Erinnerung 25. Sep 2026

«Ich rede jeden Tag mit ihnen»

Alice Boudron mit ihrer Tochter Veronique beim Sichten der Dokumente ihres Vaters.

Alice Boudron, geborene Szusterman, wird am 27. September 90. Ihr Vater wurde 1943 von Drancy nach Auschwitz deportiert, sie überlebte als Kind im Versteck. Ein Porträt entlang der Dokumente. 

Es ist ein Hochsommertag im Sommer 2026. Die Storen sind tief hinuntergezogen und verbergen den Blick auf das Meer und das Hypodrome. Auf dem Tisch liegen drei Dinge: eine vergilbte Mitteilung des französischen Ministeriums für Kriegsteilnehmer und Kriegsopfer vom 21. September 1950, eine Karte in verblasster blauer Tinte und ein Zeitungsausschnitt vom 8. Mai 2001 mit dem Titel «Le Cantal, terre d’asile pour les Juifs». Alice ist nicht viel geblieben, aber das immerhin: die Erinnerungen an ihren Vater als kleines Mädchen. Tolle Fotos mit ihr und ihrem Vater. Die kleine Alice lächelt immer, ist glücklich und weiss nichts vom drohenden weltgeschichtlichen Tsunami, der Europa bereits in jenen Tagen am Überrollen ist. Die Briefe des Vaters, sagt sie mit gebrochener Stimme, seien die wichtigsten Dokumente. Der Kinderblick ist immer noch da, die Fröhlichkeit in ihren weinenden Augen blitzt hervor. Doch Alice Boudron wird von diesem zu frühen Abschied nicht mehr loskommen, ein bescheidenes Leben führen und den Gefühlen nachleben, die in jener harten Zeit keinen Platz hatten.

Das Schreiben von 1950 trägt die Dossiernummer 25.241 und stammt aus dem Büro für Karteien und Personenstand der Deportierten an der Avenue Foch in Paris. Es ist an «Madame Szusterman» gerichtet, Rue de Lourmel 24. Das Ministerium teilt mit, dass Meyer Szusterman, geboren am 13. Mai 1913 in Siedlce (Polen), wohnhaft in Paris, Rue Beaurepaire 34 im 10. Arrondissement, am 13. Februar 1943 in Drancy gestorben sei. Gestützt auf die Ordonnance Nr. 45-2717 vom 2. November 1945 ersucht es den Bürgermeister des 10. Arrondissements, im Sterberegister den Vermerk «Mort pour la France» einzutragen. Der 13. Februar 1943 ist der Tag, an dem der Konvoi Nr. 48 Drancy in Richtung Auschwitz verliess.

Rue Beaurepaire

Alice Monique Szusterman kommt am 27. September 1936 in Paris zur Welt. Ihre Eltern stammen beide aus Polen: Meyer aus Siedlce, Tyla, geborene Blaszka, am 10. Januar 1914 in Warschau geboren. Das Mémorial de la Shoah führt Meyer als französischen Staatsbürger «par option» und als Angestellten. Nach den Akten der Sarthe erhielt Tyla die französische Staatsangehörigkeit durch die Heirat. Zu Hause, sagt Alice, sprach man Französisch und Polnisch, auch Jiddisch. Ihr Vater habe als Verkäufer im Warenhaus «Aux 100 000 chemises» am Boulevard Saint-Germain gearbeitet. Er fuhr viel Velo: «Er hat es mir beigebracht, mein Leben lang bin ich Velo gefahren.» Die Familie der Mutter hatte sieben Kinder, der Grossvater mütterlicherseits handelte in Saint-Ouen mit Gebrauchtwaren. Nach der Familienüberlieferung kamen die Grosseltern mittellos aus Polen, und fast alle Angehörigen der Mutter wurden deportiert.

