbürger. Schon in jungen Jahren war er ein ungewöhnlich weitgereister Mann. Er hatte Philosophie, Germanistik und Romanistik studiert und war während des Ersten Weltkrieges Mitarbeiter im österreichischen Kriegspressehauptquartier. 1917 reiste er in die Schweiz, wo 1918 sein pazifistisches Drama «Jeremias» am Zürcher Stadttheater uraufgeführt wurde. Zweig lebte von 1919 bis 1934 mit seiner ersten Frau Friderike in Salzburg. Diese Jahre gelten als die erfolgreichsten seiner literarischen Karriere. Auch arbeitete er in der Salzburger Zeit intensiv an seiner Vision eines geeinten Europas. 1934 ging er angesichts des zunehmenden Antisemitismus ins Exil nach Grossbritannien und schliesslich, nach kurzer Zwischenstation 1940 in der Nähe von New York, 1941 nach Brasilien.

In seinem schriftstellerischen Werk hatte er sich immer wieder auch mit Konstellationen und Figuren der europäischen Geschichte beschäftigt. Im Februar 1942 in Petrópolis, niedergedrückt durch die neuen politischen Verhältnisse auf dem alten Kontinent und die Bitternis seiner Situation als Exilant in Südamerika, schied Stefan Zweig gemeinsam mit seiner zweiten Frau Lotte Altmann aus dem Leben. Seine literarische Karriere hatte der Wiener Autor mit Gedichten und Stücken begonnen, die vom Wiener Impressionismus eines Hugo von Hofmannsthal und vom französischen Symbolismus à la Baudelaire beeinflusst sind. Als Zeitgenosse Sigmund Freuds setzte er sich früh mit der Psychoanalyse auseinander, auch Zweigs Novellen spiegeln die Seelenzustände des modernen Menschen und blicken unter die Oberfläche eines bürgerlichen Daseins zur Zeit des Fin de Siècle. Mit Freud sprach er auch «über das Grauen der hitlerischen Welt und des Krieges», und immer wieder ging Stefan Zweig in seinem umfangreichen Werk, zu dem dichterische Essays, Erzählungen, Dramen und grosse Biografien gehören, auf die eine oder andere Weise dem Phänomen des Schöpferischen nach. Doch am berühmtesten sind «Die Schachnovelle» und sein Buch «Die Welt von gestern», ein Porträt über das untergegangene Habsburger-Reich, das er als ein globales Modell für das Zusammenleben unterschiedlicher Völker verstand. Als Literat wie als Vordenker Europas ging er über die Grenzen einzelner Nationen hinaus. Bis heute gehört Stefan Zweig zu den meistgelesenen deutschsprachigen Schriftstellern. Seine Werke sind, neben denen Kafkas, die meistübersetzten des 20. Jahrhunderts und wurden wiederholt verfilmt. Thomas Mann notierte über seinen Kollegen: «Sein literarischer Ruhm reichte bis in den letzten Winkel der Erde.»

Private Übernahme?
Angesichts dieses überaus facettenreichen und in seiner Tiefgründigkeit sehr «österreichischen» Werkes stellt sich die Frage, ob Zweigs Bedeutung in Salzburg noch intensiver herausgestellt werden könnte, konkret: ob sein ehemaliges Wohnhaus dort, die Villa Zweig, auch für kulturelle Zwecke genutzt werden könnte. Als Stefan-Zweig-Kulturzentrum der Sonderklasse? Als Begegnungsort, Veranstaltungsplattform und Forschungsstätte mit Residenten-Programm? Eine Art Villa Massimo in Salzburg? Als diskursiver, öffentlich zugänglicher Denkort und Topos des Zweig’schen Erbes mit internationaler Strahlkraft?