Mansigné

Ende Januar 1941 verlässt die Familie Paris und zieht nach Mansigné bei La Flèche, in den Weiler Le Bouché. Die Unterlagen der Präfektur der Sarthe, die der Hobbyhistoriker Yves Moreau auf seiner Website «Les déportés juifs de la Sarthe» mit Archivsignaturen erschliesst, belegen den Aufenthalt. Am 29. Oktober 1941 wird die Ankunft gemeldet. Am 10. November 1941 stehen die Szustermans im Judenregister, am 5. Juni 1942 in der Zählung Nr. 22, als in der besetzten Zone der Judenstern eingeführt wird. Um den 15. August 1942 herum verlassen sie den Ort «ohne Angabe einer Adresse». Alice besitzt ein Foto aus der Sarthe, das ihre Eltern und sie bei einem Ehepaar zeigt, das nach ihren Worten viele Juden gerettet hat.

Maurs

Die Sarthe lag in der von den Deutschen besetzten Zone. Wer in die «freie Zone» im Süden wollte, musste die Demarkationslinie überqueren, die erst am 1. März 1943 fiel. Alice erinnert sich ans Cantal, und die Unterlagen geben ihr recht: Das Mémorial de la Shoah führt als Wohnort ihres Vaters Maurs im Südwesten des Cantal. Im Cantal zählte der Präfekt im September 1941 248 französische und 240 ausländische Juden, im Februar 1943 waren es rund 1080. Der Zeitungsausschnitt auf dem Tisch berichtet von der Ehrung der Jeanne Lavialle in Maurs. Sie war nach dem Komitee für Yad Vashem in Frankreich Leiterin des Büros für Ausländer und «Israeliten» bei der Präfektur des Cantal und wurde nach dem Bericht 2000 posthum als Gerechte unter den Völkern ausgezeichnet. In Vic-sur-Cère leiteten zuerst Henriette Malkin, dann Suzanne Jacquet im «Touring Hôtel» ein Heim für versteckte jüdische Kinder. Dass Alice dort war, sagt sie nicht. Im Cantal, erzählt sie, habe ihre Mutter den Käsehändler aus Aurillac kennengelernt, der später ihr Stiefvater wurde.

Drancy

Wie es zur Verhaftung kam, erzählt die Familie so: Man habe Schlepper bezahlt, der Vater sei schon jenseits der Linie gewesen. Weil das versprochene Gepäck nicht ankam, sei er zurückgekehrt, um es zu holen, und von den Deutschen festgenommen worden. Mitverhaftete hätten der Familie die Nachricht überbracht. Wo er verhaftet wurde, ist nicht belegt. Das Mémorial verzeichnet nach dem Eintragsverzeichnis von Drancy seine Internierung dort am 6. Januar 1943.

Von Meyer Szusterman sind Briefe erhalten. Die Karte in blauer Tinte ist undatiert, ihr Inhalt spricht für die Zeit der Internierung. Er bittet um Wäsche, Schuhe, Seife, Rasierzeug und «wenn möglich» eine Decke: «Ich habe nichts, um mich zuzudecken.» Die Unterschrift ist im Foto schwer lesbar. In einem weiteren Brief, der am Tisch vorgelesen wird, schreibt er, er habe die Eltern seiner Frau noch kurz umarmen können, bevor er nach Drancy kam. Das Unglück sei «ganz seine Schuld». Die Vorleserin deutet das als Eingeständnis, er hätte nicht zurückkehren sollen. Er lasse der kleinen Tochter ausrichten, der Papa habe die versprochene Puppe nicht vergessen.

Gut fünf Wochen nach der Internierung, am 13. Februar 1943, verlässt der Konvoi Nr. 48 Drancy mit tausend Menschen in Richtung Auschwitz. Alle Deportierten waren laut Yad Vashem französische Staatsbürger. Nach der Ankunft wurden nur 142 Männer und 166 Frauen für die Zwangsarbeit selektiert. Je nach Zählung überlebten zwischen zwölf und 20 Menschen. Ob Meyer Szusterman zu den selektierten Männern gehörte, lässt sich den Unterlagen nicht entnehmen. Er war 29. Sein Name steht auf der Mauer der Namen des Mémorial an der Rue Geoffroy-l’Asnier, auf der die 76 000 aus Frankreich deportierten Juden verzeichnet sind, Platte 46, Spalte 16, Reihe 1.