Stefan Zweig hatte das Haus im April 1937 verkauft. Er habe sich wegen seiner Übersiedlung nach London zu diesem Schritt entschlossen, wie etwa die Zeitung «Der Tag» am 22. April 1937 vermeldete. Das Paschinger Schlösschen wird in einem historischen Katalog als ein «einfaches, weiss gefärbeltes Gebäude» beschrieben, dessen Keller und Erdgeschoss zum Teil in einen massiven Fels hineingebaut sind. Es hat 12 Zimmer auf einer Fläche von über 600 Quadratmetern, hinzu kommt der Garten mit knapp 8000 Quadratmetern. Die Stadt Salzburg und auch die Universität hatten vor gut acht Jahren bereits die Chance, das Gebäude zu erwerben, aber die Objektkosten von rund 8 Millionen Franken und das Investitionsvolumen hätten den finanziellen Rahmen gesprengt. Auch jetzt hat die Stadt nicht das nötige Geld. Bei aktuell aufgerufenen 12 Millionen Franken winkt auch das Land ab. Eine Übernahme der Villa auf dem Kapuzinerberg durch die öffentliche Hand erscheint also immer unwahrscheinlicher. Ausserdem gibt es etliche Stimmen in der Stadtbevölkerung, die, nachvollziehbarerweise, eine «Musealisierung» Salzburgs befürchten. Salzburg sollte stattdessen ein für Investoren attraktiver Standort sein. Private Kaufinteressenten für das einmalige Schmuckstück dürfte es reichlich geben, das Objekt wird auf einer Premium-Maklerseite bereits angeboten.

Wolfgang Porsche, der sich den Tunnel etwa 9 Millionen Franken hätte kosten lassen und bereits Millionen in die aufwendige Restaurierung der Immobilie, die er nun loswerden will, investiert haben soll, geht es bei dem Projekt vermutlich in erster Linie noch nicht einmal ums Geld. Letzteres ist dem wunderschönen Schlösschen indes zu wünschen, denn zum Kaufpreis käme die für den neuen Zweck nötige Umgestaltung. Ungefähr 28 Millionen Franken insgesamt, heisst es, wären schön.

Förderkreis für ein Stefan-Zweig-Kulturzentrum
Nun gibt es bereits seit Jahren das Stefan-Zweig-Zentrum Salzburg in Räumen der Edmundsburg auf dem Mönchsberg als Ort für Literatur, Kunst und Wissenschaft, das erfolgreich ein breites Angebot an Veranstaltungen, Lesungen und Vorträgen bietet. Hendrik Lehnert, ehemaliger Rektor der Universität Salzburg, bereitete bereits vor Jahren die Zusammenführung des Zentrums und des Literaturarchives Salzburg mit der Gründung eines grossen Stefan-Zweig-Hauses in Salzburg vor. Da nun die Zweig-Villa erneut zum Verkauf steht, liebäugelt er mit der Idee, einen Förderkreis zu gründen, mit dem Ziel, das historische Haus für die Öffentlichkeit und die Universitäten Salzburgs zugänglich zu machen. Während seiner Zeit als Universitätsrektor war es Lehnert gelungen, zahlreiche Umstrukturierungspläne zu realisieren, Fakultätsneugründungen anzustossen, die Forschungsschwerpunkte zu bündeln und die Universität in einer europäischen Allianz zu internationalisieren. 2023 endete Lehnerts Amtszeit, für sein Wirken wurde er im Mai 2025 mit dem Ehrenzeichen des Landes Salzburg geehrt. Als Wissenschaftler befasste sich Rektor emeritus Lehnert intensiv mit Leben und Werk von Stefan Zweig, speziell mit dessen Salzburger Jahren und der Emigration. Hierzu hielt er an israelischen Universitäten Vorlesungen und initiierte ein Symposium zu Thomas Mann und Stefan Zweig. Ob es gelingt, Mittel für den Erwerb und die Entwicklung des Schlösschens bei Sponsoren einzuwerben, und das schneller, als ein solventer Privatkäufer zuschlagen würde, bleibt abzuwarten. Ein Problem aber harrt auch seiner Lösung: eine optimierte Zuwegung auf den Kapuzinerberg. Auch bei Nutzung als Kulturzentrum wäre es Besuchern sicher nicht zuzumuten, nach oben zu kraxeln.

«Mit Stefan Zweig durch Salzburg». Spaziergang. 13. August und 3. September, 16 Uhr. Treffpunkt: Stefan-Zweig-Zentrum, Edmundsburg, Mönchsberg.
 

Katja Behling