Im Versteck

Alice war sechs. Ihre Mutter versteckte sich mit ihr zunächst in kleinen Hotels und bei Privatleuten. Später gab sie das Kind in eine Bauernfamilie, wo Alice deren Namen tragen und sich als deren Tochter ausgeben musste. Sonntags ging sie mit zur Messe. Sie erinnert sich an einen Keller, in dem sie unter Kartoffeln versteckt war, und an ein Pensionat bei Nonnen in Orléans gegen Kriegsende. Die Mutter arbeitete in Paris und besuchte sie, wenn sie konnte. Als der Krieg endete, war Alice acht, wenige Monate später neun. In diesem Alter liess die Mutter sie taufen, «um dich zu schützen, denn eines Tages fängt es wieder an». Der Satz hat sie nie verlassen.

Nach dem Krieg

Ihr Halbbruder wird in Pavillons-sous-Bois bei Paris geboren, dort geht Alice zur Schule. Später kauft die Mutter in Montaigu-le-Blin im Département Allier, rund 30 Kilometer von Vichy, ein Haus. Alice lebt dort mit 13, während die Mutter in Paris arbeitet, und kümmert sich um die jüngeren Geschwister. Mit vierzehn legt sie das Primarschulabschlusszeugnis ab, ein Jahr zu spät wegen des Krieges. Eine Schwester ihres Vaters, ihre Tante Rachel, will sie aufnehmen. Alice, damals etwa zehn, lehnt ab: Sie wollte bei ihrer Mutter bleiben. In die Synagoge Nazareth in der Rue Notre-Dame-de-Nazareth im 3. Arrondissement geht sie zu den hohen Feiertagen, um Gebete zu sprechen und Kerzen anzuzünden. Dort tragen nach ihrer Auskunft zwei Tafeln die Namen von Deportierten, darunter die ihrer Familien. Tyla Szusterman stirbt am 21. Juli 1992 in Cannes, 78 Jahre alt.

Das eigene Leben

Mit 21, am 30. September 1957, bekommt Alice ihren ersten Sohn Didier. Später heiratet sie einen Katholiken aus Troyes. Die Ehe wird nur standesamtlich geschlossen, die Kinder lässt man taufen. Sie hat sieben Kinder, fünf Söhne und zwei Töchter. «Ich wollte eine grosse Familie», sagt sie. Ihr Mann stirbt 1996 mit 58 Jahren an Krebs. Nach den Erzählungen der Familie arbeitet sie schon Mitte der 1950er Jahre als Händlerin auf dem Carreau du Temple, dem Pariser Kleidermarkt im Marais. Dort seien viele Juden gewesen, deren Familien deportiert worden waren, aber niemand habe darüber gesprochen. Heute lebt sie an der Côte d’Azur. Didier hat als Erster Dokumente gesammelt, ist nach Auschwitz gereist und hat ihre Erinnerungen aufgenommen.

Gerne wäre sie nochmals nach Polen gefahren. Vielleicht auch einmal nach Israel. «Ich bin nicht viel gereist, war nie in den USA.» Alice Boudron ist glücklich, gründete die eigene Grossfamilie mit fünf Kindern und 14 Enkelkindern. Sie hadert nicht mit der Vergangenheit. Doch präsent ist sie jeden Tag.

Nun feiert Alice ihren 90. Geburtstag im Kreise ihrer Familie. Alle werden sie in Cagnes-sur-Mer zugegen sein, wo sie seit fünf Jahren in der Nähe zweier Töchter lebt. Ihre Herkunft beantwortet Alice ohne Zögern: «Wenn man mich fragt, ich bin Pariserin, auch wenn ich heute anderswo wohne. Dort habe ich das meiste erlebt.» Und sie fügt an: «Ich rede jeden Tag mit meinen Eltern.» Es ist die Dualität der Fremde, des Exils dieser Generation zwischen dem, was man ihnen genommen, und dem, was sie selbst irgendwo geschaffen hat. Das neue Heim abseits der Heimat, die Alice Boudron im Herzen und in Dokumenten mit sich trägt.

Yves Kugelmann